Beim Tanken in Hamburg kaufen sie das Hamburger Abendblatt, fahren weiter, Hörnle am Steuer. Sibylle Vorderbrügge auf dem Beifahrersitz stößt auf einen interessanten Artikel: 19 Roma und Sinti sowie zehn Afghanen seien aus einem Flüchtlingslager bei Fulda überraschend nach Hamburg abgeschoben worden und würden dort in einem Wohnheim untergebracht. Die "Verärgerung" über die Umsiedlung, so schreibt das Blatt, sei groß, da Hamburg "derzeit schon mit 9000 Asylbewerbern überlastet ist. Jeden Monat kommen 400 bis 500 dazu. [...] 1.500 Asylbewerber bezogen inzwischen auf Staatskosten in Hotels und Pensionen Quartier." Als Adresse ist genannt: die Halskestraße.

An der nächsten Tankstelle halten Hörnle und Vorderbrügge an, sie telefonieren mit Roeder. Bei Gleichgesinnten in Hamburg-Barmbek kommen sie unter. Am späten Abend stehen die beiden vor dem Wohnheim. Viele Fenster sind noch erleuchtet, viele Bewohner noch wach, wie Thoâng Huynh, es ist ja Sommer, auch wenn es draußen gerade recht heftig regnet.

Hörnle und Vorderbrügge haben den Wagen, den man ihnen geborgt hat, nur 100 Meter entfernt geparkt. Sibylle Vorderbrügge hat sich außerdem schwarze Strümpfe geliehen, sonst bevorzugt sie Tracht, mit dazu passenden weißen Kniestrümpfen.

Es braucht ein bisschen, bis die Putzwolle brennt, die in eine der Benzinflaschen führt. Dann entscheiden sich die beiden für das Fenster im Hochparterre, hinter dem es dunkel ist und wo keine Schatten zu sehen sind. Sie nehmen drei Einliterflaschen, die sie nacheinander werfen. Sie wollen nicht, dass es wieder nur so einen geringen Sachschaden gibt wie bei ihrem ersten Brandanschlag in Leinfelden, wo das Feuer recht schnell gelöscht werden konnte.

Am 19. Januar 1982 beginnt in Stuttgart-Stammheim der Prozess gegen die Gruppe. Die Anklage lautet auf Bildung einer terroristischen Vereinigung. Verhandelt werden neben dem Doppelmord in der Halskestraße und den anderen Taten auch noch Anschläge auf eine Auschwitz-Ausstellung im Rathaus von Esslingen sowie auf den örtlichen Landrat, den Schirmherrn der Ausstellung.

Roeder und seine Gruppe sind nicht die einzigen Rechtsterroristen jener Jahre: Uwe Behrendt, Mitglied der Wehrsportgruppe Hoffmann, tötete im Dezember 1980 in Erlangen den jüdischen Verleger Shlomo Levin und dessen Lebensgefährtin Frieda Poeschke – die Polizei suchte den Täter zunächst unter den Mitgliedern der jüdischen Gemeinde. Frank Schubert von der Volkssozialistischen Bewegung Deutschlands erschoss am Heiligabend zwei Schweizer Grenzpolizisten. Auf dem Oktoberfest zündete zuvor der Student Gundolf Köhler , der Kontakte zur Wehrsportgruppe Hoffmann hatte, eine Rohrbombe, die ihn selbst und 13 Passanten in den Tod riss - die Polizei vermutete zunächst Linksterroristen hinter dem Blutbad. Und während der Stuttgarter Prozess noch läuft, erschießt in Nürnberg der Rechtsradikale Helmut Okner drei Ausländer, brüllt: "Es lebe der Nationalsozialismus!", und begeht Selbstmord.

Es gibt Hinweise, dass Hörnle und Vorderbrügge Gundolf Köhler zumindest gekannt haben. Dass zudem Verbindungen existierten zu dem Uelzener Förster Heinz Lembke, der in der Lüneburger Heide verschiedene Waffendepots anlegte - darunter 50 Panzerfäuste, 260 Handgranaten, dazu kistenweise Munition und chemische Kampfstoffe. Und der sich am 1. November 1980 in Lüneburg in der Untersuchungshaft erhängte, statt wie angekündigt am nächsten Tag vor dem Staatsanwalt auszupacken.

Am 28. Juni 1982 wird Manfred Roeder in Stuttgart als Rädelsführer zu 13 Jahren Haft verurteilt, von denen er wegen guter Führung nur acht Jahre abzusitzen braucht. Colditz kommt mit sechs Jahren davon. Für Hörnle und Vorderbrügge lautet das Urteil unter anderem wegen Mordes jeweils lebenslang. Der Bundesgerichtshof kassiert das Urteil gegen Vorderbrügge. In einem zweiten Verfahren wird sie 1984 zu nunmehr zwölf Jahren Haft verurteilt. Strafmildernd erkennt das Gericht an, dass es sich bei ihr um eine hochneurotische und autoritätshörige Persönlichkeit handele, die sich in einem Abhängigkeitsverhältnis zu Roe- der befunden habe. Daher sei ihr "Hemmungsvermögen" bei allen Taten eingeschränkt gewesen; außerdem bereue sie glaubhaft ihre Taten.

Die Gräber von Ngoc Nguyên und Anh Lân Dô auf dem Öjendorfer Friedhof sind längst aufgegeben. Vorderbrügge und auch Hörnle haben ihre Haftstrafen mittlerweile abgesessen; für Hörnle wurden es 17 Jahre. Die beiden, wie auch Heinz Colditz, sind nicht wieder in der rechten Szene aufgetaucht. Sibylle Vorderbrügge ist heute 56 Jahre alt, Raymund Hörnle 82, falls er noch lebt.

Manfred Roeder hingegen hat weitergemacht, hat Pläne verfolgt, bei Königsberg deutschstämmige Familien anzusiedeln, und hat 1997 in Mecklenburg-Vorpommern für die NPD kandidiert. Zwei Jahre zuvor lud ihn die Führungsakademie der Bundeswehr in Hamburg zu einem Vortrag ein; die Sache wurde publik, der Skandal war groß. 2003 kamen auf seinem "Reichshof" Mitglieder des "Gau Thüringen" zu Besuch. Zuletzt stand Roeder 2010 wegen Volksverhetzung vor Gericht.

Thoâng Huynh sitzt neben seiner Frau und zeigt stolz auf das Familienfoto an der Wand, auf dem seine Kinder sich mit ihren Partnern aufgereiht haben und wiederum ihre Kinder so halten, dass sie in die Kamera schauen. Auch wenn Huynh jeden Morgen ins Internet geht, vietnamesische Zeitungen liest, vietnamesisches Radio hört – die alte Heimat hat er nie wieder besucht. Er weist auf seine Frau, die verlegen den Kopf halb zur Seite dreht, und legt sich die rechte Hand auf seine Brust: "Wir beide sind heute zu 80 Prozent Vietnamesen und zu 20 Prozent Deutsche. Unsere Kinder sind zu 80 Prozent deutsch und zu 20 Prozent vietnamesisch. Und unsere Enkelkinder sind 100 Prozent deutsch." Er lächelt - nein, er strahlt. So sei es, und so sei es gut.