Alzheimer-ErkrankungEin Mann wie Rudi

Er ist an Alzheimer erkrankt. Diese Schwäche zeigt Rudi Assauer jetzt so hemmungslos, wie er früher seine Stärke zeigte. Eine Hommage von 

Die Zigarre ist sein Markenzeichen: Rudi Assauer, hier im Jahr 2005.

Die Zigarre ist sein Markenzeichen: Rudi Assauer, hier im Jahr 2005.  |  © Uli Deck/dpa

Vor ein paar Jahren lief im deutschen Fernsehen eine Serie mit Liebesfilmen, in denen Rudi Assauer die Hauptrolle spielte. Es war nicht die Art von Liebesfilm, an die man sich gewöhnt hatte, nein, in Assauers Filmen wurde weder geflirtet noch geküsst. In den Schlüsselszenen kamen nicht einmal Frauen vor, nicht eine einzige Frau. Es ging auch gar nicht um Assauers Gefühlsleben, sondern um die Liebe der Fernsehzuschauer zu Rudi Assauer. Insofern war es ein Beziehungstest. Sach et Rudi! hieß die Sendung, sie lief hin und wieder vor Europapokalspielen, und sie zeichnete sich dadurch aus, dass Assauer etwas Belangloses tat und dabei von einer Kamera aufgenommen wurde. Es war eine Sendung ganz ohne Sinn, und wer die erste Staffel zu Ende sah, stellte fest, dass Assauer etwas Unglaubliches gelungen war: Ihm war alles egal. Zum Beispiel war ihm egal, ob er im Fernsehen war. Er tat nicht, was die Kamera wollte. Die Kamera tat, was er wollte. Mit einem Fan seines früheren Fußballvereins Schalke 04 , dem Schauspieler Peter Lohmeyer , saß Assauer in einer Hafenkneipe in Hamburg und ließ sich dabei aufnehmen, wie sie Matjesbrötchen verspeisten. Wer einen dieser Filme durchhielt, der musste Rudi Assauer lieben, eine andere Erklärung gab es nicht.

Manchmal drehte Assauer der Fernsehkamera den Rücken zu, so selbstverständlich, als sei er nicht die Hauptfigur, sondern ein Statist, der sich langweilt. Einmal zog er sein Handy aus der Tasche und telefonierte. Man hätte sich vorstellen können, dass sich Assauer am Ende der Sendung entkleidet, seinen Pyjama überstreift und sich schlafen legt. Als die erste Staffel der Fernsehserie gelaufen war, kündigte der Sender eine zweite an, strahlte sie aber nie aus. Assauers kleine Filmkarriere endete, weil er eigensinniger war als das Medium, das glaubte, ihn eingefangen zu haben.

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Jetzt ist er unheilbar krank. Er leidet an Alzheimer . Am 30. April dieses Jahres, seinem 68. Geburtstag, wird Assauers Sekretärin sein Büro in Gelsenkirchen zum letzten Mal abschließen, nach Hause gehen, das war es dann. Die jüngsten Fernsehbilder, die man von ihm kennt, zeigen einen Mann, der sich in einer Klinik darum bemüht, eine Uhr auf ein Blatt Papier zu zeichnen. Zwischen dem Mann, der mit Kameras spielte, und dem Mann, der sich Kameras schutzlos ausliefert, gibt es nur noch eine lose Verbindung. Tausende E-Mails sind in seinem Büro angekommen, von denen die meisten besagen: Rudi, halt durch. Rudi, du bist unser Held.

Über Mut muss man sprechen, wenn man über Assauer spricht, über Unbeherrschtheit, Beharrlichkeit, Leidenschaft und Stolz. Man könnte es sich einfach machen und sich alte Fotos ansehen, dieses Gesicht studieren, das besser zu einem serbischen Partisanenführer gepasst hätte als zu einem deutschen Fußballmanager. Man könnte sich an seine blau getönten Sonnenbrillen erinnern, die Kaschmirschals, die Davidoff-Zigarren, die einfallslosen Insignien eines Emporkömmlings, aber das sagt alles wenig.

Im April 2006, als sich der Manager Assauer mit den Aufsichtsräten des FC Schalke zerstritten hatte, führte er ein langes Gespräch mit der ZEIT . Auf seiner Nase klebte ein Pflaster. Assauer war zu einem Arzt gegangen, der für eine Untersuchung ein kleines Stück Haut entfernt hatte, möglicherweise Hautkrebs. Erst später stellte sich heraus, dass der Verdacht unbegründet war. Die Diagnose des Arztes und die entscheidende Machtprobe im Verein, beides stand Assauer damals bevor. Er sagte einen seiner berühmten Sätze: »Du siehst die Scheiße immer erst, wenn der Schnee geschmolzen ist.« Es wäre für ihn naheliegend gewesen, sich um sich selbst Sorgen zu machen und klein beizugeben, aber er brachte den Mut auf, den Konflikt mit dem eigenen Aufsichtsrat auf die Spitze zu treiben. Sein Arbeitsvertrag war hoch dotiert, doch Assauer hatte noch viel mehr zu verlieren, das Thema seines Lebens: die Verwandlung einer Stadt in einen Fußball. Nirgendwo war das so umfassend gelungen wie in Gelsenkirchen, wo Assauer eine Fußballarena hatte errichten lassen, die höchste Erhebung weit und breit, ein glühender, brodelnder Berg. Einer illusionslosen Stadt hatte er, der Sohn eines Zimmermanns, einen Ort zum Träumen gebaut.

Alles, was er erreicht hatte, stand auf dem Spiel, aber Assauer hörte nicht auf, sich den Chef des Aufsichtsrates vorzuknöpfen, einen einflussreichen Fleischfabrikanten. Den Mann, der Assauers Entlassung organisieren konnte, nannte er öffentlich »einen Metzgermeister«, der »keine Ahnung« habe. Welcher andere Manager hätte das gewagt?

Am Ende kam Assauer seinem Rauswurf zuvor, indem er zurücktrat. Präsident hätte er noch werden können, Präsident des FC Schalke und damit von Gelsenkirchen, ein dekorativer Posten, ohne Gehaltseinbußen, aber auch ohne Macht. Assauer wollte nicht, er ging zornig heim und schwieg. Er konnte sehr eindrucksvoll schweigen. Er schwieg, als ihn Zeitungsleute anriefen und fragten, was einer seiner Nachfolger, Felix Magath , falsch machte. »Ich trete nicht auf Leute, die am Boden liegen«, sagte Assauer. Er kaufte sich zwei Dauerkarten fürs Stadion und verschwand nach den Spielen schnell. Sein letztes Zeitungsinterview gab er dem Magazin der Deutschen Rentenversicherung. »Wie gehen Sie mit Ihrer Gesundheit um?«, wurde er gefragt. »Ich lebe bewusst und paffe Zigarren.«

Leserkommentare
    • Panic
    • 26. Februar 2012 12:18 Uhr

    einer von vielen, die unter dieser Krankheit leiden. Aber ihn kennt man nunmal. Er verkörpert den Fußball zu 100%. Er ist ein Typ, der sich nicht gefallen lässt und nichts darauf gibt, was andere über ihn sagen, denken, schreiben. Er ist ehrlich, direkt und hat ein großes Herz. Ich bin kein Schalkefan. Ich bin aber ein Fan von Menschen des Schlages Assauers. Alles in allem ist das sehr tragisch.

    Gruss

  1. An dem Mann der die Freundin 'verprügelt' und besoffen den DFB-Pokal verbeult?

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    ...der werfe sden ersten Stein. Als Anwort an 'Der Herr ist mein Hirte'.

    Assauer hat viel für das Ruhrgebiet getan.

  2. aber trotzdem hat mich der Artikel berührt. Es ist so wichtig, das Menschen die im öffentlichen Licht stehen zu ihren Sorgen und Problemen stehen und ich wünsche Assauer alles Gute und das er sich noch lange zumindest an Schalke 0 erinnert (übrigens der einzige Fußballplatz - damals noch alt - den ich jemals besucht habe und das einzige Spiel das ich jemals gesehen habe Schalke 04 gegen irgendjemanden.) Rudi Assauer, ich wünsche dir und uns alles Gute und Mut für das, was nooh kommt.

  3. Früher als Macher, Macho und Manager genügte ein Fingerschnips von Tausendsassa Assauer, um einen Artikel über ihn zu plazieren. Dann verlor er alles, noch vor seiner Erinnerung, den FC Schalke 04, den, so wird es in späteren Zeiten einmal heißen, erfunden hatte. Und Simone Thomalla, die ihn gegen einen jungen Handballer eintauschte. Auch die Werbeverträge gingen flöten, ein Mann wie Assauer, der sich selbst sein Bier holt, das zischt nicht. Dann meldete er sich zurück: ALZHEIMER! Am 02.02. erschien seine Biografie. Auf ca. 250 bedruckten Seiten informiert er darüber, dass er weiß, dass er vergisst! Einen Talkshow-Termin, um auf sein Buch zu verweisen, hat er, soviel ich weiß, noch nicht vergessen. Alzheimer ist eine heimtückische Erkrankung, die in den Fokus der Öffentlichkeit gehört. Meinethalben auch durch Herrn Assauer! Oder nicht? Ich weiß es nicht! Man weiß nie so genau bei diesen Tausendsassas! Man vergisst so schnell so vieles in dieser schnelllebigen Zeit!

  4. ...der werfe sden ersten Stein. Als Anwort an 'Der Herr ist mein Hirte'.

    Assauer hat viel für das Ruhrgebiet getan.

    Antwort auf "'Eine Hommage'"
  5. "Diese Schwäche zeigt Rudi Assauer jetzt so hemmungslos, wie er früher seine Stärke zeigte."

    Habe alles sehr verfolgt,Film,Buch etc und kann nur aus tiefstem Herzen sagen/empfinden:"Was für ein Mann!"
    Was doppelt wiegt,wenn man bedenkt,dass es heute nicht mehr gar so viele Männer gibt,die das verkörpern was einen Mann ausmacht:Authenzität,Herz,Verstand,Ehrlichkeit.
    Und selbst jetzt mit seiner schweren Krankheit ist der Neid der Nicht-Männer unübersehbar zu spüren.

    • 2bk
    • 27. Februar 2012 11:21 Uhr

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