Syrien Kapert die Revolution!
Al-Kaida wittert eine Chance: Radikale Islamisten unterwandern den Widerstand gegen das Assad-Regime.
Auf den ersten Blick wirkt es wie Realsatire, was der Al-Kaida-Chef zum Syrien-Konflikt sagt. Er freue sich, so Aiman al-Sawahiri am vergangenen Wochenende in einer Videobotschaft, dass das syrische Volk einen »Dschihad« gegen den Diktator von Damaskus führe. Baschar al-Assad sei »der Schlachtersohn eines Schlachters«. Jeder Muslim in der Region müsse sich gegen ihn erheben. Ein verzweifelter Überlebensruf eines sterbenden Terrornetzwerkes könnte man meinen – als strebten die Aufständischen in Syrien einen Gottesstaat an.
Und doch liegt eine ernsthafte Gefahr in Sawahiris Einmischung. Denn die radikalen, militanten Islamisten, die im Nahen Osten schon in den 1970er Jahren versucht hatten, die weltlichen Regime zu stürzen, sind keineswegs verschwunden. Sie haben sich in den vergangenen Jahrzehnten nur andere, ferner liegende Schlachtfelder gesucht: Afghanistan, Tschetschenien, Irak. Ursprünglich ging es diesen Salafisten aber darum, den sogenannten nahen Feind zu bekämpfen, also die »unislamischen Herrscher« von Kairo bis Damaskus.
Sawahiri selbst begann seine Terrorkarriere vor fast vierzig Jahren als Anführer einer Gruppe, die in Ägypten einen Staatsstreich gegen den damaligen Präsidenten Anwar al-Sadat plante. Nach Sadats Ermordung 1981 unterdrückten die Geheimdienstapparate in der ganzen Region die Islamistenbewegung ebenso brutal wie erfolgreich, auch und gerade in Syrien. Zwischen 1979 und 1982 tobte ein blutiger Konflikt zwischen Islamistengruppen und dem Baath-Regime. Er endete erst, als Hafis al-Assad die sunnitische Stadt Hama mit Granaten beschießen ließ und wahrscheinlich mehrere Zehntausend Menschen tötete.
Für Al-Kaida, kurzum, ist die syrische Revolution die Gelegenheit, ihre Wurzeln wiederzubeleben. Wie viele Alt- und Neufundamentalisten dem Sammlungsaufruf folgen, weiß noch niemand. Im Irak immerhin waren es Tausende. Der dortige Al-Kaida-Ableger (»Der Islamische Staat Irak«) schreibt jetzt auf seiner Internetseite: »Viele Syrer haben Seite an Seite mit dem Islamischen Staat Irak gekämpft. Es ist gut zu hören, dass irakische Kämpfer nun in Syrien ankommen, um dort mit ihren Brüdern zu kämpfen.« Auch die jordanischen Muslimbrüder rufen Dschihadisten in der ganzen Welt auf, nach Syrien zu strömen, um die Regierung Assad zu stürzen. Es sei gut möglich, vermuten amerikanische Geheimdienstler, dass die jüngsten Bombenanschläge in Aleppo und Damaskus von Al-Kaida-Zellen verübt worden sind. Belege dafür gibt es nicht. Aber die Möglichkeit ist plausibel.
Die New York Times berichtet detailreich, dass im Nordwesten des Iraks ein schwunghafter Handel mit Raketenwerfern, Granaten, Gewehren angelaufen sei. Dasselbe Kriegsmaterial, das einst von Syrien in den Irak geschickt worden sei, werde nun retour versandt. Das ist nur logisch. Ob Amerikaner oder Assad – aus Sicht islamischer Fundamentalisten sind beides illegitime Besatzer muslimischer Länder.
Anders als im Irak freilich gibt es in Syrien eine Mehrheitsopposition, die Hilfe aus dem Westen, sogar von der Nato, nur zu gern in Anspruch nähme und sich deshalb gegen eine dschihadistische Vereinnahmung wehrt. Doch da eben diese Hilfe nicht in Aussicht ist, steht zu befürchten, dass sich der Konflikt innerhalb des Syrien-Konflikts verstärkt. Eine islamistische Infektion des syrischen Aufstands jedenfalls hat begonnen.
- Datum 17.02.2012 - 11:29 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 16.2.2012 Nr. 08
- Kommentare 70
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Wer führt den Aufstand in Syrien und unter welcher "Fahne"?
Nicht so richtig klar.(?)
Na dann. Beste Bedingungen für den Einfall der Dshihadisten. Die liefern Idee, Regeln, Ziel, Führung und Verbündete. All das, was die "Opposition" in Syrien noch nicht oder nur im Ansatz zu bieten hat.
Der Wettlauf zwischen dem Diskutierwesten und den entschlossenen Islamisten ist eröffnet.
Spinner Sawahiri,hat er überhaupt noch Anhänger oder überhaupt noch Geld? Glaube nicht.Das ist die alte Alkaida.
Die neue Alkaida ist längst dort und unterwandert die Opposition Syriens.
Das sind z.B. die Leute ca. 2000 Mann,die Ghadafi in Gefängnissen hielt.
Unter dem Kommando von Hakim Belhadj sind diese seit mindestens 2 Monaten,in Syrien.
Nach 10 Jahren erbitterter Blumenkriege haben der Westen und der
radikale, sunnitische Islam nun endlich das Kriegsbeil begraben.
Während in Libyen die Kooperation zwischen Al-Qaida und westlichen, saudischen und den Spezialeinheiten aus Katar noch eher verschämt und verdeckt erfolgte, liegen bei Syrien die Karten endlich auf dem Tisch. Al-Qaida ruft nun unisono mit den westlichen Leitmedien zum Sturz von Assad auf. (Die Bombenanschläge in Aleppo gehen laut Meldungen aus Israel auf das Konto des irakischen Al-Qaida-Arms).
Schön ist auch, dass die Fronten jetzt so eindeutig geklärt sind (ist genauso simpel wie in den Achtzigern): der Westen und die radikalen Sunniten auf der einen, Russen und nun auch die Schiiten auf der anderen Seite. Es dürfte kein Zufall sein, dass Osama bin Laden während der Hochzeit des "Arabischen Frühlings" den Löffel abgab. Auch kein Zufall dürfte es sein, dass die Taliban kürzlich ein Büro im schönen Katar eröffneten. Dem frühzeitigen Erwerb von WM-Tickets dürfte es wohl kaum dienen. Ich möchte gar nicht wissen, welchen miesen Kuhhandel es hier gab. Um Demokratie, Menschenrechte und Freiheit dürfte es wohl kaum gegangen sein. Und es dürfte auch sicher sein, dass keines der im Zuge von 9/11 verabschiedeten Gesetze angesichts der neuen Freundschaft zurückgenommen wird.
"Nach 10 Jahren erbitterter Blumenkriege haben der Westen und der
radikale, sunnitische Islam nun endlich das Kriegsbeil begraben."
Ja, man verbündet sich mit einem Unterteufel, der den Oberteufel in Teheran gar nicht leiden kann. Eine weitere Perspektive: Den endgültigen Sieg der Taliban in Afghanistan kann und will man nicht mehr verhindern. Vielleicht sollen sie jetzt zu einem östlichen Bollwerk gegen Teheran aufgebaut werden. Sie wären damit schon zum zweiten Mal Verbündete des "Westens".
"Nach 10 Jahren erbitterter Blumenkriege haben der Westen und der
radikale, sunnitische Islam nun endlich das Kriegsbeil begraben."
Ja, man verbündet sich mit einem Unterteufel, der den Oberteufel in Teheran gar nicht leiden kann. Eine weitere Perspektive: Den endgültigen Sieg der Taliban in Afghanistan kann und will man nicht mehr verhindern. Vielleicht sollen sie jetzt zu einem östlichen Bollwerk gegen Teheran aufgebaut werden. Sie wären damit schon zum zweiten Mal Verbündete des "Westens".
Wie in Libyen. Und der Westen ist wieder der Steigbügelhalter.
der Westen von der sog. Al Qaida überhaupt getrennt, oder waren die schon immer Hand in Hand gegangen.
Was hat Al Qaida schon für Anschäge verübt?
9/11, Madrid, London .... und danach?
Das angebliche Vorgehen von Al Qaida hat doch den Hardlinern gerade in die Hände gespielt - mehr Kontrolle der Bürger, ein neues Feindbild (da die Sowjetunion auseinnander gebrochen ist).
Und jetzt in Syrien?
Es scheint so, als ob man einen schnellen Zugriff der Nato fordert, damit die Bewegung nicht unterwandert wird.
....
der Nato in Syrien, könnte der Auslöser für einen großen Krieg in Nahost oder sogar weltweit werden. Weder Russland noch der Iran würden dem tatenlos zusehen.
Anfang März befinden sich 4 Flugzeugträger der USA und Frankreichs im Golf. Wenn es ein Schachspiel wäre, würde ich sagen, die Nato versucht ein Matt vorzubereiten. Allerdings auf einem Spielfeld mit sehr unklarer Stellung bei noch vielen Figuren auf beiden Seiten.
der Nato in Syrien, könnte der Auslöser für einen großen Krieg in Nahost oder sogar weltweit werden. Weder Russland noch der Iran würden dem tatenlos zusehen.
Anfang März befinden sich 4 Flugzeugträger der USA und Frankreichs im Golf. Wenn es ein Schachspiel wäre, würde ich sagen, die Nato versucht ein Matt vorzubereiten. Allerdings auf einem Spielfeld mit sehr unklarer Stellung bei noch vielen Figuren auf beiden Seiten.
Entfernt. Bitte verfassen Sie sachlich argumentierte Kommentare. Danke, die Redaktion/lv
dem glauben darf, was Thierry Meyssan schreibt, dann ist das jetzige Eingeständnis der Teilnahme von AlQuaida im Krieg gegen Assad der Beginn des Rückzugs der "Rebellen". Es würde ins Bild passen. Allerdings wäre ich mit einer Beurteilung vorsichtig.
Im Libyenkonflikt lag Thierry Meyssan mit seinem Glauben an die Stärke Gaddhafis gegen Ende ziemlich falsch.
Jedenfalls wäre denkbar, daß die Anwesenheit russischer Diplomaten in Damaskus seine Sichtweise unterstützt.
Witzig finde ich in jedem Fall das Gejaule des offiziellen "Westens" in Sachen Referendum. Weil es von Assad kommt, kann es nicht gut sei. Egal was Assad tut, es ist in den Augen des Westens nicht genug. Kompromisslosigkeit wird in diesem Fall vermutlich nicht zielführend sein. Und ob es dem Frieden dient, wage ich zu bezweifeln.
der Nato in Syrien, könnte der Auslöser für einen großen Krieg in Nahost oder sogar weltweit werden. Weder Russland noch der Iran würden dem tatenlos zusehen.
Anfang März befinden sich 4 Flugzeugträger der USA und Frankreichs im Golf. Wenn es ein Schachspiel wäre, würde ich sagen, die Nato versucht ein Matt vorzubereiten. Allerdings auf einem Spielfeld mit sehr unklarer Stellung bei noch vielen Figuren auf beiden Seiten.
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