BirmaEin Land legt neue Farbe auf

Birma war lange eine Diktatur. Jetzt öffnet es sich, mit Volksheldin Aung San Suu Kyi an der Spitze der Opposition. Ein demokratisches Märchen? von 

Aung San Suu Kyi in Irrawaddy

Aung San Suu Kyi in Irrawaddy  |  © Soe Than WIN/AFP/Getty Images

Gleich einem Drachen wälzt sich der Konvoi durch das Irrawaddy-Delta. Kriecht aus der Dunkelheit hinein in den Tag. Bauern, winkend, singend, Blumen schwenkend, stehen am Wegrand, eine endlose Menschenkette. Sie warten seit vier, fünf Uhr morgens, die Gesichter staubig von den vorbeirauschenden Lastern, egal, wo sie doch heute kommt. Sie singen "A May a May a May", "Unsere Mutter". Ein Mann, breit wie ein Schrank, schluchzt: "Mir fehlen die Worte, was für ein Glück." Die Lady fährt weiter, der Konvoi wird breiter, Traktoren und Motorräder, Lkw und Busse schließen sich ihm an, ein jubelnder Festtagsumzug.

Und dann steht sie im Fußballstadion von Pathein, viertgrößte Stadt des Landes und zugleich verschlafenes Kaff. Kerzengerade Haltung. Große Eleganz. Aung San Suu Kyi. Volksheldin und Tochter eines Volkshelden, des birmanischen Unabhängigkeitskämpfers Aung San. Friedensnobelpreisträgerin. Titelheldin des neuen Films von Luc Besson , Mitte März kommt Die Lady in die deutschen Kinos. Jeder kennt sie, doch die wenigsten haben sie auch in Birma je erlebt. Insgesamt 15 Jahre lang verbannten sie die Generäle des Militärregimes ins Gefängnis und in den Hausarrest , nachdem sie ihr 1990 den haushohen Wahlsieg gestohlen hatten. Seit November 2010 aber ist sie frei.

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Ihre Stimme ist leise, selbst durch ein Mikrofon. Sie gleicht einer Lehrerin, die zu ihren Schülern spricht. Das Stadion schrumpft auf Klassenzimmergröße, sie lacht, gibt sich warmherzig, greift Zwischenfragen auf. Ihre Rede ist so einfach, wie eine Wahlkampfrede nur sein kann. Bildung, Gesundheit, Rechtsstaatlichkeit. Und die Menschen inhalieren begeistert jedes Wort. "Seid ihr heute glücklich? Das ist nicht genug. Euer ganzes Leben lang sollt ihr glücklich sein", sagt sie. "Ihr müsst euch schätzen, respektieren. Denn ihr habt die Macht, zu wählen."

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Man muss sich ein wenig die Augen reiben an diesem Dienstag in Pathein, und das liegt nicht nur am Staub. Lange waren die Birmanen gewohnt, dass keiner zu ihnen sprach. Fünf Jahrzehnte lang regierten Generäle das Land, das seit 1988 Myanmar heißt. Der frühere Machthaber Than Shwe richtete nicht ein Mal das Wort an sein Volk. Man erzählt, die Lady sei ihm so zuwider gewesen, dass er verboten habe, ihren Namen in seiner Anwesenheit zu erwähnen. Wer über die Lady sprechen wollte oder über seinen Wunsch nach Demokratie, tat das hinter verschlossenen Türen. Und jetzt wird sie auf ihrer Wahlkampftour im ganzen Land bejubelt.

Die Lady und weitere 47 Mitglieder ihrer Partei, der National League of Democracy (NLD), kandidieren bei der Nachwahl im April um die Parlamentssitze , die durch Besetzungen in den Ministerien frei geworden sind. Ihr Wahlkampfmanager ist ein älterer Herr mit schütterem Haar, der verzweifelt versucht, seinen Job mithilfe von ein paar Infoblättern mit dem Titel "Wie ich eine Wahl organisiere" zu machen. "Oh Gott, ich habe doch keine Ahnung, seit 20 Jahren haben wir an keiner Wahl mehr teilgenommen", sagt er. Die Parlamentswahl im November 2010 boykottierte die Partei noch.

Es geht bei der Nachwahl nur um 48 Sitze, doch die Aufregung ist groß. Ließ doch ein Regierungsberater in einem Gespräch mit einem Journalisten fallen, man plane, der Lady einen Regierungsposten anzubieten. Hinterher wurde viel dementiert, auch in der NLD schütteln sie die Köpfe: Falls die Lady in die Regierung wechselt, müsste sie die Parteiführung aufgeben. Die Gerüchte stoppte das nicht. Außenministerin, Parlamentssprecherin, fast niemand kann sich vorstellen, dass Aung San Suu Kyi eine einfache Abgeordnete bleiben würde.

Birma war lange ein abgeschnittenes Land, vom Westen mit Sanktionen belegt, es galt als politisch unfein, hierher zu reisen. Plötzlich aber treten sich ausländische Politiker und Geschäftsleute auf die Füße. Im Dezember erst war die amerikanische Außenministerin Hillary Clinton da. Und wo die Politiker sind, dürfen die Touristen nicht fehlen. Derzeit wird hier die Serie Das Traumhotel gedreht, der Nachfolger des Traumschiffs, die Hauptrolle, sagt der Regisseur, spiele das Land.

Leserkommentare
  1. statt der Bezeichnung der britischen Kolonialherren, den korrekten Namen "Myanmar" für dieses Land zu verwenden?
    Wäre doch schon mal ein erster Schrit in Richtung Anerkennung der Unabhängigkeit.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Die Diskussion über den 'korrekten Namen' gestaltet sich schwieriger, bedenkt man das 'Myanmar' als Wort von der Militärjunta 1989 eingeführt wurde. Auch hier ist somit Unfreiheit und Unterdrückung konnotativ. Man könnte es eine Wahl zwischen zwei Übeln nennen.

    Beide Namen leiten sich zudem aus dem Wort Bamar, der Bezeichnung für die größte Bevölkerungsgruppe, ab. Ein Fakt, mit dem viele Anhänger der restlichen ethnischen Minderheiten naturgegeben ein Problem haben.

    Wie also das Kind beim richtigen Namen nennen? Derzeit schwierig bis unmöglich. Politisch Korrekt kann es wohl erst werden, wenn ein Name auf demokratischem Weg gefunden wurde.

  2. Schön zu sehen, wie die ersten Knospen aufgehen.
    Zumal es mir meiner Argumentation in Kommentaren zu früheren Artikeln recht gibt.
    Aber bereits damals warnte ich davor, dass eine zu schnelle Öffnung des Landes, es zum Opfer rein wirtschaftlicher Interessen macht.
    Die Birmesen müssen lernen, dass Fernsehen, Coca Cola und Jeans nicht Freiheit bedeuten.
    Kapitalkräftige Investoren dürfen das Land nicht unter sich aufteilen können und der Touristenstrom muss begrenzt werden.
    Die Birmesen müssen die Zeit haben, den Wandel zu vollziehen, sonst folgt auf Unfreiheit Unfreiheit.

    MfG
    AoM

  3. Die Diskussion über den 'korrekten Namen' gestaltet sich schwieriger, bedenkt man das 'Myanmar' als Wort von der Militärjunta 1989 eingeführt wurde. Auch hier ist somit Unfreiheit und Unterdrückung konnotativ. Man könnte es eine Wahl zwischen zwei Übeln nennen.

    Beide Namen leiten sich zudem aus dem Wort Bamar, der Bezeichnung für die größte Bevölkerungsgruppe, ab. Ein Fakt, mit dem viele Anhänger der restlichen ethnischen Minderheiten naturgegeben ein Problem haben.

    Wie also das Kind beim richtigen Namen nennen? Derzeit schwierig bis unmöglich. Politisch Korrekt kann es wohl erst werden, wenn ein Name auf demokratischem Weg gefunden wurde.

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