ZEITmagazin: Herr Begley, Sie haben die Kriegszeit in Polen unter falschem Namen überlebt. Wie ist Ihre Erinnerung an diese Zeit?

Louis Begley: Damals war man froh, wenn nichts passierte, aber die Tage waren von einer unglaublichen Eintönigkeit. Wir versuchten, so selten wie möglich aus dem Haus zu gehen. Wo immer wir hingingen, wurden wir als Fremde angesehen, und Fremde erregten nun mal Aufmerksamkeit. Das wäre gefährlich gewesen, denn die Leute hätten sich gefragt: Diese junge Frau mit dem kleinen Jungen, wer sind die beiden, was machen die hier, und wo kommen die her? So verbrachte ich enorm viel Zeit mit Büchern und meinen Zinnsoldaten.

ZEITmagazin: Verstanden Sie als kleiner Junge, wie wichtig es war, Ihre jüdische Identität zu verleugnen?

Begley: Kinder sind nicht dumm. Mir war damals vollkommen klar, dass es überlebenswichtig war, kein Jude zu sein, nicht beschnitten zu sein und wie ein perfekter Pole auszusehen. Das ist der Grund, weshalb wir falsche Ausweise mit einem nicht jüdisch klingenden Namen hatten und warum wir behaupteten, katholisch zu sein. Unglücklicherweise war ich aber beschnitten, und das lässt sich bekanntlich nicht rückgängig machen.

ZEITmagazin: Wie war dieses Leben mit der Lüge?

Begley: Diese Heucheleien und Lügen waren ungeheuerlich. Ich schämte mich dafür, aber mir war klar, was die Alternative war.

ZEITmagazin: Haben Sie dank Ihrer blauen Augen überlebt?

Begley: Kein Zweifel, ich sah wie ein blonder polnischer Junge aus.

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ZEITmagazin: Was für ein Glück!

Begley: Glück oder Unglück. Ich wünschte mir, ich wäre unter einem anderen Himmel zur Welt gekommen. Die Ängste und Demütigungen waren allgegenwärtig. Andererseits könnte man sagen, ich hatte im Vergleich zu den anderen Überlebenden extrem viel Glück, denn ich war nie in einem Konzentrationslager und habe keine körperlichen Schmerzen erlitten.

ZEITmagazin: Wie hat sich im Laufe der Zeit die Beziehung zu Ihrer Mutter entwickelt?

Begley: Während des Krieges standen wir uns sehr nahe. Danach konnten wir nicht so gut miteinander. Ich war ihr gegenüber nicht so zärtlich und gefühlvoll, wie ich es gerne gewesen wäre. Ich war ein guter Junge, ich habe stets meine Pflichten erfüllt und mich um sie gekümmert, aber ich habe auch immer versucht, sie auf Abstand zu halten. Ich fürchtete, dass sie sonst mein Leben zu sehr bestimmen würde. Sie starb 2004, kurz vor ihrem 94. Geburtstag. Heute ist mir klar, welche außergewöhnlichen Leistungen sie damals vollbracht hat, um uns beide durch diese Zeit zu bringen, um den vielen Fallen zu entkommen und den richtigen Weg aus dem Labyrinth zu finden. Sie war meine Rettung! Anders kann ich es nicht sagen. Nun, wo ich älter bin, denke ich dauernd an sie, und ich vermisse sie sehr. Jetzt erst kann ich sie verstehen und sehe sie so, wie sie es sich sicher gewünscht hätte. Und wenn wir schon über Rettung reden, die zweite Rettung in meinem Leben ist zweifelsohne meine Frau. Wir sind im März 38 Jahre verheiratet.

ZEITmagazin: Warum ist Ihre Frau Ihre Rettung?

Begley: Weil ich dank ihrer zu der Person wurde, die ich heute bin – ein fröhlicher und glücklicher Mensch und optimistisch, was die meisten Dinge betrifft. Kennen Sie das Gedicht von Louis Aragon, das der Sänger Léo Ferré Ende der sechziger Jahre gesungen hat? "Es hätte noch einen Moment länger gedauert / bis der Tod gekommen wäre / aber eine reine Hand / ist gekommen / und hat die meine genommen". Ich erwähne diese Zeilen, weil ich meine Frau in Frankreich kennengelernt habe, und so empfinde ich für sie.