Berlinale-BilanzDie ganz reale Unwirklichkeit

Nach der Berlinale: Eine filmtrunkene Bilanz des Festivals, das manchen Preisträger von morgen vorstellte. von 

Es gibt diesen weltfremden Zustand, in dem man sich durch ein Festival bewegt, unter der Bedeutungsglocke des Kinos, im sanften Rhythmus der Ankünfte und Abreisen der Stars und ihrer Pressekonferenzen, im Flow der Bilder, Partys und Begegnungen. Diese Festivaltrance lässt das Außen zehn Tage lang zu einem unscharfen Etwas verschwimmen, und auch die Zeitung in Hamburg , in der dieser Text ebenfalls erscheint, wirkt nur mehr wie ein kleines Pünktchen in einer Lichtjahre entfernten Galaxie.

Es ist der Planet Berlinale mit seiner Atmosphäre einer ganz realen Unwirklichkeit, auf dem die Kinobilder zur wirklicheren Wirklichkeit werden können. Der kleine Junge zum Beispiel, der in L’enfant d’en haut von der Schweizerin Ursula Meyer in einem Wintersportgebiet Skiausrüstungen klaut, um sich und seine ältere Schwester durchzubringen. Ein Kind ohne Kindheit, ein kleiner ernster Kämpfer im verschneiten Spaßparadies. Oder die erhabene Gleichgültigkeit der arktischen Landschaft in Matthias Glasners Film Gnade , in dem ein Paar mit seiner Schuld ringt. Oder auch die knorrig-glamouröse Wirklichkeit eines großen alten amerikanischen Schauspielers, der einen Film in einen anderen überführt: 1979 spielte Robert Duvall in Francis Ford Coppolas Apocalypse Now einen Oberst in Vietnam , der sich am Geruch von Napalm am Morgen ergötzt. In Billy Bob Thorntons Wettbewerbsfilm Jayne Mansfield’s Car ist Duvall ein verschlossener Weltkriegsveteran und Patriarch des amerikanischen Südens. Die so anrührende wie traurige Unfähigkeit dieses Mannes, seinen drei Söhnen die Liebe und Anerkennung zu zeigen, nach der sie so sehr dürsten, könnte auch die des Obersts in Coppolas Film sein.

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Wenn ein Film die schreckensvolle Wirklichkeit, aus der er seine Erzählung zieht, ganz nüchtern und direkt an seinen Anfang stellt, dann kann er den Zuschauer morgens um neun, bei der ersten Wettbewerbsvorführung im Berlinale-Palast, auf brutale Weise klarmachen, dass er womöglich am richtigen Platz sitzt. Auf eine Mordserie an ungarischen Roma-Familien in den Jahren 2008 und 2009 verweist der Vorspann von Bence Fliegaufs Film Nur der Wind . Die erste Einstellung zeigt liegende Körper in einem kleinen Raum, Arme, Beine, Füße, Hände, teils ineinander verschlungene Gliedmaßen. Sieht man hier Tote oder Schlafende? Erleichtert registriert man die ersten Regungen des Erwachens. Genau dies ist die Bewegung, die Fliegaufs Film vollzieht: Er erweckt eine Familie, um deren Ermordung wir wissen, mit den Mitteln des Kinos zum Leben. Einen Sommertag lang zeigt Nur der Wind die Roma auf ihren Wegen: die Mutter, die im Morgengrauen den ersten Job als Reinigungskraft beginnt und am Mittag den zweiten in einer Schule antritt. Die Tochter, die zur Schule geht, und am Nachmittag mit einem kleinen Nachbarsmädchen im See badet. Den Sohn, der den Unterricht schwänzt und in einem Waldversteck Vorräte hortet. Hautnah folgt die Kamera den Figuren, gleitet an ihren Armen entlang, filmt die Schweißperlen auf der Stirn, die Härchen im Nacken, als wolle sie die Körper retten, ihre Lebendigkeit beschwören. Denn die Angst füllt das Bild, sie durchdringt die Körper, die immer in Deckung zu sein scheinen, sie hängt tief, schwer und stickig über dem Tag, dessen Dämmerung man fürchtet.

Vollkommen beiläufig zeigt der Film den Rassismus, der den Roma entgegenschlägt . Wenn der Schulbus erst dreißig Meter nach der Haltestelle bremst, wenn die Tochter vom Lehrer ohne jeden Anhaltspunkt eines Diebstahls bezichtigt wird, wenn die Mutter vom Hausmeister der Schule schikaniert wird, dann scheint dies so normal und naturgegeben wie der Wald, der das Häuschen der Familie umgibt. Auf der Pressekonferenz zu Fliegaufs Film ließ das ungarische Justizministerium ein wirres Flugblatt verteilen. Darin werden zwar die mit Schrotflinten und Brandbomben begangenen Verbrechen zusammengefasst, die acht Tote und mehrere Schwerverletzte hinterließen, jedoch werden auch umständlich die Maßnahmen der ungarischen Regierung für die Integration der Roma gerühmt. Der Film Nur der Wind , heißt es mahnend, sei eine Fiktion.

Dass der Fiktion ein sehr realer ungarischer Rechtsextremismus zugrunde liegt, macht die Verleihung des Großen Preises der Jury an Nur der Wind auch zu einem politischen Zeichen. So wie der Regiepreis für Christian Petzold und seinen Film Barbara eben auch die Inszenierung einer politisch-sozialen Wirklichkeit würdigt: der DDR, deren Klima der Überwachung und piefigen Tristesse Petzold in ein großes Melodram der lichten, klaren Kinobilder überführt. Ansonsten konnte man sich fragen, auf welchem Planeten sich die Jury unter Vorsitz des Regisseurs Mike Leigh während dieses Festivals befand. Der Goldene Bär für die Brüder Taviani kündet jedenfalls von einer merkwürdigen Ignoranz gegenüber einer Berlinale-Wirklichkeit, die geprägt war von Filmen, mit denen sich eine jüngere Regisseurgeneration ihren Platz im Weltkino eroberte.

In Cesare deve morireCäsar muss sterben beobachten die Tavianis die Entstehung einer Shakespeare-Inszenierung im Hochsicherheitstrakt des römischen Gefängnisses Rebibbia: vom Vorsprechen für die Rollen über die Proben bis zur Aufführung. Für Momente verwandeln sich die Zellen, Betonflure und vergitterten Ausläufe tatsächlich in das alte Rom , wandeln die Körper der Delinquenten durch einen zeitlos-archaischen Raum. Doch für die Geschichten und die Weltwahrnehmung der Häftlinge, für ihren ureigenen Blick auf das Drama um Macht, Intrigen und kollektiven Mord, kurz: für die Herausforderung durch den Ort und die Biografien jenseits der Kulisse interessiert sich der Film nicht die Bohne. Und so rührend der achtzigjährige Paolo Taviani und sein zwei Jahre älterer Bruder Vittorio bei jedem ihrer mit wackeligen Schritten absolvierten Festivalauftritte eine symbiotische brüderliche Eintracht verströmten, so deutlich hatte man auch das Gefühl, dass den beiden Greisen jeder Blick fehlt für die Gefängnisrealität, in der Cesare deve morire spielt.

Muss man sich in einer Festivaltrance befinden, muss man berlinaleplanetarisch entrückt, bilderversunken und kinobetrunken sein, um sich in den verrücktesten, vermeintlich anachronistischsten Film der letzten Jahre hineinziehen zu lassen? Man muss es nicht. Zu stark ist der Sog von Miguel Gomes’ Film zweigeteiltem Tabu . Der erste Teil ist der Hangover, der zweite die Party. Erzählt wird von Doña Aurora, einer spielsüchtigen alten Dame, die im Lissabon der Gegenwart von einer stoischen farbigen Hausangestellten und einer nicht minder stoischen Nachbarin betreut wird. Als Doña Aurora stirbt, erinnert sich ihr früherer Liebhaber an die leidenschaftliche Affäre der beiden in einer portugiesischen Kolonie in Afrika . Tabu ist das Märchen eines Ehebruchs, von einer melancholischen Stimme erzählt, während das Geschehen auf der Leinwand fast stumm ist, nur hin und wieder Wasser plätschert oder ein Motorrad knattert. Womöglich handelt es sich im Subtext auch um die Liebe einer schönen Frau zu einem Krokodil. Oder um die Begeisterung eines jungen Regisseurs für Sechziger-Jahre-Musik, zu der sich an afrikanischen Pools ganz hervorragend in weißen Anzügen tanzen lässt. Und während im Vordergrund geliebt, geschwelgt, genossen und getanzt wird, pflücken die Afrikaner im Hintergrund Tee oder servieren ihn. Tatsächlich ist die wirklich wahre Wirklichkeit eines Films nicht immer die, von der seine Geschichte handelt.

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Leserkommentare
  1. .. was habe ich nun wirklich gelesen, ohne von cineastischen wortschwelgereien gepeinigt zu sein oder total besoffen von der vielen prominähe, jegliche bodenhaftung zu verlieren.
    ob die jungen mit mehr politischem inhalt und weniger cinematischem können wirklich schon die weltspitze erobern darf man wohl eher bezweifeln. zu einem guten film gehört mehr als nur das aufgreifen sozialpolitischer themen.
    bereits in der preisverteilung für literatur in den letzten jahren konnte man den trend feststellen das die preise für das leben der schriftsteller und kaum noch für ihre arbeiten vergeben wurden.
    diesen weg zu beschreiten wird weder die literatur noch die filme besser machen.
    vielleicht sollte sich mancher vor und während eines festivalbesuchs ein bügeleisen in die tasche stecken um die bodenhaftung nicht gänzlich zu verlieren ..

  2. aus der Schweiz gewünscht ( Lénfant au haut). Selten
    so eine eindrückliche Gefahr gespürt, wenn Kinder keine
    Chance haben. Sollte sich mal Frau von der Leyen anschauen,
    mit ihren 7 reichen Plagen ist sie das Gegenbeispiel- aber
    gleichzeitig dafür verantwortlich, dass arme Kinder noch
    die 100 Euro von der Oma verrechnen lassen müssen.

  3. Was freue ich mich jedesmal auf Ihre "wirklich wahre Wirklichkeit" der Fiktion. Und finde ich drei Wochen lang keinen Ihrer Beiträge im Feuilleton, weil Sie China bereisen,fürchte ich tatsächlich, Sie könnten der Zeit endgültig den Rücken gekehrt haben.

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  • Schlagworte Christian Petzold | Justizministerium | DDR | Körper | Roma | Vietnam
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