Vor einer Woche habe ich endlich meine deutsche Einbürgerungsurkunde wiedergefunden. Jetzt kann ich meine Ausbürgerung aus der Türkei beantragen. Ich will den türkischen Pass nicht mehr. Ich mache auf dem Papier Schluss mit dem Land meiner Herkunft. Wie konnte es so weit kommen?

Bisher gehörte ich zu den wenigen Türkinnen, die legal über eine doppelte Staatsangehörigkeit verfügen. Ich empfand das immer als Segen, keineswegs als Fluch. Es entsprach meiner transkulturellen Identität. Denn ich bin beides, deutsch und türkisch. Seit einer deutschen Gesetzesreform im Jahr 2000 ist es für Bürger der Türkei eine absolute Ausnahme, beide Staatsangehörigkeiten zu besitzen. Ich gebe also freiwillig ein Privileg auf. Nein, meine Motive sind nicht türkeifeindlich. Aber sie haben mit der politischen Lage in der Türkei zu tun, vor allem mit der Meinungs- und Pressefreiheit, die dort in den letzten Jahren eine besorgniserregende Einschränkung erfahren haben und von einer zunehmenden Islamisierung der gesamten Gesellschaft begleitet werden.

Als Anwältin besorgt mich jede Einschränkung von Freiheitsrechten. Als säkulare Muslimin besorgt mich der zunehmende Einfluss von Religion auf die Politik. Die Meinungsfreiheit gehört weltweit zu den am stärksten bekämpften Rechten, sie wird attackiert von Regierungen, die fürchten, ihre Macht zu verlieren, wenn zu viel Kritisches über sie gedacht und geschrieben wird. So auch in der Türkei. Nach einem internationalen Ranking der Reporter ohne Grenzen rutschte die Türkei bei der Pressefreiheit auf Platz 148 von insgesamt 178 Ländern. Kein Wunder. Denn mit zahlreichen Verhaftungen von Journalisten versucht die aktuelle türkische Regierung, sich Autorität zu verschaffen. Sie behauptet, eine nationalistische Terrororganisation namens Ergenekon zu verfolgen, deren Absicht es sei, die Regierung zu stürzen. Man fühlt sich mittlerweile erinnert an die Türkei der achtziger Jahre nach dem Militärputsch, als es zum guten Ton gehörte, unliebsame liberale Journalisten und Autoren einzusperren.

Selbstverständlich ist die Türkei nicht das einzige Land auf dieser Erde, in dem so etwas passiert. Es ist aber meine ursprüngliche Heimat. Früher war ich froh darüber, und bis vor wenigen Monaten konnte ich zumindest damit leben. Nun finde ich aber: Es ist besser für mich, wenn ich nur die deutsche Staatsangehörigkeit besitze und auf dem Papier ausschließlich Deutsche bin. Das ist eine bittere Entscheidung, weil ich mich als Juristin bisher vehement für die doppelte Staatsangehörigkeit eingesetzt habe. Ich werde dann nicht mehr einfach in die Türkei einreisen und bleiben dürfen, solange ich will. Ich muss nach drei Monaten eine Aufenthaltserlaubnis beantragen. Es wird auch Probleme beim Erbe meines Elternhauses geben. Ausländer haben sehr eingeschränkte Rechte auf Grund und Boden. Doch diese Einschränkungen quälen mich kein bisschen. Man kann mir natürlich in Zukunft die Einreise verweigern, weil ich die Türkei öffentlich kritisiere, in den Augen einiger gar beleidige, indem ich die Rückgabe meines Passes mit den politischen und religiö- sen Entwicklungen begründe. Doch das Risiko nehme ich auf mich. Weil ich mir treu bleiben will. Weil man die Menschenrechte nicht halbherzig verteidigen kann.

"Ich gelte als Nestbeschmutzerin"

Letzter Auslöser für meine Entscheidung war ein Tag im Herbst 2011, an dem ich nach Istanbul fliegen wollte. Dort war ich zu einer Konferenz der Women’s Islamic Initiative in Spirituality and Equality eingeladen. Ich wäre eine von 200 muslimischen Frauen gewesen, die aus 55 Ländern zusammenkamen, um sich über den Islam auszutauschen. Muslimische Frauen aller politischen Couleurs versammelten sich dort zum dritten Mal. Es würde wieder ganz besondere Begegnungen geben. 2009 hatte ich auf der Konferenz in Kuala Lumpur unter anderem Mahbubeh Abbasgholisadeh kennengelernt, eine mutige Freiheitsaktivistin aus dem Iran, die ich später für den Johann-Philipp-Palm-Preis für Meinungs- und Pressefreiheit vorschlagen durfte. Dieses Mal hatte ich mir vorgenommen, mehr über den Arabischen Frühling zu erfahren und nach einer Ägypterin Ausschau zu halten, die den Menschenrechtspreis 2012 bekommen sollte. Eine Frau, die nicht zu den Muslimbrüdern gehört. Eine Frau, die eine kritische Haltung zum Kopftuch hat. Doch ich bin nie in Istanbul angekommen. Warum? Weil mir meine doppelte Staatsangehörigkeit zum Verhängnis wurde.

Am 14. Oktober 2011 wollte ich mit zwei deutschen Personenschützern vom LKA nach Istanbul fliegen, und am 18. Oktober 2011 wollten wir wieder nach Berlin zurückkehren. Ich bekomme für bestimmte Veranstaltungen bewaffneten Schutz, weil ich schon mehrmals mit dem Tod bedroht wurde. Seit ich 1984 beim Attentat auf eine Beratungsstelle für Frauen aus der Türkei lebensgefährlich angeschossen wurde, prophezeien anonyme Hassbriefschreiber immer wieder, dass ich das nächste Mal nicht überlebe. Für viele konservative Türken gelte ich als Nestbeschmutzerin, nur weil ich muslimische Frauen juristisch vertrete, die von ihren Männern geschlagen werden, und weil ich über die mangelnde Integrationsbereitschaft von Migranten geschrieben habe. Nach dem Erscheinen meines letzten Buches Der Islam braucht eine sexuelle Revolution habe ich aus der Türkei und dem türkischsprachigen Raum so viele Morddrohungen erhalten, dass mich der deutsche Staat dankenswerterweise bei einigen Veranstaltungen nicht allein lässt. Deshalb wollte das Berliner LKA zu dieser Konferenz in die Türkei mitfliegen. Einen Tag vor der Abreise wurde dem LKA gesagt, dass sie nicht mit Waffen einreisen dürfen. Also flog ich nicht.

Die Türken sagten richtig, dass ich eine türkische Staatsangehörige sei, und für mich seien in der Türkei die Türken zuständig. Diese Auskunft war dem LKA aber nicht vorher erteilt worden, als es um Erlaubnis für eine Einreise mit Waffen bat. Nein, die Türken ließen die deutschen Beamten bis einen Tag vor der Abreise in dem Glauben, dass alles in Ordnung sei. Ohne Waffen mitfliegen? Das fand wiederum das LKA unsinnig. Die Türken versprachen übrigens nicht, mich stattdessen zu begleiten. Warum auch? Aus ihrer Sicht bin ich wahrscheinlich eine Spinnerin, die sich wichtigmacht. Oder?

Vor zwei Jahren, als die Morddrohungen besonders extrem waren, hatte ich schon beschlossen, mich aus der Öffentlichkeit zurückzuziehen, um meine Familie nicht zu gefährden. Wenn man ein Kind hat, hat man nicht mehr das Recht auf seinen eigenen Tod. Ich sagte damals sämtliche Lesungen ab und orientierte mich beruflich neu, um aus der Schusslinie zu verschwinden. Aber dann konnte ich den feigen E-Mail-Schreibern doch nicht das Feld überlassen. Ich wollte mich wieder zu Wort melden, weil ich das Schweigen nicht aushielt.

Glücklicherweise lebe ich in einem Land, das mich schützt, wenn ich wegen meiner Meinung bedroht werde. Ich lebe in dem Luxus, für meinen freien Geist nicht vom Staat verfolgt zu werden. In Deutschland darf ich sagen, dass ich Herrn Wulff zwar als meinen Bundespräsidenten ansehe, mich aber dennoch freue, wenn seine Amtszeit vorbei ist. Nicht nur wegen seines lapidaren und wohlfeilen Ausspruchs »Der Islam gehört zu Deutschland«. Auch wegen seines Anrufs bei Kai Diekmann, um einen kritischen Bericht zu verhindern. Ein Bundespräsident muss sich moralisch korrekt verhalten. Es ist peinlich, wenn er als Jurist sich darauf zurückzieht, dass ihm keine rechtlichen Verfehlungen vorgeworfen werden können. – Wie schön, dass wir unseren Bundespräsidenten kritisieren dürfen, ohne als Staatsfeinde abgestempelt oder gar eingesperrt zu werden.

Natürlich gibt es auch in Deutschland Stimmen, die sagen, dass man es mit der Pressefreiheit nicht so genau nehmen soll. Und von den Grünen habe ich schon zu hören bekommen, dass ich mich nicht so anstellen soll. Es gebe genug Menschen in der Politik, die Morddrohungen bekämen, aber keiner mache so ein Aufhebens darum wie ich. – Tatsächlich leben die alle noch. Sie leben aber auch deshalb, weil sie hier geschützt werden und sich sehr vorsichtig in der Öffentlichkeit bewegen. Das tue ich auch. Ich nehme es ernst, wenn mir auf Türkisch geschrieben wird, ich würde bald eine Kugel in den Kopf bekommen, weil ich durch meine Bücher provoziere, dass sich die türkischen Töchter unter jeden Mann legen. Die Briefschreiber lesen offenbar meine Bücher nicht. Sie meinen aber zu wissen, dass ich eine Feindin der Türkei und des Islams sei.

Fakt ist, wenn ich im Oktober 2011 nur deutsche Staatsangehörige gewesen wäre, hätten die Beamten mich mit Waffen bis nach Istanbul begleiten dürfen. Hinzu kam, dass die Türken es nicht gewohnt sind, dass eine einfache Anwältin und Autorin beschützt wird. Schließlich bin ich ja keine Politikerin. Das ist der deutsche Luxus, den ich meine. In Deutschland kann man als Freigeist vom Staat geschützt werden, in der Türkei kann man als kritischer Publizist im Gefängnis landen.

"Personen sitzen im Gefängnis, weil sie frei denken"

Deshalb stelle ich jetzt den Antrag auf Ausbürgerung. Es fällt mir nicht leicht. Doch ich will wieder ohne Angst, den Türken ausgeliefert zu sein, in die Türkei reisen können. Wenn ich den türkischen Pass abgebe, entscheide ich mich nicht gegen die Türkei und für Deutschland. Ich entscheide mich für eine bestimmte Politik, für eine Zivilgesellschaft, für ein Rechtssystem, für eine Gewaltenteilung, für einen Grad an Demokratie und Gleichberechtigung der Geschlechter, für einen freien Umgang mit Religion und auch für den Grad an persönlicher Freiheit, der mir gewährt wird. Denn falls mir in der Türkei etwas zustieße, könnte ich von der deutschen Botschaft keine Hilfe erwarten, solange ich eine doppelte Staatsangehörigkeit besitze. Dieser Gedanke macht mir Angst. Ich habe von Fällen gehört, in denen Menschen mit der doppelten Staatsangehörigkeit in der Türkei die deutsche Botschaft um Hilfe baten, aber keine bekamen. Die Botschaft war nicht befugt zu helfen, weil es ja türkische Staatsangehörige waren, die sich in ihrem eigenen Land befanden.

Ich weiß übrigens noch genau, warum ich mich von den Türken wieder einbürgern ließ, nachdem ich schon ausgebürgert war. Die Deutschen hatten das bei meiner Einbürgerung 1986 verlangt. Als aber 1989 die Mauer fiel und ich noch vor lauter Glück über die Wiedervereinigung weinte, kamen erst ganz schwach, dann immer lauter die Rufe: »Deutschland den Deutschen«. Das machte mir Angst. Ich fragte mich, wohin ich ganz schnell fliehen könnte, wenn die Wiedervereinigung für uns Türken zu einem Desaster werden würde. Ich beeilte mich, die türkische Staatsangehörigkeit wiederzuerlangen, und war erleichtert, als es nach zwei Jahren gelang. Auch heute denke ich natürlich nicht, dass die Deutschen die besseren Menschen sind. Oh nein! Schaut euch die Ereignisse um die Zwickauer Zelle an. Schaut euch die Studien zum Antisemitismus an. Ohne Zwangsdemokratisierung nach dem Zweiten Weltkrieg würde es heute in Deutschland, würde es in Europa anders aussehen.

Und nicht immer begegnet man mir in Deutschland ganz normal als Mensch, der ich nun mal bin. Nein, ich laufe mit einem Stempel auf der Stirn herum. Darauf steht: Mensch mit Migrationshintergrund. Trotzdem betrachte ich Deutschland als meine Heimat. Eine bessere konnte ich in den letzten 43 Jahren (so lange lebe ich in Berlin) nicht finden. Das sage ich ohne Wehmut. Ich liebe mein Berlin. Ich liebe aber auch Istanbul. Dennoch kann ich mir nicht vorstellen, in Istanbul zu leben. Nur besuchen möchte ich es irgendwann wieder. Am Bosporus sitzen und Fisch essen. Raki oder Wein trinken mit meiner besten Freundin, die dort lebt.

Deshalb rufe ich dem amerikanischen Schriftsteller Paul Auster, der den Präsidenten Recep Erdoğan hart kritisiert hat, zu: Lieber Herr Auster, bitte fahren Sie unbedingt in die Türkei! Denn die Türkei braucht Menschen wie Sie, die es wagen, das heikle Thema der Pressefreiheit anzusprechen. Sehr viele Menschen in der Türkei lesen Ihre Bücher. Man kennt Sie und schämt sich für die peinlichen Attacken des Herrn Erdoğan gegen den Westen und gegen Israel. Ich wünschte, es gäbe mehr Menschen, die offene Kritik am türkischen Regime üben. Stattdessen wird stoisch hingenommen, dass Erdoğan regelmäßig nach Deutschland kommt, um die Deutschen für ihre Integrationspolitik zu beschimpfen und der deutschen Politik zu unterstellen, man wolle alle Türken assimilieren. Tatsächlich wurde die Familie meines kurdischen Vaters in der Türkei assimiliert. Da sollte Erdoğan hinschauen! Mein Vater spricht heute kein Wort Kurdisch, aber er hat Tränen in den Augen, wenn er kurdische Musik hört. Denn sein Vater und seine Mutter sprachen untereinander noch Kurdisch. Es ist der Klang einer verlorenen Heimat. Ich spüre diesen Schmerz noch immer bei ihm. Ich spüre den Schmerz sogar bei mir, weil ich kein Kurdisch lernen konnte.

Solche Zwangsassimilation gibt es im Deutschland der Gegenwart nicht. Niemand wagt es, uns Türken zu verbieten, Türkisch zu sprechen. Dennoch wagt es Erdoğan, dies den Deutschen regelmäßig zu unterstellen. Und kein deutscher Politiker steht auf und sagt: Herr Erdoğan, hören Sie auf, sich in unsere inneren Angelegenheiten zu mischen. Aus der Türkei hört man regelmäßig genau diesen Satz.

Für den erwähnten Menschenrechtspreis habe ich übrigens dieses Jahr die armenische Hrant-Dink-Stiftung und die inhaftierten türkischen Journalisten vorgeschlagen. Auffallend ist, dass es sich bei den meisten um kurdische Türken handelt. Junge Journalisten und Akademiker, bekannte und unbekannte Personen sitzen im Gefängnis, weil sie frei denken, reden und schreiben wollen. Zu nennen sind unter anderem Ahmet Şk, Nedim Şener, Rakip Zarakoğlu, Zuhal Tekiner und Yüksel Genç.

"Die Türkei islamisiert und modernisiert sich gleichzeitig"

Wann wird der Westen aufhören, Erdoğan derart zu hofieren? Einen Mann, der bei jeder Gelegenheit Juden beleidigt. In der Presse heißt es dann nur, dass Erdoğan in gewohnter Manier rüpelhaft schimpft. Doch am Ende geht es in Erdoğans Türkei um nicht mehr und nicht weniger als Freiheit. Das vergessen viele Menschen im Westen gerne, wenn sie in den Orient blicken. Sie meinen, dass unsere Freiheit nicht ihre Freiheit sein muss. Kürzlich musste ich mir bei einer Sitzung der Islamkonferenz anhören, dass meine Vorstellung vom selbstbestimmten Leben einer Frau für eine muslimische Frau nicht zutreffen müsse. Ich solle akzeptieren, dass es muslimische Frauen gebe, für die meine Definition von Freiheit und Selbstbestimmung zu weit gehe. Nein, das werde ich niemals akzeptieren.

Am 19. Januar 1919 durften in Deutschland Frauen zum ersten Mal an politischen Wahlen teilnehmen. Dem war ein langer Kampf vorausgegangen. Wer für Partizipation und Selbstbestimmung streitet, trifft stets auf politische Gegner, denen das alles zu weit geht. Doch die Freiheit ist im Morgenland dieselbe wie im Abendland. Es gibt weder kulturelle noch religiöse Gründe, sie hier anders zu definieren als dort.

Erdoğans Welt besteht aus Glaube und Autorität. Da hat Kritik nichts zu suchen. Erdoğan und ich glauben an denselben Gott, gehören derselben Religion an. Dennoch trennen uns Welten. Während in meiner Welt Platz für einen Menschen wie ihn ist, haben Menschen wie ich keinen Platz in seiner Welt. Zugegeben, die politische Lage in der Türkei ist nicht schwarz-weiß. In jedem Land, das sich auf der Schwelle zwischen Demokratie und Diktatur befindet, ist die Lage ambivalent. Während manche Journalisten für missliebige Artikel ins Gefängnis wandern, bleiben andere, die ganz ähnliche Texte schreiben, unbehelligt. Das nennt man Willkür. Die Prozesse gegen das sogenannte Ergenekon-Komplott und die damit einhergehenden Inhaftierungen von unliebsamen Verfechtern eines liberalen, säkularen Staates sind ein politisches Desaster. Die Türkei islamisiert und modernisiert sich gleichzeitig. Während ich diese gefährliche Entwicklung aus sicherer Entfernung beobachte, trage ich meine doppelte Staatsangehörigkeit zu Grabe. Wie schade, oder?