Buwog, Telekom, Tetron, Immofinanz, Terminal Tower oder Eurofighter – das ist nur ein Bruchteil der Schlagworte, die mit politischen Skandalen in Österreich verbunden sind. Sie haben vor allem eines gemeinsam: Ihre Fäden scheinen bei zwielichtigen Lobbyisten zusammenzulaufen. Bei Peter Hochegger und Alfons Mensdorff-Pouilly oder bei Ex-Innenminister Ernst Strasser . Sie sollen etwa Politiker geschmiert, illegal Parteien finanziert und Millionen aus Privatisierungen und öffentlichen Projekten geschlagen haben. Noch ist niemand angeklagt oder gar verurteilt. Das Image der Branche ist dennoch bereits ruiniert.

Laut einer Gallup-Umfrage vom Dezember 2011 verbinden 28 Prozent der Österreicher den Begriff Lobbyismus automatisch mit Bestechung und Korruption. 2010 waren es fünf Prozent. Nur noch 18 Prozent verstehen darunter Interessenvertretung.

Rund 2.000 Lobbyisten gibt es in Österreich. Vertreter der verschiedenen Kammern gehören dazu ebenso wie jene der Industriellenvereinigung oder der Gewerkschaften.

Am Juridicum der Universität Wien kommt Lobbyismus gar zu akademischen Weihen. Der Nachwuchs soll gefördert werden. Jedes Semester findet am Wiener Ring ein dreitägiges Seminar statt. »Einführung in die Bedeutung des Lobbyings« steht als »Ziel« im Vorlesungsverzeichnis. »Methoden: Vortrag und Diskussion. Art der Leistungskontrolle: Abgabe eines Lobbying-Konzeptes«.

Seit drei Jahren organisieren die Wiener Rechtsanwälte Gabriel Lansky und Gerald Ganzger die Lehrveranstaltung. Gemeinsam führen sie die Wiener Kanzlei Lansky, Ganzger & Partner, mit rund 150 Mitarbeitern eine der größten des Landes. Ihre Klienten reichen von Natascha Kampusch und Bianca Jagger bis zur Republik Aserbaidschan. Neben herkömmlicher Rechtsberatung bieten sie unter anderem Lobbying und Interessenvertretung bei Politik und Behörden an. Die Idee für ein Seminar an der Universität kam von Gabriel Lansky. Jus-Studenten seien für den Job prädestiniert, weil »jeder gute Rechtsanwalt auch ein Lobbyist ist. Man kann nicht in unserem Beruf arbeiten, ohne eine vernünftige Interessenvertretung an die juristische Analyse anzufügen«, sagt Lansky, der selbst regelmäßig in die Negativschlagzeilen gerät. So wurde im Jahr 2010 bekannt, dass er ab 2002 von den ÖBB mehrere, vom Rechnungshof als zu hoch kritisierte Aufträge im Umfang von insgesamt rund 15 Millionen erhalten hatte.

Satire und Realität liegen im Lobbyismus nahe beieinander

»Seriöses Lobbying ist ein echtes Handwerk«, sagt Gerald Ganzger. Es gehe darum, einen Politiker oder Beamten vom eigenen Standpunkt zu überzeugen. Dazu braucht es eine intensive Vorbereitung, eine gute Argumentationslinie und Daten und Fakten, um sie zu untermauern.

Das Seminar am Juridicum ist beliebt, stets bewerben sich mehr Interessenten, als es Plätze gibt. Aber auch außeruniversitäre Lehrgänge boomen. Der Lobbyist Feri Thierry leitet etwa einen Lobbying-Lehrgang am Berufsförderungsinstitut in Wien. Die Teilnehmer lernen, wie das politische System in Österreich funktioniert, und üben verschiedene Lobbying-Instrumente oder Argumentationstechniken. Auch den Spielfilm Thank You for Smoking aus den USA, dem Mutterland des Lobbyings, hat man sich schon gemeinsam angesehen. Darin gelingt es einem findigen wie skrupellosen Tabaklobbyisten, selbst einem an Lungenkrebs erkrankten Jugendlichen das Rauchen schönzureden. Die Satire scheint der Realität relativ nahegekommen zu sein. »Natürlich ist vieles dran wahr, wenn auch sehr überhöht und überspitzt«, sagt Thierry, Gründer der Agentur Thierry Politikberatung und gleichzeitig Präsident der Österreichischen Public Affairs-Vereinigung (OEPAV). »Ich glaube aber schon, dass es solche Leute wie in dem Film auch in Österreich gibt.«

Lansky und Ganzger setzen in ihrem Seminar auf Vortragende aus der Praxis. Auf der Liste der Referenten stand in den vergangenen Semestern ein bunter Mix aus Lobbyisten, Interessenvertretern und Expolitikern. Der ehemalige Wirtschaftsminister Martin Bartenstein (ÖVP) war ebenso bereits zu Gast, wie der damalige kasachische Botschafter in Wien und nunmehrige Außenminister Jerschan Kasychanow oder Andreas Rudas, früherer Bundesgeschäftsführer der SPÖ und Exgeneralsekretär des ORF. Für das Wintersemester 2011 hatten Lansky und Ganzger aber einen besonderen Stargast an Land gezogen:

Es ist Anfang November 2011. Zwei Wochen zuvor hatte der Nationalrat den »Untersuchungsausschuss zur Klärung von Korruptionsvorwürfen« beschlossen. Rund 40 Studenten sitzen eingezwängt in den engen Sesselchen des Seminarraums 63 im Juridicum. Vor einer weißen Leinwand steht neben dem groß gewachsenen Ganzger ein etwas kleinerer Herr mit großer Hornbrille und leicht ergrauter Halbglatze: Christian Konrad, Generalanwalt des österreichischen Raiffeisenverbands, einer der mächtigsten Menschen der Republik, soll den Studenten seinen Job erklären und macht das kurz und nüchtern: »Ich habe dafür Sorge zu tragen, dass es Raiffeisen-Betrieben von den gesetzlichen Rahmenbedingungen her nicht schlechter geht als anderen. Also Lobbying und Interessenvertretung zu betreiben.«

Mit über 57.000 Beschäftigten ist der Raiffeisenverband der größte private Arbeitgeber in Österreich. Zum Firmengeflecht unter dem Giebelkreuz gehören unter anderem Banken, Baufirmen, Zeitungen, die Lagerhäuser, Molkereien sowie die Österreichische Friedhofsgärtnergenossenschaft. Über all dem thront Generalanwalt Christian Konrad. Von seinem Imperium spricht er gerne. Und auch darüber, wie man gegenüber der Politik seine Interessen durchsetzt.