Spanien Ohne Worte

Im spanischen Zisterzienserkloster Santa Maria de Poblet können Touristen ihre innere Welt wieder ins Lot bringen. Sie müssen nur schweigen lernen

Das Zisterzienserkloster Santa Maria de Poblet in Spanien

Das Zisterzienserkloster Santa Maria de Poblet in Spanien

Die Schattenseiten des Fortschritts enden abrupt. Eben noch verriegelten Gewerbehallen das Land, rotierten Windräder auf Höhenzügen, vernähten Stromleitungen die Ebene zwischen Tarragona und Lleida. Doch nach meiner Ankunft am Bahnhof von Espluga de Francolí wähne ich mich im Eröffnungsbild einer Kinderbibel. Zwei Zugstunden westlich von Barcelona wuchern plötzlich Korkeichen hexenhaft zwischen Olivenhainen, und Berge fließen unter einem orangefarben lodernden Abendhimmel ineinander. Nur noch mein Rollkoffer erinnert an die Tücken des 21. Jahrhunderts. Beim Fußmarsch über die Landstraße sind seine Plastikrädchen geborsten, jetzt schleife ich ihn hinter mir her. Passt doch. Denn dort, wo ich hinwill, ist Bequemlichkeit kein Thema.

Die nächsten Tage werde ich mit Mönchen im größten Zisterzienserkloster des Abendlands teilen. Es heißt Santa Maria de Poblet und erhebt sich aus der Bibellandschaft wie eine Verschwörung gegen das Heute. Mittelalterliche Türme und Zinnen, Schießscharten und Wehrgänge machen die Abtei zum Bollwerk. Ich betrete sie durch die Tore dreier Mauerringe. Hinter den ersten beiden Einlässen gähnen einschüchternd leere Innenhöfe. Nach der dritten Pforte aber beginnt die Klausur: ein Durcheinander von Treppen, Gängen, Brücken und Atrien, das M. C. Escher eingefallen sein könnte.

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Ratlos bleibe ich stehen. Es ist, als habe das Kloster mich verschluckt. Da tritt eine Gestalt in leuchtend weißer Zisterzienserkutte hinter einer Säule hervor. Der Mann legt mir zur Begrüßung die Hände auf die Schultern. Ich will mich erklären, doch Padre Paco streicht sich nur über die Lippen und lächelt. »Beim vielen Reden wirst du der Sünde nicht entgehen«, zitiert er den heiligen Benedikt. »Wir reden hier nur dann, wenn es nicht anders geht.« In meinen Ohren klingt das wie eine Drohung.

Der Mittsiebziger kümmert sich um die 14 Gästezimmer in der Klausur von Poblet. Sie stehen Landstreichern, Pilgern und Wanderarbeitern offen. Und Touristen, die hier ihre Welt wieder ins Lot bringen und an der Liturgie teilnehmen wollen. Vorausgesetzt, es sind keine Frauen. Einen Preis kann Padre Paco nicht nennen. Man gibt, was man kann oder für angemessen hält. Zum spirituellen Modell der Zisterzienser zählen nicht nur Beten, Arbeiten und Bibellesen; auch die Bewirtung von Gästen gehört dazu. Sie sollen aufgenommen werden wie Christus.

Mein Zimmer ist von einer Schlichtheit, die sofort befreiend wirkt. Bett, Tisch, Stuhl, Schrank. Ein Ölgemälde gibt es auch, es zeigt die Muttergottes mit dem Jesuskind. Der Heiland sieht darauf aus wie der junge Bob Dylan. Auf der Decke, die man selbst beziehen muss, liegt die Tagesordnung. Viele Punkte klingen rätselhaft. Vigilien um kurz nach fünf; dann Laudes, Konventamt, Mittagshore, Vesper, Lesung, Komplet. Zwischendurch wird gegessen, studiert und gearbeitet. Ich lasse mich auf die Matratze fallen. Das soll ein Refugium vor der Leistungshetze sein?

Die Bücher, die ich mitgebracht habe, verschärfen den Zweifel. Denn sie berichten, dass die Zisterzienser nicht zuletzt wegen ihrer Lebensführung zu Vorreitern des Kapitalismus wurden. Die Männer mit den schwarz-weißen Habits spalteten sich 1098 von einem burgundischen Benediktinerstift ab, weil ihnen dessen Gebaren zu lasch geworden war. Die Zisterzienser gelobten, nur von der eigenen Hände Arbeit zu leben, und so wurde der neue Orden bald auf der ganzen Linie erfolgreich. Die Mönche bauten die besten Pflüge, wurden berühmte Weinbauern und Fischzüchter, erfanden Techniken für Wind- und Wassermühlen. Ein halbes Jahrhundert später gab es bereits 300 Zisterzienserklöster in ganz Europa. Ihrer Tüchtigkeit wegen rief der Graf von Barcelona zu jener Zeit auch französische Zisterzienser nach Poblet. Das Kloster hatte er 1150 zum Dank für die Rückeroberung der Region von den Muslimen gegründet.

Leser-Kommentare
    • rvn
    • 20.02.2012 um 10:17 Uhr

    Artikel. Es ist schön zu sehen, dass noch nicht jeder Winkel unserer Welt von Gewinnstreben und Egoismus aufgefressen wurde. Leider habe ich als Agnostiker / Atheist auch keinen Zugang zu solchen Dingen. Schade eigentlich. Eine ganze Welt ist vor einem verschlossen.

    Vieleicht sollte ich mir das einmal näher anschauen und Dinge wie Theodizee etc. aussen vorlassen.

  1. 2. Demut

    Der erste Schritt ist ´´Gehorsam ohne Zögern´´
    Da bleibt kein Platz zum Zweifel oder Diskussion und so haben uns die Herrscher in Zusammenarbeit mit der Kirche / Religion Jahrtausendelang beherrscht.
    Sicherlich heute ein netter ruhiger Fluchtpunkt mit mittelalterlichem Charme .
    Haben diese Mönche seinerzeit die Stimme gegen Franko erhoben ? Oder ihrem Herrn , dem Papst gehorcht?

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