Nachhaltigkeit Heikle Balance

Darf Nachhaltigkeit nur auf die Umwelt zielen? Eine Erwiderung.

In der ZEIT Nr. 5/12 positionieren sich eine Autorin und drei Autoren gegen das Nachhaltigkeitskonzept, unterstellend, es gäbe ein solches als Common Sense. In dem, was sie dafür halten, sehen sie paradoxerweise eine Gefahr für die »eigentliche«, nämlich die ökologische Nachhaltigkeit. Die Paradoxie ist, bezogen auf das menschliche Handeln, insbesondere das gut gemeinte, immer eine hilfreiche Denkfigur. Oft holen uns die Nebenfolgen von Handlungen ein, die auf die Lösung eines Problems zielen, dabei aber eine Reihe anderer schaffen. So wie etwa in Australien die Einführung einer Krötenart zur Bekämpfung einer Insektenplage eine Krötenplage bescherte. Wie gut, dass niemand das System Wetter »verbessern« kann.

Für vorherrschend hält die Autorengruppe ein Verständnis von Nachhaltigkeit, das maßgeblich auf die Brundtland-Kommission zurückgeht und seinerseits das deutsche Konzept der nachhaltigen Waldbewirtschaftung aus dem 16. Jahrhundert abgelöst hat. Es betone die Gleichrangigkeit von ökologischen, ökonomischen und sozialen Nachhaltigkeitszielen als Voraussetzung für eine mehrheitsfähige Politik. Dadurch, so die Autoren, biete es aber die Legitimation, ökologische Ziele letztlich den anderen unterzuordnen. Nach dem Motto: Naturschutz ja, soweit er die anderen Ziele nicht beeinträchtigt. Nachhaltigkeit werde »heute in erster Linie als eine Frage der Gerechtigkeit interpretiert«. Es gehe »um eine faire Verteilung von Gütern und Chancen«. Das sei aber ein Fehler, denn ohne intakte Natur gebe es überhaupt nichts zu verteilen – so lautet das Hauptargument.

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Manfred Moldaschl

ist Inhaber eines Lehrstuhls für Innovationsforschung und nachhaltiges Ressourcenmanagement an der Technischen Universität Chemnitz

In der Tat läuft es in der Politik so, wie es von den Autoren kritisiert wird. Aber der erste Fehler in der Argumentation der Gruppe ist, die Realpolitik mit dem Konzept selbst zu verwechseln. Für die Natur wäre es im Übrigen zweifellos das Beste, wenn der Mensch verschwände. Tut er aber nicht. Also sollte man mit ihm rechnen – und auch soziale und ökonomische Fragen berücksichtigen.

Der zweite Fehler ist, nicht zwischen opportunistischer Realpolitik und einer politischen Nachhaltigkeitsstrategie zu unterscheiden, welche im Weltmaßstab für eine nachhaltige Balance der Zielsetzungen stehen könnte. Die vier unterscheiden das nicht, weil sie die Frage, wie man »die Menschen« oder »die Politik« für eine ernsthafte Verfolgung dieses Balanceaktes gewinnen könnte, offenbar überhaupt nicht interessiert – jedenfalls nicht in diesem Beitrag. Schlimmer noch: Es gibt keine benennbaren Vertreter des von ihnen kritisierten Verständnisses (»es geht heute um...«, »man macht...«). Dieses Verständnis empfinden die Autoren schlicht als vorherrschend.

Nico Stehr

ist Inhaber des Karl-Mannheim-Lehrstuhls für Kulturwissenschaften an der Zeppelin Universität Friedrichshafen

Das ist absurd. Wo stehen denn soziale Ziele – etwa der umweltgerechten Bildung, der Sozialintegration, der Bekämpfung des Hungers und so fort – gleichrangig neben ökonomischen oder ökologischen? Wo weicht ein Urwald der Anpflanzung von Ölsaaten aus Gründen der Verteilungsgerechtigkeit? Wie die ökologischen werden auch die sozialen Zieldimensionen nur unter dem Apriori der Wirtschaftsförderlichkeit zum Diskurs zugelassen. Das ist die vorherrschende Maxime.

Leser-Kommentare
  1. ... für den klaren Diskurs. Natürlich gehen Sie viel weiter als der Artikel auf den Sie reagieren. Aber die Richtung ist dieselbe.

    Bei aller Kritik in Ihrem Artikel, man kann auch berücksichtigen, dass man - sagen wir aus pädagogischen Gründen - erst einmal anfängt, ein paar Sachen umzukrempeln, weil zu viel auf einmal die breite Mehrheit wahrscheinlich schlicht überfordert. Das ist traurig, aber darauf deutet die Ohnmächtigkeit des öffentlichen Diskurses zum Thema Nachhaltigkeit hin.

    Hand aufs Herz, ich bin natürlich ganz auf Ihrer Seite, sehen Sie zu dass Sie einen solchen Diskurs noch in andere namhafte (Online-)Zeitungen bekommen!

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