Darwin und WallaceJene eine Stunde im Hafen

Hat der Evolutionstheoretiker Charles Darwin von einem Kollegen abgeschrieben? Der Disput dauert an. von Matthias Glaubrecht

Eine Originalausgabe von Darwins "Die Entstehung der Arten"

Eine Originalausgabe von Darwins "Die Entstehung der Arten"  |  © Peter Macdiarmid/Getty Images

Von Evolution kann man nicht reden, ohne Charles Darwin und sein Werk Über die Entstehung der Arten von 1859 zu erwähnen. Vergessen wird dabei bis heute immer wieder ein Mann, der in einer auffälligen Koinzidenz mit Darwin die Evolutionstheorie entdeckt hatte – Alfred Russel Wallace . In die Annalen der Wissenschaftsgeschichte ist er als der ewige Zweite und der Mann im Schatten Darwins eingegangen. Dabei war es Wallace, der 1858 in einem kurzen, aber wohlformulierten Aufsatz jene Theorie entwarf, die – später als Darwinismus bekannt geworden – für eine Epochenwende sorgte.

Wallace ist in jener Zeit für Jahre auf Expedition durch den indomalaiischen Archipel unterwegs, als er Darwin einen folgenreichen Aufsatz schickt – mit der Bitte, zu prüfen, ob sich seine neuen Überlegungen zur Veränderlichkeit von Arten zur Veröffentlichung eignen könnten. In einem delikaten Arrangement kommt es dann am 1. Juli 1858 bei der renommierten Linnean Society in London zur Vorstellung der neuen Theorie.

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In Abwesenheit beider Naturforscher werden zuerst Auszüge aus einem bereits 1844 von Darwin verfassten, aber unveröffentlichten Essay verlesen sowie Passagen aus einem Brief Darwins an einen Kollegen vom September 1857. Erst als damit Darwins Priorität betont ist, schließt sich die Vorstellung von Wallaces Manuskript an, obgleich dessen Aufsatz der eigentliche Anlass jenes Sitzungsabends ist.

Matthias Glaubrecht

Der Autor ist Evolutionssystematiker am Museum für Naturkunde in Berlin. Sein Buch Es ist, als ob man einen Mord gesteht (Herder Verlag) widmet sich dem Wettlauf von Wallace und Darwin.

Auf nur 20 handschriftlichen Seiten und in knappen 4.200 Worten legt Wallace darin in leicht verständlicher Form den lange gesuchten Evolutionsmechanismus dar: das Überleben der am besten Angepassten und die Auslese durch die Umwelt. Mit diesem Prinzip natürlicher Selektion gelingt letztlich der Durchbruch der Evolutionstheorie.

Die öffentliche Präsentation der Darwin-Wallace-Papiere im Sommer 1858 stellt nicht nur eine zentrale Episode der Biologiegeschichte dar, sie leitet auch eine der größten wissenschaftlichen Revolutionen ein. Allerdings entgeht anfangs den meisten Zeitgenossen die zentrale These: dass Arten nicht statisch und von Gott geschaffen sind, sondern sich angetrieben durch Naturprozesse verändern. Erst als ein Jahr später Darwins epochales Buch erscheint, bricht der Sturm los.

Die Umstände, die zur ersten Vorstellung der Selektionstheorie führten, gehören zu den am gründlichsten untersuchten Kapiteln der Wissenschaftsgeschichte; tatsächlich gleichen sie einem wahren Krimi. Dennoch sind die Ereignisse bis heute nicht vollständig aufgeklärt, und der Disput darüber, was wirklich geschah, dauert an. Was den einen lange als Zufall oder Zeugnis des Großmuts zweier Forscher galt, ist für andere wie den Times- Journalisten Arnold Brackman einer der ungeheuerlichsten Vorgänge der Biologiegeschichte. Der US-Historiker John Langdon Brooks sprach bereits 1984 von einer der übelsten Betrugsaffären. Und der britische Filmer Roy Davies wähnte sich 2008 in seinem Buch Darwin Conspiracy sogar auf der Fährte eines Verbrechens: Angeblich habe Darwin zentrale Teile seiner Theorie aus dem ihm zugesandten Manuskript von Wallace abgeschrieben.

Kurioserweise steht und fällt das Bild, das wir uns heute von Charles Darwin machen, mit der Frage nach den Laufzeiten von Wallaces Post aus dem Fernen Osten nach England . Um die Ereignisse von 1858 zu rekonstruieren, haben Wissenschaftshistoriker minutiös Routen und Fahrzeiten holländischer und britischer Post- und Frachtschiffe zwischen Ostindien und Europa ermittelt.

Sicher ist: Als Wallace im Februar 1858 auf den als Gewürzinseln bekannten Molukken wieder einmal wegen eines Malariaanfalls ausruhen musste, kam er auf die Idee mit der natürlichen Selektion. Bisher nahm man an, dass er den zwischen zwei Fieberstößen verfassten Aufsatz Anfang März 1858 von Ternate aus mit dem Postdampfer nach England schickte. Und dass dieser knapp 12 Wochen brauchte, bis er auf Darwins Landsitz Down House in der Grafschaft Kent eintraf, wo er eine Mischung aus Erstaunen, Verzweiflung und Panik auslöste.

Leserkommentare
    • Gerry10
    • 17. Februar 2012 7:04 Uhr

    ...scheint erscheint sie fast immer in mehreren Köpfen.
    Die Glühbirne wurde fast Zeitgleich in Deutschland erfunden, nur verstand niemand, im Gegensatz zu den USA, welche Bedeutung die Idee hatte.
    Das Telefon ebenso.
    Das erste Auto fuhr in Wien aber wie so vieles im KuK. Reich, war es den Behörden suspekt.
    Der Prioritätenstreit zwischen Newton und Leibniz...die Liste liese sich ewig fortsetzen.

    Vielleicht will der/die/das Schöpfer(in) sicher sein daß eine neue Idee auch wirklich Fuß fasst :-)

    • dnaliea
    • 17. Februar 2012 8:10 Uhr

    Ich kann der Argumentation des Artikels nicht ganz folgen. Es ist, (wie im Kommentar oben erwähnt) völlig normal, dass Leute gleichzeitig auf eine Idee kommen, oder etwas entdecken. Daher auch das Konzept der "Back-to-back"-Publikationen in wissenschaftlichen Zeitschriften: Gleiche Entdeckung, verschiedene Arbeitsgruppen, veröffentlicht in der gleichen Ausgabe der Zeitschrift.

    Ich finde besonders spassig, dass dieser Artikel mit dem Stichwort "plagiat" getagged ist.

    Übrigens haben Dawin und Wallace eh nur bei Malthus abgeschrieben (googlen Sie mal Malthusian collapse - das ist ein sehr ähnliches Konzept.) ;)

  1. ... wird das letztentdeckte Buch sein, was je abgeschrieben wurde.

    • war-hog
    • 17. Februar 2012 8:52 Uhr

    Nein im ernst,es ist doch so,dass Theorien und Thesen von vielen Menschen aufgestellt werden,aber die wenigsten schreiben sie nieder und noch weniger publizieren sie.
    Ich halte es deshalb ohnehin für Grundfalsch um die Verfasser einen solchen Personenkult zu betreiben.
    Denn auch Darwin wird sich mit vielen Menschen in seinem Umfeld beraten und diskutiert haben um seinen Horizont zu erweitern und von deren Erfahrungen zu "profitieren",so wird also nicht jede Erkenntnis von ihm stammen.

  2. Wie heißt es in dem Artikel:"...Auszüge aus einem bereits 1844 von Darwin verfassten, aber unveröffentlichten Essay..." Damit hat es sich bereits. Heute ist es so, dass originale Ur-Einträge in Laborjournalen, die naturgemäß nicht veröffentlicht werden, als Nachweis der Urheberschaft von Patenten gelten. Es ist auch ziemlich unerheblich, ob nun Charles Darwin oder Alfred Russel Wallace etwas aufgeschrieben haben, denn wir werden nie wissen, von wem beide etwas gelernt haben können, was mündlich mitgeteilt worden ist. Die vielen Einflüsse, die zu einer begründeten naturwissenschaftlichen Theorie führen, kann man nie nachzeichnen, weil einem die ganzen Umstände nicht bekannt sind und sein können. Wie viel wird wohl gesprochen und gedacht, bevor es zu Papier gebracht wird? Letztlich ist alles ein gemeinsamer Lernprozeß vieler Menschen. Einige schreiben das dann auf, weil sie genug Geld und Zeit haben, um nicht arbeiten zu müssen. Oder weil sie es beruflich machen können, z.B. in der Industrie oder an den Unis.

    Davon zu unterscheiden ist natürlich ein offen zu Tage getretenes Plagiieren, wie bei Herrn von und zu Guttenberg.

    • TomFynn
    • 17. Februar 2012 9:55 Uhr

    dass die Menschheit auf die bahnbrechende Idee der Evolutionstheorie gekommen ist. Ob nun Darwin oder Wallace.

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    • war-hog
    • 17. Februar 2012 10:20 Uhr

    ...so bahmnbrechend finde ich die gar nicht.
    Eigentlich weiß/wusste doch jede(r) von uns schon als Kind beim aufmerksamen Spielen und Beobachten,dass es da Zusammenhänge geben muss,oder?

    Wir sollten uns bewusst sein, dass es zwei Schritte erfordert:
    1.) Das Formulieren einer (neuen) Theorie
    2.) Die Akzeptanz der Theorie in der Community der Wissenschaftler und weiter des allgemeinen Bewusstseins.
    Eine Theorie kann inhaltlich schlüssig sein, wenn sie nicht in der Community der Wissenschaftler akzeptiert wird, entwickelt sie kaum ihre Wirkung. Daher muss eine Theorie auch von den Experten und einer Mehrheit in einer weiten Wissenschaftscommunity "denkbar" sein, sie muss also auch in das Denken der Zeit passen. Sonst bleibt sie unbeachtet oder hegt bestenfalls ein Nischendasein.
    Für die Evolutionstheorie war dieser dieser Schritt wohl erst durch die Veröffentlichung des Werks "Über die Entstehung der Arten" von C. Darwin angestoßen worden.
    Und in diesem Zusammenhang sei auch nochmals darauf hingewiesen: Der Kreationismus ist KEINE wissenschaftlich Theorie!

    • skeptik
    • 17. Februar 2012 10:06 Uhr
    7. Darwin

    Hielt seine Theorie lange zurück. Wallaces Publication war der schlussendliche Auslöser sein Werk ebenso zu veröffentlichen.
    Auch waren Darwin und Wallace nicht die ersten, die diese Gedanken hegten.
    Zudem steht eine Wissenschaftlich Arbeit auf der Schulter voriger Wissenschaftler, wo hier Lyell, Cuvier, Maltus, Lamarck, Hutton und Linne zu nennen wären.

    Zumal Darwins Notizen mittlerweile im Internet einsehbar sind:
    http://darwin.amnh.org/br...

  3. Bei Darwins monumentalem Werk "Über die Entstehung der Arten" lag kein Kreationismus, sondern Evolution vor?

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    • fegalo
    • 18. Februar 2012 0:10 Uhr

    Schon Darwins Großvater Erasmus Darwin hatte eine Theorie von der gemeinsamen Abstammung alles Lebendigen. Auch bei der Entstehung der Abstammungstheorie ist offenbar bereits Vererbung im Spiel.

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