DIE ZEIT: Kürzlich hat eine Studie des sterns für Aufsehen gesorgt: Danach hat in Deutschland jeder Fünfte zwischen 18 und 29 Jahren noch nie von Auschwitz gehört. Sie haben in den vergangenen drei Jahren rund 1000 Studierende befragt. Zu welchen Ergebnissen kommen Sie?

Benjamin Ortmeyer: Eines vorweg: Wir haben diese Erhebungen nicht gemacht, um Studierende zu blamieren. Ganz im Gegenteil, im Sinne der alten Sokratesmethode ging es darum, Nichtwissen in Wissen zu verwandeln. Aber auch wir sind tatsächlich auf erhebliche Wissenslücken gestoßen. Die Zahl von sechs Millionen ermordeter Juden oder auch der Begriff Auschwitz sind zwar bekannt, aber fundierte Kenntnisse darüber hinaus fehlen.

ZEIT: In welchem Rahmen hat Ihre Befragung stattgefunden?

Ortmeyer: Fünf Semester lang haben wir ein Lehr- und Forschungsprojekt an der Goethe-Universität Frankfurt durchgeführt, es trug den Titel »Reflexionen über die NS-Zeit und die NS-Pädagogik als Vorbereitung auf den Lehrberuf«. Das hat die Hans-Böckler-Stiftung ermöglicht. Es wurden Verbrechen, Ideologie, aber auch die Pädagogik der Nazis thematisiert. Das Interesse bei den Studierenden war erfreulich groß. An den Vorlesungen haben mitunter mehr als 700 Personen teilgenommen. In diesem Rahmen haben wir Forschungen anhand umfangreicher Fragebogenaktionen durchgeführt, die je circa 300 Studierende der Erziehungswissenschaften in den letzten drei Semestern ausgefüllt haben. Mehr als 90 Prozent der Teilnehmer betonten in einer abschließenden Befragung, dass gerade diese Fragebogenaktion ihnen ihr Nichtwissen gezeigt hätte und daraus bei ihnen ein Interesse erwachsen sei, sich genauer mit den Verbrechen des NS-Regimes zu befassen.

ZEIT: Wo liegen die größten Wissenslücken?

Ortmeyer: Zwei Ergebnisse lassen sich hervorheben. Zunächst war der überwiegenden Mehrheit überhaupt nicht klar, wie groß die jüdischen Gemeinden in Deutschland 1932 und 1933 waren. Mehr als 70 Prozent der Befragten gingen von mehreren Millionen Juden in Deutschland aus, dabei waren es in Wirklichkeit circa 500.000. Hier zeigt sich, dass ihnen die Dimensionen unklar waren und auch die Tatsache unbekannt war, dass aus ganz Europa Millionen jüdische Menschen in die Vernichtungslager deportiert wurden. Das wurde ihnen in der Schule offenbar nicht vermittelt.

ZEIT: Was war das andere Ergebnis?

Ortmeyer: Wir sind noch auf einen zweiten Punkt aufmerksam geworden: Das Ausmaß der Verbrechen in den von Deutschland besetzten Ländern ist nahezu ein schwarzes Loch. Über die Verbrechen in Griechenland, aber auch in der Sowjetunion und in Ländern wie Norwegen ist so gut wie nichts bekannt. Auch haben viele Studierende kein Verständnis davon, was ein Vernichtungslager wie Treblinka im Unterschied zu einem KZ wie Dachau ausmacht. Dieser Punkt war uns besonders wichtig, denn er betrifft das Verständnis für die Einmaligkeit des staatlich organisierten und industriell durchgeführten Massenmords an den Sinti und Roma und der jüdischen Bevölkerung.

ZEIT: Wieso ist es für Lehramtsstudenten besonders wichtig, sich hiermit gut auszukennen?

Ortmeyer: Gerade im Umgang mit Jugendlichen ist es wesentlich, grundlegende Kenntnisse über die NS-Zeit zu besitzen. Das liegt auch angesichts der Entwicklung der heutigen Nazi-Bewegung auf der Hand. Die Frage ist doch, was gegen das Nichtwissen getan werden kann und soll. Eine mögliche Antwort ist, und daran arbeiten wir: Es muss tiefer angesetzt werden, die Beschäftigung mit dem Nationalsozialismus muss Teil der Vorbereitung auf den Lehrerberuf sein.