Joachim GauckSo schön ist Politik

Einen besseren Streitpartner als den künftigen Bundespräsidenten hätte man sich nicht wünschen können. von 

Joachim Gauck neben Sigmar Gabriel, Angela Merkel, Horst Seehofer und Philipp Roesler im Kanzleramt

Joachim Gauck neben Sigmar Gabriel, Angela Merkel, Horst Seehofer und Philipp Roesler im Kanzleramt  |  © John MacDougall/AFP/Getty Images

Dieses Jahr war die Karnevalswoche in Berlin bei Weitem lustiger als die in Köln . Fünf Parteien einigten sich in der Hauptstadt auf einen Bundespräsidenten, den keine von ihnen wirklich wollte. Im Machtspiel um das Bellevue gewinnt zudem nicht etwa die stärkste Kraft, also die Union, sondern die schwächste, die FDP, deren bis dato so glückloser Vorsitzender geschickt mit dem eigenen parlamentarischen Selbstmord drohte und sich so rettete. Derweil brachten SPD und Grüne das Kunststück fertig, beim Siegerlächeln mit den Zähnen zu knirschen . Obendrein legte, wie man hört, die stets kontrollierte Kanzlerin einen richtigen Wutanfall hin – wie befreiend für sie. Und für uns.

Nicht zuletzt: Ist es nicht wunderbar tröstlich, dass in der Demokratie manchmal etwas rauskommt, was so niemand für möglich gehalten hatte, weder die Politiker noch die Kommentatoren, was aber trotzdem gut ist für das Land? Die List der demokratischen Vernunft siegt hinter dem Rücken der Akteure! Ach, wie schön kann Politik sein!

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Selbst wenn er programmatisch falsch läge – seine Nominierung ist ein Segen

Doch geschieht mit der Nominierung von Joachim Gauck , dem angeblichen Konsenskandidaten, noch etwas ganz anderes: Ein parteiübergreifender Konsens, der in den letzten Jahren entstanden ist, wird unversehens und auf breiter Front aufgebrochen. So hält Gauck die populär gewordene Kapitalismuskritik für »unsäglich albern«, den Widerstand gegen Stuttgart 21 für einen Ausdruck deutscher Hysterie, die er wiederum »abscheulich« findet, die Energiewende war ihm viel zu »holterdiepolter«, Thilo Sarrazin hingegen bezeichnet Gauck als »mutig«, militärische Interventionen, die mittlerweile sämtliche Parteien ablehnen, findet er unter Umständen nötig, Europa jedoch, für das eine Allparteienkoalition gerade eine Menge Milliarden bereitstellt, betrachtet der Kandidat mit »Skepsis«. Gauck ist, kurzum, der perfekte Anti-Konsens-Kandidat.

Und auch das ist noch nicht alles: Sogar den Liberalismus, der in seiner Parteigestalt bei drei Prozent liegt, könnte Gauck vom FDP-Eise befreien, und dem Konservatismus, der bei der Union nur mehr eine papierne Randexistenz führt, vermag er wieder Leben einzuhauchen.

Nun könnte man mit guten Gründen sagen, dass Gauck in fast allen programmatischen Punkten falschliegt, man könnte argumentieren, dass dieses Land so liberal ist, dass es Liberalismus als Programm nicht mehr braucht und dass der CDU-Konservatismus sich erledigt hat – doch selbst dann muss man die Nominierung von Joachim Gauck begrüßen. Denn die politische Klasse hat sich zuletzt so sehr in einen ökologisch-multikulturell-frauenbewegten Konsens hineindiskutiert, dass viele schon fürchteten, es würde sich bald eine rechtspopulistische Partei dagegen gründen. Stattdessen bekommen wir nun mit Gauck eine institutionalisierte Abweichung vom Mainstream, aber keine gefährliche, unzivilisierte, gegen Minderheiten gerichtete, intellektuell dürftige, nein, wir bekommen das Beste, was es neben und gegen diesen Konsens geben kann. Einen schöneren Streitpartner hätte man sich nicht wünschen können.

Dass der künftige Präsident diesen Mainstream geradewegs umkehren könnte , ist unwahrscheinlich und auch nicht wünschenswert, aber er könnte die Argumente der Mehrheit wieder schärfen, er könnte die politische Klasse aus ihrem Behagen an sich selbst aufschrecken.

Leserkommentare
  1. Die Medien im Gleichschritt - nach der Anti-Wulff-Kampagne jetzt die Pro-Gauck-Kampagne.

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    ...wenn sie die Eignung beider Kandidaten vergleichen hält sich die Überraschung für eine Anti-Wulf und für eine Pro-Gauck Stimmung in Grenzen - abgesehen von Leuten mit Stasi-Vergangenheiten.

    • biggerB
    • 26. Februar 2012 12:26 Uhr

    und schon jetzt gefühlte 59 Monate "gauckscher Freiheitsbegriff" zuviel.

    MfG
    biggerB

    • WiKa
    • 26. Februar 2012 13:26 Uhr

    So ein Verdacht der drängt sich förmlich auf und scheint auch nicht ganz unbegründet zu sein. Gauck ist und bleibt de Kandidat von 5 Fraktionsführern die sich mit dieser Aktion gegenseitig ver-Gauck-elt haben. Horcht man etwas tiefer in die Niederungen des Volkes hinein dann regt sich da aus mehreren Gründen Widerstand:
    „Merkel stellt Deutschland vor die Wahl – Gauck“ … Link.

    Es fehlte halt nur die (Aus)Wahl. Dabei dürfte Merkel eher die lachende Dritte sein. Erstens hat sie die Diskussion schnell vom Tisch gehabt, zweitens ist Gauck offenbar schwarz genug und drittens hat sie damit den „schwarzen Joachim“ damit sehr effektvoll der Opposition in die Schuhe geschoben. Besonders beeindruckend ist abermals wie wenig Volkes Stimme in diesen Angelegenheiten zählt, eine erneute würdige Demonstration zur Wirkweise der indirekten Demokratie. Damit entlarvt sich die Politik ein Stück weiter, ob es helfen wird oder ob Michel es wie üblich über sich ergehen lässt wird sich zeigen. Zu erwarten steht aber, dass die Medien Gauck weiter aufbauen werden und lange nicht mit der Intensität nach Fehlern suchen, wie sie dies bei Wulff taten … seltsames Spiel, nicht wahr.

    Nicht alle "Medien im Gleichschritt" - nach der Anti-Wulff-Kampagne jetzt die Pro-Gauck-Kampagne."

    1. Zum Hören und sehen
    http://www.youtube.com/wa...
    2. Zum Lesen
    http://www.sueddeutsche.d...
    -----
    Und Wibke Bruhns im heutigen Tagesspiegel:

    "Ich glaube allerdings, wir werden nicht so lange froh sein mit Gauck. Der ist so überzeugt davon, dass er der Welt etwas mitzuteilen hat, was sie noch nicht weiß. Die Chuzpe, die dahintersteckt, muss man erst mal haben: die Mitmenschen Mores lehren zu wollen."

    ---

    Der nächste Flop ante portas Bellevue ?

    Bernd Ulrich erinnert an den IWF-Mann Köhler als Vorgänger Gaucks. Und das ist auch gut so. Zu niedrig darf die Latte nicht gehängt werden.
    Wer sich so mit Schwiegermamas Portemonnaie verheddert, taugt nicht einmal mehr als Maßstab für ein abschreckendes Beispiel.

  2. Bitte verzichten Sie auf Spekulation. Danke, die Redaktion/mo.

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    "Der Veldensteiner Kreis zur Erforschung von Extremismus und Demokratie ist eine dem Dresdner Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung (HAIT)[1] nahestehende Diskussionsrunde von Zeithistorikern, Politik- und Sozialwissenschaftlern, die sich der Erforschung von Extremismus und Demokratie in Geschichte und Gegenwart widmen. Themenschwerpunkte bilden laut eigener Aussage die nationalsozialistische Diktatur, das SED-Regime und die extremistischen Strömungen des 20. und 21. Jahrhunderts."

    Warum sollten sie also nicht Gauck einladen - warum sollte Gauck kein Referent dort sein?

    ...haben auch einen Bezug zum Veldensteiner Kreis wie Herr Gauck. Der Historiker Fritze hat versucht, das Andenken des Hitler-Attentäters Georg Elser zu beschädigen, weil es unter den Zuhörern Hitlers im Bürgerbräu auch Unbeteiligte gab. Etwas verwunderlich, da die ja auch im Falle des Staufenbergs-Attentat gab. Der Verdacht liegt also nahe, dass Herrn Fritze der Verwurzelung Elsers in der Arbeiterbewegung stört. Wenn Herr Gauck der Präsident aller Deutschen sein möchte, dann sollte er sich mit allen Traditionen des Widerstands anfreunden können. Ich zweifle, dass er das kann...

    • war-hog
    • 26. Februar 2012 21:12 Uhr

    Kann man hier direkt nachlesen:

    http://www.tu-chemnitz.de...

  3. 3. Gauck

    Gauck - ein Bürgerrechtler
    Gauck - für die Freiheit
    Gauck - ein Segen
    Gauck - der Beste

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    • war-hog
    • 26. Februar 2012 21:06 Uhr

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf polemische Kommentare. Danke. Die Redaktion/vn

    • Olyom
    • 28. Februar 2012 6:37 Uhr

    Gauck - der Democrator
    Gauck - der Messias
    Gauck - der Highlander
    Gauck - der einzige Mensch, der nicht pupst (angelehnt an ein bekanntes Buch)

    usw.

    Und das wäre nicht wesentlich lächerlicher.

    • FeFeCN6
    • 26. Februar 2012 8:56 Uhr

    wird uns sehr wahrscheinlich bald vergehen. Spätestens wenn Griechenland pleite geht und die Euro-Zone zu zerbröseln beginnt. Ich bin gespannt was dann unser "Präsident der Herzen" der bar jeder volkswirtschaftlichen Fachkenntnis ist sagt.

    WO war eigentlich unser Demokratie-Lehrer, als es darum ging 200 Kampfpanzer nach Saudi-Arabien zu liefern? Hat da jemand was von ihm gehört? Aber das nur am Rande.

    Unerträglich diese Medien-Kampagnen.

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    • lonetal
    • 26. Februar 2012 9:30 Uhr

    Sie schreiben: "Unerträglich diese Medien-Kampagnen."

    Nicht alles, was nicht ihrer Meinung entspricht, ist eine Kampagne.

    Tja, das ist halt der neoliberale Zeitgeist:
    Eine Demokratie muss marktkonform sein. Ist sie das nicht, ist das Sozialismus. Will sie das sogar absichtlich nicht sein, ist sie das Kommunismus.

    • Olyom
    • 28. Februar 2012 6:38 Uhr

    Demokratische Freiheitspanzer, die nicht an "Kommunisten" geliefert wurden, also war da alles perfekt.

    Da konnten wir ihm auch fragen warum er so spät geboren wurde und deshalb nichts gegen den 2. Weltkrieg unternommen hat.

    Auweia, auweia, das Argument tut aber weh!

    • gerd-h
    • 26. Februar 2012 9:00 Uhr

    Gauck trägt jetzt neuerdings Brille. Hat er etwa PR-Berater und Image-Stylisten?

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    • lyriost
    • 26. Februar 2012 10:02 Uhr

    Manche brauchen erst wenn sie älter werden so ein Ding. Er hat übrigens jetzt auch graue Haare.

    • thbode
    • 26. Februar 2012 9:01 Uhr
    6. Jubel

    Ein Präsident ist nicht zum "Streiten" da, nicht dazu parteiische Positionen zu vertreten, sondern zum Versöhnen!

    Bei "Rot" und Grün ist zwar die Sprachregelung nun auch so, wie fein es sei nun einen Präsidenten zu haben der einem nicht "nach dem Mund redet". Aber das kann man eher als Beleidigung der Intelligenz der Bevölkerung werten. Und als Beispiel für die unerträgliche Verdrehung von Wahrheit und Klarheit, die Politiker so gut beherrschen. Denn dann könnte man ja gleich Sarrazin oder Henkel als Kandidat küren, wenn die Kontroverse an sich ein so hoher Wert wäre.

    Und diejenigen die konservative Positionen vertreten, oder als Vermögende fürchteten demnächst ein paar Prozent ihrer Besitzstände zugunsten Unterprivilegierter einzubüßen, die kriegen sich jetzt gar nicht mehr ein vor Freude.
    Nun haben sie, unter tätiger Hilfe gutgläubiger Gauck-Fans (vom Schlage der Guttenberg-Jünger)und eifriger, linker Wulff-Demontierer, den verführerischen Prediger des Status Quo an der Spitze installiert.
    Zu jedem Thema hat Gauck schon seine Meinung abgegeben, und die ist rückwärtsgewandt, konservativ und neoliberal, und somit untauglich für unsere Zukunft.

    Dass er nun mit seinen 72 Jahren auch noch "lernen", ist eine weitere absurde Argumentation pro Gauck. Als ob das Amt eine Lerneinrichtung sei.

    Die unterschwelligen Strömungen der letzten Jahre, die auf neue Ideen für die Gesellschaft hinwiesen, sind durch diesen Coup gestoppt. Dass Merkel dagegen sei, ist eher unwahrscheinlich.

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    • Evolux
    • 26. Februar 2012 12:58 Uhr

    "Zu jedem Thema hat Gauck schon seine Meinung abgegeben, und die ist rückwärtsgewandt, konservativ und neoliberal, und somit untauglich für unsere Zukunft."

    Vielleicht sind ja genau das die Kriterien,die man gesucht und gefunden hat.
    Das entscheiden ja andere,nicht der Bürger/Forist

    Vermute mal,daß er genau der Kandidat ist,der viel Aufmerksamkeit auf sich ziehen wird.Angenehm für andere dahinter/daneben.

    Für ein Amt dem politisch nicht viel Bedeutung zukommt ist das ein wenig zu viel Wind um Personen

  4. Nach dieser Logik wäre ein Kandidat für das Bundespräsidentenamt also umso besser geeignet, je rückwärtsgewandter er ist, und je mehr er lange und mühselig errungene Kompromisse über den Haufen wirft.

    Um wenigstens nochmal etwas Schwung in die Einkandidatenwahl zu bringen, schlage ich daher folgende Nachnominierungen vor:

    Ansgar Heveling
    Volker Kauder
    Edmund Burke
    Paul von Hindenburg
    Friedrich-Wilhelm I.

    Das tragische und vorzeitige Ableben einiger dieser honorigen Konservativen kann und darf mMn. kein Gegenargument sein.

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    lebt Peter Hintze noch...

    • TDU
    • 26. Februar 2012 9:08 Uhr

    Der im Artikel ausgedrückten Hoffnung kann man sich nur anschliessen und er dazu beiträgt, dass der Mainstream weicht zugunsten politischer Arbeit, die der ganzen Gesellschaft zugute kommt und nicht nur der jeweiligen oder gemutmassten Wahlklientel. Egal wie seine Amtszeit ausgehen sollte, vielleicht kann er sich gar nicht durchsetzen, spannend wirds jedenfalls.

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