Literatur Wenn Philosophen Romane lesen
Heute bedienen sich Theoretiker wie Axel Honneth frei in der Literatur, um ihre Diagnosen zu belegen. Dürfen sie das? Oder wird die Kunst zur Magd der Wissenschaft?
Literaturwissenschaftler bekommen oft den Vorwurf zu hören, mangels eigener Ideen gingen sie bei ihren Nachbarwissenschaften hausieren, um sich dort ein paar schicke Theoriebausteine auszuborgen. Anschließend würden sie aus Romanen genau die »Erkenntnisse« herauslesen, die sie vorher mithilfe dieser Theorien in sie hineingelesen hätten. Literaturwissenschaftler lesen zum Beispiel eine soziologische Erklärung, Warum Liebe weh tut, und schon handeln die von ihnen gelesenen Romane nur noch davon, dass Liebe wehtut.
Nun ist es nicht so, als seien die Angeklagten für diesen Vorwurf taub. Im Gegenteil, schuldbewusst leisten viele Literaturwissenschaftler Abbitte und schwören, wieder »reine Philologie« zu betreiben und sich allein dem Ästhetischen zu widmen, der geschichtslosen Selbstbewegung des Textes. Romane als Medium gesellschaftlicher Erkenntnis? Das geht gar nicht.
Oder doch? Während es in der Literaturwissenschaft verpönt ist, Kunstwerke soziologisch zu deuten, ist dies – verkehrte Welt – für Forscher wie Eva Illouz, Alain Ehrenberg oder Stanley Cavell ganz selbstverständlich. Auch der Philosoph Axel Honneth scheut sich nicht, Romane und Filme als Beleg für seine Zeitdiagnosen heranzuziehen, und stellt sich damit in die Tradition der älteren Kritischen Theorie, in die Tradition von Adorno und Benjamin. Es sei nun einmal die Kunst, schreibt er vor Kurzem in seiner viel diskutierten Studie Das Recht der Freiheit (Suhrkamp Verlag), die Auskunft gebe über die Deformationen eines Zeitalters. »Den Königsweg der Pathologiediagnose bildet noch immer, wie schon zu Zeiten Hegels oder des jungen Lukács, die Analyse von ästhetischen Zeugnissen, in denen solche Symptome indirekt zur Darstellung gelangen.«
Bevor man fragt, ob Honneth – und um ihn soll es hier gehen – die Kunst zur Magd der Wissenschaft erniedrigt, muss man sein Projekt kurz vorstellen. Honneth, der an der Columbia University in New York lehrt, hat sich nichts Geringeres vorgenommen, als noch einmal den Grundriss der modernen Gesellschaft freizulegen, ihre »Sphären der Freiheit« und die darin eingelassene Vernunft. »Kritische Rekonstruktion« heißt das Verfahren, und die Absicht ist glasklar. Honneth will die unvernünftige Wirklichkeit unserer Gegenwart an den vernünftigen Ansprüchen ihrer Institutionen messen, an »Familie, Demokratie, Öffentlichkeit, Markt«. Das heißt: Wer beispielsweise die Unvernunft der »enthemmten Ökonomie« angemessen beschreiben will, der muss – als kritischen Maßstab – die vernünftigen Normen heranziehen, mit denen die Erfinder des Kapitalismus Anfang des 19. Jahrhunderts den Markt als »Sphäre sozialer Freiheit« erträglich machen wollten. Oder: Wer sich heute über den unvernünftigen Gebrauch der Freiheit beschwert, der solle sich klarmachen, was mit »Freiheit« vernünftigerweise einmal gemeint war.
Es sind die Abschnitte über die »Fehlformen der Freiheit«, in denen Honneth die Kunst ins Spiel bringt, gleichsam als »Zeugin der Anklage«. In Michael Kohlhaas zum Beispiel, dem tödlich gedemütigten Helden aus Heinrich von Kleists gleichnamiger Erzählung, möchte Honneth die »Pathologie« einer Freiheit erkennen, die das Recht zum »ausschließlichen Bezugspunkt des eigenen Selbstverständnisses« macht – »Recht haben« und »Recht bekommen« werden zum alleinigen Ziel seiner Handlung. Am Ende bleibe von der Subjektivität nur die »Hülle der Rechtsperson«, die – wie auch im Scheidungsfilm Kramer gegen Kramer – ihr Handeln allein danach ausrichtet, ob sie damit vor Gericht durchkommt.
Pathologisch wird die Freiheit auch dann, wenn sie ausschließlich »negativ« begriffen wird, nämlich als moralische Freiheit »von etwas«. Honneth hat hier jenen Sozialtyp vor Augen, der »längerfristigen Wertbindungen mit Skepsis entgegentritt« und »kein Gespür dafür hat, welcher Wert sozialen Bindungen für das Ganze eines Lebens zukommt«. Für ihn erschöpfe sich der Sinn der Freiheit im »Hinterfragen einer gegebenen Ordnung« und im Versuch, sich »über alle Handlungsnormen hinwegzusetzen«. Ein Extremfall ist der Terrorist, der die »elementaren Bande von Freundschaft und Familie« zerreißt. Honneth zitiert die Briefe von Gudrun Ensslin an ihren Mann Bernward Vesper, bevor sie, ihren Sohn Felix zurücklassend, mit Andreas Baader in den Untergrund ging.
Aber hat Honneth recht? Liefern Romane, Kinofilme und Theaterstücke stichhaltige Beweise für die »Pathologien der Freiheit«? Oder um einen ersten Einwand anzudeuten: Ist die Kunst nicht viel radikaler, und zwar so radikal, dass sie den hermeneutischen Rahmen einfach wegsprengt, in dem Honneth sie glaubt einsortieren zu können? Kurzum: Haben Künstler und Philosophen wirklich dasselbe Erkenntnisinteresse?
- Datum 20.02.2012 - 12:19 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 16.2.2012 Nr. 08
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Eine deskriptive: Nicht jeder Kunstwerk eignet sich einer philosophischen Lektüre bzw. philosophischen Kritik. Anders gesagt, nicht jeder Kunstwerk kann der Philosophie ein "Stoff" zum Denken und Nachdenken geben.
Eine normative, die m.E. ein bisschen interessanter: Nicht alles, was der Journalismus als Kunstwerk bezeichnet, ist tatsächlich Kunstwerk. Mit anderen Worten, die Einschaltquoten, die Popularität eines Kulturprodukts ist längst kein Beleg dafür, dass dieser Produkt ein Kunstwerk ist. Houellebecqs Romane können eine soziologische Lektüre interessieren, denn man muss die Frage stellen, wie es dazu kommt, dass sie so populär sind, und warum die moderne Gesellschaft sie als symbolisches Kapital ansieht. Wenn man als raffiniert gelten möchte, dann soll man diese gelesen haben. Diese Frage hat das Erkenntnisinteresse einer sozialen Analyse anhand einer Analyse der ästhetischen Produktion. Man denkt an Bourdieus Theorie. Das ist allerdings kein philosophisch interessanter Stoff.
"Die Wahlverwandtschaften" ist hingegen ein Roman, in dem die Diskrepanz zwischen natürlicher und gesellschaftlicher Nötigung und Notwendigkeit und der Freiheit bzw. die Möglichkeit einer Freiheit des Geistigen bis zum äußersten thematisiert wird. Dessen Erkenntnisanspruch sprengt den Rahmen einer fixierten Epochenleseart, insofern Goethe in diesem Roman die zentralste Frage der Moderne problematisiert, d.i. Freiheit, und der menschlichen Existenz überhaupt, Liebe und Tod. Eine philosophische Kritik dieses Romans kann uns Einsicht in zentralen Fragen der Philosophie liefern, weshalb die Philosophie das Verhältnis eines Nach-denken zur Kunst hat.
Selbst die unphilosophischen Leser werden Houellebecq und Goethe qualitativ nicht auf demselben Level stellen. Und nicht nur wegen der enormen Sprachgewalt des späteren, die Freude bei der Lektüre dessen Meisterwerks...etc. Das Problem mit der Literaturwissenschaft war und bleibt, dass sie die Menschen entfremdet. Die Philosophie kann besser. Deswegen wird sie immer "Stoff" für die Literaturwissenschaft liefern, bewusst oder nicht, mit Dankbarkeit oder nicht.
Knacken im Gebälk
kalkrieselnder Überbau
zerschwätztes Geschwätz
wer darf wo Honig saugen
wer ist die Magd wer der Knecht
Zumindest heute nicht mehr.
Allerdings kann man bei einer bestimmten Definition sehr wohl die Frage stellen, ob "Philosophen", die Romane lesen, überhaupt Philosophen sind!
Sprichwörtliche Philosophen neigen eher zu einer pünktlichen Selektion der Literatur und beachten bewusst oder unbewusst Schopenhauers (sinngemäßes) Wort:
Achte darauf, dass du deinen Verstand nicht zerliest!
Auch hier bewahrheitet sich: weniger ist mehr....
Begriffliche Reflexion sucht nach Belegen,Bebilderungen und Beglaubigungen ihrer Thesen in der Kunst. Sie kann sie am leichtesten in der erzählenden Literatur finden, v. a. wenn sie jene unmittelbar publizistischen Elemente aufweist, die Philosophen, Soziologen, Psychologen und der üblichen Literaturkritik „Anschlussfähigkeit“ signalisieren. Romane werden dann wie Sachbücher gelesen, bei beiden wird zwar auch die "Form" beurteilt, allerdings weitgehend in ihrer dienenden Funktion.
Kunstkritik hingegen sieht das, was üblicherweise als "Inhalt" z.B. eines Romans erscheint, als "Thema", so wie ein Stillleben das "Thema" eines Gemäldes ist. Es ist aber nicht dessen eigentliche Semantik.Diese zu erschließen ist ein mühevoller Vorgang, der im Widerspruch zu publizistischen Interessen steht.
Gute Kunst erkennt man daran, dass sie sich auch der geschicktesten begrifflichen Vereinnahmung immer wieder entzieht.
„Das Elend der Kritik beginnt also schon in ihrem Vorfeld, und zwar damit, dass sie den Gegenstand des Kunstwerks nicht als von ihm erst hervorgebracht einsieht, sondern als ihm voraufgehenden bzw. von ihm ablösbaren behandelt. Im krassesten Fall hat das zur Folge, dass man von einer Romanfigur so spricht, als ob es nicht eine durch Sätze erzeugte, sondern eine reale Figur wäre.“ (Albrecht Fabri)
Wie kommt es, dass die Zeit seit kurzem fast jeden Artikel mit dieser "Frage" aufmacht? Gerade hier bei einem Buch über Freiheit wirkt diese Floskel besonders absurd.
Wer sollte es denn verbieten? Man könnte doch auch mal fragen, ob es für X sinnvoll sei, etwas zu tun.
denn nur so können Kunst und Ration gemeinsam gedacht werden.Wir müssen uns hüten heute jemanden zuzuhören,der nicht die Demut besitzt auch einen Roman zu lesen.
Peter Handke's schillernder Roman DER GROSSE FALL wird ausführlich diskutiert
http://goaliesanxiety.blo...
Ihn NUR als Beweismaterial zu einem nochmaligen Ende der Moderne oder des Geistes überhaupt zu nutzen würde seiner Reichhaltigkeit kaum gerecht. Aber was Entropie dort betrifft und besonders das Futuristische in der Gegenwart, hier taucht's nicht zum ersten mal bei Handke auf, den Beweis für Handke's richtige Beurteilung der Lage, wir leben in einer Welt wo die Machthaber absolutistisch handeln und lügen können, und ein Herr Vickers, U.S Assistant Secretary of Defense, über Leben und Tod mit Drones richtet: [vide Andrew Bacevich: http://www.tomdispatch.com/post/175505/tomgram:_andrew_bacevich,_uncle_sam,_global_gangster/#more]
Meiner Ansicht und meinem Gefühl nach ist dieser Kultur Pessimismus weder das interessanteste noch originellste an GROSSER FALL.
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