Das Meer leuchtet hustenbonbonblau an diesem neuseeländischen Morgen, am wolkenlosen Himmel über den Marlborough Sounds vollführen die Möwen Flugkunststücke, aber Nick Martins Laune hat sich in den letzten Sekunden erheblich getrübt. Er runzelt die Stirn, er setzt die Sonnenbrille auf, er lenkt sein Boot in einer Kurve nach links, um besser sehen zu können, doch all die Manöver ändern nichts: Der Holzsteg da vorne ist leer. Da ist niemand. Da sollte aber jemand sein. Da sollte John auf seine Post warten. Der wohnt hier, in einem kleinen Haus den Hang hinauf, allein, Junggeselle noch mit Mitte 70, der nächste Nachbar 20 Minuten mit dem Boot entfernt oder zwei Tagesmärsche zu Fuß.

John also ist nicht da, und damit hat Nick ein Problem. Dass der Postbote den Sack mit den Päckchen nicht unbewacht am Steg zurücklassen darf – nicht schlimm, den nimmt er einfach wieder mit. Sorgen macht ihm, dass John nicht zum einzigen Plausch erschienen ist, der sich ihm in dieser Woche bietet. Das gefalle ihm nicht, sagt Nick: Er werde anlegen und nachschauen. Seine Finger trommeln nervöse Synkopen auf das Steuerrad, aber als er das Schiff an den Steg gleiten lässt, kommt John angelaufen, barfuß, im Blaumann, mit wehenden Haaren. »Entschuldigung!«, ruft er. Er war eingedöst in der Hängematte und hatte wegen der Musik das Boot nicht gehört.

»Wegen der Musik?«, schreit Nick über den Lärm des Bootsmotors. »Welche Musik denn?« John zieht einen MP3-Player aus der Tasche seines Blaumanns. »Hier!«, ruft er. »Ist alles hier drauf, der ganze verfluchte Mozart , alles auf diesem winzigen Ding!« Nick lacht und winkt, und John auf dem Steg lacht und winkt ebenfalls. Der Postsack fliegt durch die Luft in Johns Arme. Zwei Minuten später ist John nur noch eine kleine, ferne Figur zwischen hustenbonbonblauem Meer und blau geschrubbtem Himmel, und Nicks gute Laune ist wiederhergestellt. »Und ich fragte mich immer, was der alles im Internet bestellt. Ein MP3-Player! Mozart!«

Jede Postrunde ist zwischen 120 und 160 Kilometern lang

An Neuseelands Marlborough Sounds kommt der Postbote mit dem Postboot. An drei Tagen in der Woche fährt der agile Endsechziger Nick dort mit seinem zehn Meter langen Schiff von Anlegesteg zu Anlegesteg, zusammen mit seiner Frau Val, die ihm bei der Übergabe der Postsäcke hilft, seit acht Jahren machen sie das schon. Morgens um zehn legen sie drüben in Havelock ab, abends sind sie wieder am Pier. Und in den Stunden dazwischen fahren sie durch eine der bezauberndsten Regionen Neuseelands . Die Marlborough Sounds liegen an der Nordspitze der Südinsel, ein gezacktes, verzahntes Labyrinth voller Passagen, kleiner Fjorde, Inseln und Inselchen, in dem nur wenige Menschen leben: Zählt man die Bewohner von Picton und Havelock – den beiden einzigen nennenswerten Orten – nicht mit, hat die komplette Region keine 700 Einwohner. Zwischen 120 und 160 Kilometer ist jede Postbootrunde lang, 15- oder 17-mal muss Nick zu den Stegen am Ufer, die für ihn so etwas wie Briefkästen sind. Zwischen diesen Stopps tuckert das Boot von einer Postkartenkulisse zur nächsten. Man kann sich schlimmere Jobs vorstellen als Postdienst in den Marlborough Sounds.

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An den meisten Tagen haben Nick und Val Gesellschaft: an- oder abreisende Gäste abgelegener Ferienhäuser, Einheimische, die in Picton beim Zahnarzt waren. Oder wie auf der Tour heute ein paar Touristen, die einen Tag durch die Sounds fahren möchten, ohne dafür gleich eine teure Kreuzfahrt zu buchen. Dass Passagiere bei den mail runs dabei sein dürfen, hat mit der Lizenzvergabe der neuseeländischen Post zu tun. Die nämlich kann aus eigener Kraft längst nicht jeden Winkel des dünn besiedelten Landes beliefern. Also schließt sie Verträge mit Privatpersonen, die sich dann um die Zustellung kümmern. Weil die Bezahlung dieser posties in vielen Fällen gerade einmal die Kosten deckt, müssen sich die Subunternehmer Zusatzverdienstmöglichkeiten einfallen lassen. Deshalb transportieren Paketfahrer im kalten Süden Gemüse und Obst, Postzusteller in den Canterbury Plains das ein oder andere Lamm und Nick und Val in den Marlborough Sounds eigentlich alles, was es in den Marlborough Sounds sonst nicht gäbe. Kartoffeln, Gemüse, Hundefutter. Traktorreifen, Kreissägen, Verlängerungskabel. Cornflakes, Glühbirnen, Flaschenbier. Und die Tageszeitung von gestern. Oder vorgestern. Ihre Kunden bestellen die Ware telefonisch in den Läden von Havelock, Nick und Val holen sie dort ab und berechnen eine Zustellgebühr – das sei die Basis ihres Einkommens, sagt Nick, »unser Brot-und-Butter-Geschäft«. Am meisten aber bringen die Touristen, die sehen möchten, wie der Postbootpostbote den Sack mit der Post elegant übers Wasser auf den Steg wirft.

Keine Post ohne zahlende Gäste

Ohne zahlende Ausflugsgäste wäre die Postzustellung in dieser Region Neuseelands möglicherweise gefährdet. Und damit auch etwas, das für die Menschen hier draußen noch wichtiger ist als die Postkarte der Kinder aus Australien oder die Bestellungen von TradeMe, dem neuseeländischen Pendant zu eBay : der persönliche Kontakt zur Außenwelt. Für viele in den Marlborough Sounds ist die Begegnung mit dem Postboten die einzige Gesprächsmöglichkeit einer ganzen Woche. Aber wie viel kann man sich erzählen in den zwei oder drei Minuten, in denen das Postschiff mit laufendem Motor am Steg tuckert? Und was erzählt man sich? »Ach, du lieber Gott«, meint Nick, »nicht viel, nichts Wichtiges, ein bisschen Rugby-Fachsimpelei, das Wetter und was das Rheuma macht, das war’s dann aber schon.« Wirklich? »Ja, doch. Die Leute hier draußen sind ziemlich eigenbrötlerisch. Die reden nicht so viel.«

Die Leute hier draußen sind ein bunt zusammengewürfelter Haufen. 45 Familien leben entlang der Postbootrouten, Ferienhausvermieter, Lodge-Betreiber, Villenbesitzer. Und dann die anderen, die, die Nick »die Einzelgänger« nennt, Lachszüchter, Muschelfarmer, Opossumjäger, der ein oder andere Aussteiger sei auch darunter, sagt er, »aber die meisten gehen einem ganz normalen Beruf nach«. Manche Sounds-Bewohner sind schon in der fünften Generation hier; andere kommen nur hin und wieder aus Europa , wie ein Hamburger Inselmakler, dessen Privateiland man mieten kann. Wieder andere wollen einfach mal ausprobieren, wie das ist mit ihnen und der Einsamkeit, weit weg von Aucklands Shoppingmalls oder Wellingtons Hauptstadtgeschäftigkeit.