Ministerin Schavan: "Die Politik hat Fehler gemacht"
Bildungsministerin Annette Schavan über Versäumnisse bei der Bologna-Reform, ihr Verständnis von Bildung und die Zukunft des deutschen Wissenschaftssystems
DIE ZEIT: Frau Ministerin, ist Humboldt tot?
Annette Schavan: Nein, wenn damit die Überzeugung gemeint ist, wonach Bildung durch Wissenschaft auch im 21. Jahrhundert zum Selbstverständnis der Universität gehört.
ZEIT: Die Gegner der Studienreform sehen das anders. Sie sagen, Bologna habe Humboldt auf dem Gewissen.
Schavan: Das ist mir zu einfach. Richtig ist: Es ist an der Zeit, eine neue gesellschaftliche Debatte über den Wert und das Wesen von Bildung zu beginnen, und zwar unabhängig von ihrer Verwertbarkeit auf dem Arbeitsmarkt. Man hat sich beim Umbau der Studiengänge zu lange auf formale Aspekte konzentriert und versäumt, die entscheidende Frage zu beantworten: Was bedeutet Bildung durch Wissenschaft, das alte Humboldtsche Ideal, für die Hochschule des 21. Jahrhunderts?
ZEIT: Und, was bedeutet es?
Schavan: Neu hinzugekommen ist der Anspruch, die Studenten auf ihr Berufsleben vorzubereiten. Das ist die Anforderung an jedes akademische Studium, und das ist gut so. Doch ein Hochschulstudium muss eben, und jetzt komme ich zum klassischen Teil, vor allem Raum geben zur Gestaltung der eigenen Bildungsbiografie. Bildung führt nicht nur zur Ansammlung von Wissen und Kenntnissen; Bildung prägt die Persönlichkeit und führt zur Veränderung von Einstellungen, Bildung führt zu Urteilskraft. Was passiert, wenn nur noch Fakten und Fertigkeiten vermittelt werden, konnten wir unlängst bei den Absolventen einiger wirtschaftswissenschaftlicher Studiengänge und ihrem Verhalten in der Finanzkrise sehen.
ZEIT: Und das aus Ihrem Munde. Ihre Kritiker sahen Sie bislang eher an der Vorfront einer immer weiter gehenden Ökonomisierung des Hochschulstudiums. Vor drei Jahren, auf dem Höhepunkt des Bildungsstreiks, haben Sie jene, die gegen die Bologna-Reform protestierten, als »Gestrige« bezeichnet.
Schavan: Zu Recht. Erst die Reform hat die Studierneigung spürbar erhöht, Abiturienten gerade aus bildungsfernen Elternhäusern haben mehr Lust auf ein Hochschulstudium bekommen. Die technischen Fächer haben wieder Zulauf. Kurzum: Bologna war die richtige Antwort auf die Herausforderungen einer Gesellschaft, in der nahezu 50 Prozent eines Jahrgangs studieren und die nur durch eine möglichst hohe akademische Qualifikation möglichst vieler international bestehen wird. Alles in allem ist die Bologna-Reform eine Erfolgsgeschichte. Aber das hindert uns nicht, die noch vorhandenen Defizite anzugehen. Wir haben zu viel über Strukturen und zu wenig über Inhalte und Ziele von Bildung diskutiert. Wir haben bei all der Spezialisierung den Raum für das große Ganze eingeengt. Es geht um die Begeisterung für das Neue, das Unbekannte.
ZEIT: Eine späte Erkenntnis.
Schavan: Die Hochschulen haben von Anfang an Wert darauf gelegt, die Reform möglichst eigenständig zu gestalten. Und natürlich gibt es auch viele gute Beispiele für neue Studiengänge, in denen Bildung und Ausbildung zusammengebracht worden sind. Mir aber geht es darum, dass wieder klarer wird: Zur Universität im 21. Jahrhundert gehört der Anspruch von Bildung durch Wissenschaft. Es geht nicht um Einzelbeispiele, es geht um das Kernverständnis der Universität.
ZEIT: Verantwortlich für die Missstände sind also die anderen, nicht die Bildungspolitiker?
Schavan: Auch die Politik hat Fehler gemacht. Es ist Ende der neunziger Jahre, also ganz am Anfang der Reform, die Chance verpasst worden, die inhaltliche Dimension von Bologna gleichberechtigt in der Agenda zu verankern. Als der Umbau dann losging, war es erst mal zu spät. Die Hochschulen waren mit den Strukturfragen vollauf beschäftigt – und sie haben diese große Aufgabe gut bewältigt. Jetzt sind 85 Prozent der Studiengänge auf die neuen Abschlüsse umgestellt, und die Gelegenheit zur inhaltlichen Debatte ist wieder da.







Gleichzeitig sind viele derer, die ein Abitur für alle fordern, mittlerweile der Ansicht, dass bei der Produktion von Lebensmitteln der Mensch nicht versuchen darf, aus einem Apfel eine Birne zu machen. Nur bei den eigenen Kindern darf auf Teufel komm raus nichts unversucht bleiben, um das Genie aus ihnen herauszukitzeln. Auch wenn sie dabei psychisch draufgehen sollten (die Zahl der psychisch labilen und verhaltensauffälligen Kindern hat nämlich seltsamerweise proportional zu den Abiturientenzahlen zugenommen).
... es muss auch noch Sachkompentenz und Unabhängigkeit dazukommen, um die richtige Bildungspolitik zu machen.
Nur ist das nicht etwa ein Argument dagegen, dass dieses Land _sofort_ deutlich (!) mehr Geld in sein Bildungssystem stecken muss. Die Abwehrmaßnahmen zur Banken- und Finanzkrise zeigen, dass man hierzulande beliebig viel Geld in beliebig kurzer Zeit "in die Hand nehmen" kann, wenn man erst mal erkannt hat, dass dies wichtig ist.
Und zusammen mit einer Erhöhung der Bundes- und Landesbildungsetats gewinnt auch die Forderung nach Erhöhung der Sachkompetenz an den politischen Schaltstellen und in den Medien enorme Bedeutung (wie auch dieser Artikel belegt).
... es muss auch noch Sachkompentenz und Unabhängigkeit dazukommen, um die richtige Bildungspolitik zu machen.
Nur ist das nicht etwa ein Argument dagegen, dass dieses Land _sofort_ deutlich (!) mehr Geld in sein Bildungssystem stecken muss. Die Abwehrmaßnahmen zur Banken- und Finanzkrise zeigen, dass man hierzulande beliebig viel Geld in beliebig kurzer Zeit "in die Hand nehmen" kann, wenn man erst mal erkannt hat, dass dies wichtig ist.
Und zusammen mit einer Erhöhung der Bundes- und Landesbildungsetats gewinnt auch die Forderung nach Erhöhung der Sachkompetenz an den politischen Schaltstellen und in den Medien enorme Bedeutung (wie auch dieser Artikel belegt).
... es muss auch noch Sachkompentenz und Unabhängigkeit dazukommen, um die richtige Bildungspolitik zu machen.
Nur ist das nicht etwa ein Argument dagegen, dass dieses Land _sofort_ deutlich (!) mehr Geld in sein Bildungssystem stecken muss. Die Abwehrmaßnahmen zur Banken- und Finanzkrise zeigen, dass man hierzulande beliebig viel Geld in beliebig kurzer Zeit "in die Hand nehmen" kann, wenn man erst mal erkannt hat, dass dies wichtig ist.
Und zusammen mit einer Erhöhung der Bundes- und Landesbildungsetats gewinnt auch die Forderung nach Erhöhung der Sachkompetenz an den politischen Schaltstellen und in den Medien enorme Bedeutung (wie auch dieser Artikel belegt).
... investiert im internationalen Vergleich mit anderen Industriestaaten allenfalls mittelmäßig.
Natürlich löst Geld allein nicht alle Probleme - aber alle Probleme ohne Geld lösen zu wollen, ist der falsche Ansatz.
Die jahrzehntelange strukturelle Unterfinanzierung an den Hochschulen muss endlich beseitigt werde!
für mich stellt sich ganz einfach die Frage, was eigentlich Ziel der Reform war.
Berufsausbildung den Touch von Akademikergrad und Studium zu geben?
in anderen Ländern Europas, die alle Bologna mit unterzeichnet haben, gibt es das traditionelle Ausbildungssysetem Deutschlands überhaupt nicht.
Wer Handwerker wird, lernt seinen Beruf on the Job, wer dort höherwertig arbeiten will (sprich, nach deutschem Verständnis einen Meistertitel erwerben will), muss einen Bachelor-titel (Ing) erworben haben, da es eben traditionell weder Geselle noch Meister gibt.
Wer in anderen Ländern kaufmännisch arbeiten will, ist entweder ungelernt Clerk, oder eben, wenn er administrativ arbeiten will, Bachelor.
Wenn ich dieses Ausbildungssystem auf Deutschland übertragen will, dann bitte konsequent, schafft die IHK's ab, Ausbildung nur noch an hochschulen, die bei absoluter Spezialisierung ebenso wie im angloamerikanischen auch einfach nur "Schule" heißen dürfen (Business School, Medical School, etc.), und dann sind auch die 50% eines Jahrgangs an Hochschulen eine verständliche Zahl.
Niemand in anderen Ländern käme auf die Idee, einen Bachelor-Titel akademisch zu nennen (Bachelor = UNDERgraduate).
Zudem gibt es in England eine Mindestpflicht von 2 Jahren in der Praxis, bevor man ein Masterstudium aufnehmen kann. Denn erst durch die Praxiserfahrung ergibt sich ein strategisches Mitdenken, anzweifeln, verinnerlichen, forschen - eben echtes Studium, und kein stupides (auswendig-)lernen eines Berufs
>Und diese Selbstständigkeit und Selbstorganisiertheit ist eine Qualifikation, die die sogenannten "Schlüsselqualifikationen" von Career Service & Co nicht adäquat vermitteln können.
Vollkommen richtig, aber das ist auch gar nicht nötig!
Ist es eventuell möglich, das es Menschen auf dieser Welt gibt oder gab, die auch ohne ein westdeutsches Diplom aus dem 20. Jhdt. so etwas wie Eigeninitiative entwickelt haben?
Womöglich ist das etwas, das einem nicht "vermittelt" werden muss. Eine [Ironie an] kaum auszumachende Minderheit der Deutschen verfügt tatsächlich über intrinistische Motivation! Oh Wunder! Und die hat man ihnen nicht an der Uni in den Schädel geprügelt. Was sagen Sie, ist so etwas überhaupt erlaubt?
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