Es gibt diese Tage, an denen sich Politik verdichtet. An denen widersprüchliche Interessen zur Entscheidung drängen. Manchmal geht es an solchen Tagen, buchstäblich, um Leben und Tod.

Der 4. Februar 2012 war ein solcher Tag. An diesem Tag stimmte der UN-Sicherheitsrat über Syrien ab – nach elf Monaten mörderischer Gewalt. Russland und China legten ihr Veto ein gegen eine Verurteilung des Assad-Regimes und erteilten ihm damit, wie der Vize-Außenminister Katars sagte, die "Lizenz zum Töten" . Wie kam es dazu? Die Chronologie eines Scheiterns.

Drei Stunden lang haben sie miteinander gerungen, sieben Botschafter, in einem engen, fensterlosen Raum im Kellergeschoss des UN-Gebäudes in New York . Meeting Room GA-TSC-14 ähnelt eher einer Verhörzelle der New Yorker Polizei als einem Verhandlungsort hoher Diplomaten. Die Mitarbeiter warten draußen, hängen herum in der German Lounge mit ihren ehedem modernen braunen Sesseln; die Bundesregierung hat sie den Vereinten Nationen in den siebziger Jahren geschenkt.

Es ist Donnerstag, der 2. Februar. Um 20.30 Uhr Ortszeit verlassen die Vertreter der USA, Russlands , Chinas , Frankreichs , Großbritanniens , Deutschlands und Marokkos mit versteinerter Miene den Raum. Draußen warten mindestens 100 Journalisten, mehr als 20 TV-Sender haben ihre Kameras aufgebaut. "Wir hatten eine nützliche Diskussion": Auf diese Sprachregelung haben sich die sieben verständigt. Sie scheinen doch geschafft zu haben, was dem gesamten Sicherheitsrat mit seinen insgesamt 15 Mitgliedern zuvor nicht gelungen war. Jetzt müssen sie die Resolution ihren Regierungen zur Entscheidung vorlegen, "ad referendum", wie es in der Sprache der Diplomaten heißt. 

Es ist hoch hergegangen hinter der Tür von Raum GA-TSC-14, der während der jahrelangen Renovierungsarbeiten am Hauptsitz der UN wie alle Räumlichkeiten des Sicherheitsrats ins Kellergeschoss der Generalversammlung verlegt worden ist. Witali Tschurkin, der Russe, hat getobt, wollte die Verhandlungen abbrechen. Li Baodong, der Chinese, saß meist schweigend dabei.

Die Russen wollen Assad verurteilen – aber genauso auch die Opposition

Europa, die USA, Marokko, als einziges arabisches Land im Sicherheitsrat: Sie wollen die Resolution zu Syrien jetzt; sie wollen den Krieg des Assad-Regimes gegen das eigene Volk unzweideutig verurteilen und in Damaskus einen politischen Übergangsprozess in Gang setzen. Genau das möchten die Russen verhindern. Sie wollen die Schuld an der Eskalation der Gewalt zu gleichen Teilen Assad und der Opposition anlasten; und um keinen Preis wollen sie eine Resolution akzeptieren, die als Ermutigung zum Regimewechsel verstanden werden könnte.

Wie bei allen Konflikten hat es seine Zeit gebraucht, bis die Weltgemeinschaft reagiert. Erste Vorstöße der Europäer, Syrien vor den Sicherheitsrat zu bringen, scheitern im Juni und Juli 2011 am hartnäckigen Widerstand nicht nur Russlands und Chinas , sondern auch der Schwellenländer Brasilien , Indien und Südafrika. Ein Grund dafür ist Libyen . Die Nato, so heißt es, sei über das Mandat der Vereinten Nationen hinausgegangen, habe es für ihr eigentliches Ziel, den Sturz Gaddafis und einen Regimewechsel in Tripolis, missbraucht. Darum gehe es dem Westen auch in Damaskus.

Im September unternehmen die Europäer einen neuen Vorstoß. Sie wollen Sanktionen gegen Assad verhängen. Deutschland, Frankreich und Großbritannien sind in dieser Phase die treibenden Kräfte. Warum engagiert sich Deutschland, als nichtständiges Mitglied für zwei Jahre in den Sicherheitsrat gewählt, so stark im Fall von Syrien? Neben den humanitären Zielen gibt es dafür auch politische Gründe. "Für die Deutschen war es eine Gelegenheit, die moralische Autorität zurückzugewinnen, die sie in Libyen verloren hatten", sagt Richard Gowan vom Center on International Cooperation der New York University.