Portugal Anders als die Griechen
Portugal stöhnt unter den Sparprogrammen – aber es gibt auch erste Fortschritte.
Auch in Portugal gehen die Menschen jetzt auf die Straße. 100.000 Leute sollen es am vergangenen Samstag in Lissabon gewesen sein. Vielleicht sogar 300.000. So genau weiß das keiner. Doch die entscheidende Frage ist, welche Botschaft die Massendemonstration an die übrigen EU-Staaten und die Finanzwelt senden sollte. Die größte Gewerkschaft des Landes, die kommunistische CGTP, hatte zu dem Protest aufgerufen. Ihr neuer Anführer, Arménio Carlos, hielt eine martialische Rede gegen die Regierung, gegen die Banken und die Geldgeber von EU, EZB und IWF. Heißt das: Auch die Portugiesen haben genug von Sparprogrammen? Wird Portugal das neue Griechenland? Droht auch hier eine Abwärtsspirale aus Kürzungen, Rezession und schwindender Hoffnung?
Etwas mehr als 24 Stunden nach der Demo liegt der Praça do Comércio, der »Handelsplatz«, wieder völlig ruhig am Fuß des Flusses Tejo. Im Licht der untergehenden Sonne haben sich Grüppchen Jugendlicher und ein paar Touristen bei fast frühlingshaften elf Grad versammelt und lauschen den Rhythmen einer Band von den Kapverden. Gegenüber, auf dem Hügel von Almada, breitet die Christusstatue wie schützend ihre Arme über Lissabon, und die größte Herausforderung scheint zu dieser Stunde, rechtzeitig vor den Wellen des Tejo Reißaus zu nehmen, wenn die Fährschiffe ihn über die Ufer treten lassen. Alles easy also?
»Wir sind ein Volk, das demonstriert, seinem Ärger Luft macht, aber friedlich und in geordneter Form. Das ist unsere Natur«, sagt António Saraiva, der Chef des portugiesischen Industrieverbandes CIP, in seinem Büro ein paar Kilometer flussabwärts. Und er stellt klar: »Portugal ist nicht Griechenland und wird es auch nicht sein. Das Land wird nicht in Anarchie versinken, und uns steht auch kein Staatsbankrott bevor.« Unter einer Bedingung allerdings, schränkt Saraiva ein, und deshalb tritt er in diesen Tagen beinahe kämpferischer auf als der Gewerkschafter Carlos. »Wir brauchen mehr Geld oder mehr Zeit, um die Vorgaben der Troika zu erfüllen.« Am besten fände er natürlich beides.
Das Loch im Staatshaushalt ist viel kleiner als bei den Griechen
Dabei gibt es gute Nachrichten. Seit Mittwoch sind die Vertreter von EU, EZB und IWF wieder im Land, um zu überprüfen, ob sich Portugal an ihre Regeln hält. Und im Vorfeld gab es schon einmal Lob. Für neue Sparmaßnahmen, für Privatisierungen. Beim größten Energieunternehmen des Landes stiegen die Chinesen ein, bei einem anderen Energieversorger China und Oman. Das Defizit im Staatshaushalt fiel zuletzt deutlich kleiner aus als anvisiert. Dabei haben zwar Sondereinnahmen aus den Pensionsfonds einer staatlichen Bank geholfen, aber immerhin. Auf jeden Fall war das Haushaltsloch im vergangenen Jahr deutlich kleiner als in Griechenland – es betrug zwischen 4 und 4,5 Prozent der Wirtschaftsleistung im Vergleich zu 9,4 Prozent. Auch die insgesamt angehäufte Staatsverschuldung blieb mit 110 Prozent signifikant unter der Athens mit 160 Prozent. Der Konsens, mit dem Regierung und Opposition die Reformen tragen, sowie die Friedfertigkeit der Bevölkerung werden ebenfalls als große Leistung herausgestellt. Noch ein Land, in dem Brandsätze fliegen, mag man sich nicht vorstellen.
Dennoch bleiben Sorgen. »Ich hoffe, dass die Troika bereits in den nächsten Tagen erkennt, dass sie das Rettungspaket im vergangenen Jahr unter falschen Voraussetzungen geschnürt hat«, sagt Saraiva. Die heimlich mitgehörte Konversation zwischen dem portugiesischen Finanzminister Vítor Gaspar und seinem deutschen Kollegen Wolfgang Schäuble beim jüngsten Treffen in Brüssel stimmt den Verbandschef ein wenig optimistisch. Schließlich signalisierte Schäuble dabei die Unterstützung Deutschlands zumindest für gewisse Anpassungen.
Das Rettungspaket sieht bisher 78 Milliarden Euro vor. In Wahrheit, sagt Saraiva, habe der Bedarf aber schon damals, als das beschlossen wurde, bei 105 oder 106 Milliarden Euro gelegen. »Weil die Finanzierungslücken im öffentlichen Dienst und bei Verkehrsträgern nicht mitgezählt wurden.« Die sollten sich weiter Geld bei internationalen Banken beschaffen. Aber das sei kaum noch möglich, viele Unternehmen bekämen keine Kredite mehr. »Schauen Sie her«, sagt Saraiva erbost und reicht ein Schreiben einer Firma aus der südlichen Alentejo-Region über den Tisch. »Ich kriege jeden Tag solche verzweifelten Briefe. Wenn sich das nicht ändert, werden wir so viele Insolvenzen haben, dass das Land in die Knie geht.«
Um etwa 6,5 Prozent soll die Binnennachfrage 2012 schrumpfen
Im vergangenen Jahr, das meldete das nationale Statistikinstitut INE am Dienstag, schrumpfte das Bruttoinlandsprodukt schon um 1,5 Prozent. Für 2012 wird sogar ein Minus von drei Prozent erwartet. Nur die Ausfuhren, die laut den Prognosen der Zentralbank um 4,1 Prozent steigen werden, sollen verhindern, dass der Rückgang noch dramatischer ausfällt. Lohnkürzungen, die Erhöhung der Mehrwertsteuer auf 23 Prozent und eine Arbeitslosenrate von 13,6 Prozent hinterlassen Spuren: Die Binnennachfrage wird vermutlich um 6,5 Prozent zurückgehen.
- Datum 17.02.2012 - 10:14 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 16.2.2012 Nr. 08
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Was Sie sagen, ist mindestens unverschämt.
Benennen Sie sich mal besser in "der rechte freund".
Informativer Artikel, der nicht vom "hochverschuldeten Portugal" spricht, sondern konstruktiv über das Land und seine Menschen berichtet. Vielen Dank!
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Ein Negativtrend ist ein Negativtrend. Das heißt nichts anderes, als es weiter bergab geht. Ob jetzt schlimmer oder etwas besser als in Griechenland kommt, steht garnicht zur Debatte.
....unterschiedlich, aber letztlich handelt es bei den Eckdaten um die gleiche Struktur. Die Schulden, Löhne sowie andere Preise inländischer Faktoren nehmen dem Land die Wettbewerbsfähigkeit. Man kann die sauberste und wirtschaftlich sowie gesellschaftlich beste Lösung nicht einsetzen, weil das Land keine eigene Währung hat. So müssen die Preise nicht-handelbarer Güter bürokratisch angepasst werden. Wie wir aus der Erfahrung des Ostblocks wissen wir, dass das ineffizient ist.
Tja. Die Politiker haben den europäischen Völkern das Bett gemacht in dem die Menschen liegen müssen. Das ist schief gelaufen und Beobachtung der handelnden lässt vermuten, dass sich nichts gebessert hat.
....unterschiedlich, aber letztlich handelt es bei den Eckdaten um die gleiche Struktur. Die Schulden, Löhne sowie andere Preise inländischer Faktoren nehmen dem Land die Wettbewerbsfähigkeit. Man kann die sauberste und wirtschaftlich sowie gesellschaftlich beste Lösung nicht einsetzen, weil das Land keine eigene Währung hat. So müssen die Preise nicht-handelbarer Güter bürokratisch angepasst werden. Wie wir aus der Erfahrung des Ostblocks wissen wir, dass das ineffizient ist.
Tja. Die Politiker haben den europäischen Völkern das Bett gemacht in dem die Menschen liegen müssen. Das ist schief gelaufen und Beobachtung der handelnden lässt vermuten, dass sich nichts gebessert hat.
Was soll dieser Artikel uns jetzt beweisen?
Soll er beweisen,dass die Troika mit ihren Sparmaßnahmen auf dem richtigen Weg ist und Griechenland nur zu dämlich und zu gewaltversessen ist, diese zu akzeptieren und Portugal da viel einsichtiger ist?
Die Schulden sind in Portugal also nicht ganz so hoch wie Griechenland, aha. Die Menschen protestieren trotzdem gegen die Maßnahmen und die demokratiedefizitäre Politik der EU und solidarisierten sich am Wochenende mit den griechischen Protestierenden, dazu mal ein Wort geschrieben? Das portugiesische Volk ist es bestimmt nicht, welches dem Troika-Kurs zustimmt.
Ich stimme Ihnen voll und ganz zu, dylanbobbie.
Ich bin diese vorwiegend in deutschen Medien praktizierten Vergleiche gründlich leid. Vergleiche, die immer auch einen Volkscharakter verorten wollen. Und zwar regelmäßig an der falschen Stelle.
Nun denn: wenn der deutsche Arbeitnehmer in den letzten 10, 15, 20 Jahren einen tatsächlichen Realeinkommensverlust klaglos akzeptierte, statt auf die Straße zu gehen — wird stattdessen in deutschen Medien “der Grieche” plakatiert, der anarchische, chaotische, arbeitsscheue Trickser, der nur “unser” Geld haben will.
Wenn “der Portugiese” friedlich demonstriert, um sich anschließend dem “landestypischen” Schwermut hinzugeben — wird auf der anderen Seite der gewaltverliebte, irgendwie andersartige Grieche als Popanz aufgebaut, das ungezogene Kind, das sich einfach nicht zu benehmen weiß.
Vielleicht ist “der Grieche” auch nur einfach viel weiter in seinem Demokratieverständnis? Vielleicht steckt das Land in einem kaum vergleichbaren ökonomischen Schlamassal, der eben auch nicht mit dem portugiesischen zu vergleichen ist, wie eine schnelle Gegenüberstellung der harten Zahlen ergibt — im selben Artikel, wohlgemerkt! Liegt darin nicht eine viel LOGISCHERE Begründung für die Unterschiede in der Protestkultur? 4,5 Prozent sind eben ETWAS ANDERES als 9,4 Prozent. 110 Prozent sind ETWAS ANDERES als 160 Prozent. 13,6 Prozent sind ETWAS ANDERES als 21 Prozent. Usw. usf.
Eine alternative Stimme aus dem EU-Parlament:
http://youtu.be/W8Ayb8P1LbU
Darf man ja wohl noch sagen.
Die Portugiesen sind nicht im Euro weil sie (sorry ihre gewählten Politiker) in einem kriminellen Akt Bilanzen gefälscht haben. Und die Portugiesen scheinen auch konstruktiver umzugehen. Man kann Ihnen nur das beste wünschen.
PS: Auch von massiven Rentenzahlungen an Tote und von einer derartigen Steuerverweigerung wie bei den Griechen hab ich nichts gehört.
Ich stimme Ihnen voll und ganz zu, dylanbobbie.
Ich bin diese vorwiegend in deutschen Medien praktizierten Vergleiche gründlich leid. Vergleiche, die immer auch einen Volkscharakter verorten wollen. Und zwar regelmäßig an der falschen Stelle.
Nun denn: wenn der deutsche Arbeitnehmer in den letzten 10, 15, 20 Jahren einen tatsächlichen Realeinkommensverlust klaglos akzeptierte, statt auf die Straße zu gehen — wird stattdessen in deutschen Medien “der Grieche” plakatiert, der anarchische, chaotische, arbeitsscheue Trickser, der nur “unser” Geld haben will.
Wenn “der Portugiese” friedlich demonstriert, um sich anschließend dem “landestypischen” Schwermut hinzugeben — wird auf der anderen Seite der gewaltverliebte, irgendwie andersartige Grieche als Popanz aufgebaut, das ungezogene Kind, das sich einfach nicht zu benehmen weiß.
Vielleicht ist “der Grieche” auch nur einfach viel weiter in seinem Demokratieverständnis? Vielleicht steckt das Land in einem kaum vergleichbaren ökonomischen Schlamassal, der eben auch nicht mit dem portugiesischen zu vergleichen ist, wie eine schnelle Gegenüberstellung der harten Zahlen ergibt — im selben Artikel, wohlgemerkt! Liegt darin nicht eine viel LOGISCHERE Begründung für die Unterschiede in der Protestkultur? 4,5 Prozent sind eben ETWAS ANDERES als 9,4 Prozent. 110 Prozent sind ETWAS ANDERES als 160 Prozent. 13,6 Prozent sind ETWAS ANDERES als 21 Prozent. Usw. usf.
Eine alternative Stimme aus dem EU-Parlament:
http://youtu.be/W8Ayb8P1LbU
Darf man ja wohl noch sagen.
Die Portugiesen sind nicht im Euro weil sie (sorry ihre gewählten Politiker) in einem kriminellen Akt Bilanzen gefälscht haben. Und die Portugiesen scheinen auch konstruktiver umzugehen. Man kann Ihnen nur das beste wünschen.
PS: Auch von massiven Rentenzahlungen an Tote und von einer derartigen Steuerverweigerung wie bei den Griechen hab ich nichts gehört.
Ich stimme Ihnen voll und ganz zu, dylanbobbie.
Ich bin diese vorwiegend in deutschen Medien praktizierten Vergleiche gründlich leid. Vergleiche, die immer auch einen Volkscharakter verorten wollen. Und zwar regelmäßig an der falschen Stelle.
Nun denn: wenn der deutsche Arbeitnehmer in den letzten 10, 15, 20 Jahren einen tatsächlichen Realeinkommensverlust klaglos akzeptierte, statt auf die Straße zu gehen — wird stattdessen in deutschen Medien “der Grieche” plakatiert, der anarchische, chaotische, arbeitsscheue Trickser, der nur “unser” Geld haben will.
Wenn “der Portugiese” friedlich demonstriert, um sich anschließend dem “landestypischen” Schwermut hinzugeben — wird auf der anderen Seite der gewaltverliebte, irgendwie andersartige Grieche als Popanz aufgebaut, das ungezogene Kind, das sich einfach nicht zu benehmen weiß.
Vielleicht ist “der Grieche” auch nur einfach viel weiter in seinem Demokratieverständnis? Vielleicht steckt das Land in einem kaum vergleichbaren ökonomischen Schlamassal, der eben auch nicht mit dem portugiesischen zu vergleichen ist, wie eine schnelle Gegenüberstellung der harten Zahlen ergibt — im selben Artikel, wohlgemerkt! Liegt darin nicht eine viel LOGISCHERE Begründung für die Unterschiede in der Protestkultur? 4,5 Prozent sind eben ETWAS ANDERES als 9,4 Prozent. 110 Prozent sind ETWAS ANDERES als 160 Prozent. 13,6 Prozent sind ETWAS ANDERES als 21 Prozent. Usw. usf.
Eine alternative Stimme aus dem EU-Parlament:
http://youtu.be/W8Ayb8P1LbU
...ein subversiver schlimmer Finger. :)
Wenn es nach Ihnen ginge, wurden die Medien Informationen und Analyse verbreiten statt Meinung. Da funktionierte die gesamte politische Ordnung ja nicht mehr! Solch sittenwidrige Vorschläge wollen wir nicht hören.
...ein subversiver schlimmer Finger. :)
Wenn es nach Ihnen ginge, wurden die Medien Informationen und Analyse verbreiten statt Meinung. Da funktionierte die gesamte politische Ordnung ja nicht mehr! Solch sittenwidrige Vorschläge wollen wir nicht hören.
....unterschiedlich, aber letztlich handelt es bei den Eckdaten um die gleiche Struktur. Die Schulden, Löhne sowie andere Preise inländischer Faktoren nehmen dem Land die Wettbewerbsfähigkeit. Man kann die sauberste und wirtschaftlich sowie gesellschaftlich beste Lösung nicht einsetzen, weil das Land keine eigene Währung hat. So müssen die Preise nicht-handelbarer Güter bürokratisch angepasst werden. Wie wir aus der Erfahrung des Ostblocks wissen wir, dass das ineffizient ist.
Tja. Die Politiker haben den europäischen Völkern das Bett gemacht in dem die Menschen liegen müssen. Das ist schief gelaufen und Beobachtung der handelnden lässt vermuten, dass sich nichts gebessert hat.
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