AsylbewerberDie Dunkelziffer

Mit allen Mitteln werden Asylbewerber zum Verlassen der Schweiz gedrängt. Sie aber tauchen ab. von 

Asylbewerber im Nothilfezentrum Brünig in der Schweiz

Asylbewerber im Nothilfezentrum Brünig in der Schweiz  |  © Jacek Pulawski

Der Typ mit Wollkappe zeigt seinen Ausweis, stellt sich vor: »Stalder, Polizei«. Man müsse kurz rein, habe einen Tipp bekommen. Zimmer 24, dort würden Drogen gebunkert. Ein Betreuer, der an diesem Freitag im Nothilfezentrum der Asylorganisation Zürich Dienst hat, begleitet die Polizisten in die Baracken: Holztäferwände, ausgetretene Linoleumböden, es riecht nach Essen, nach vielen Menschen auf wenig Raum. Die Zimmer sind klein: zwei Betten, zwei Schränke auf acht Quadratmetern. Ein Fernseher plärrt.

Das Nothilfezentrum sollte eigentlich die letzte Bleibe für abgewiesene Asylbewerber in der Schweiz sein. Doch Recherchen der ZEIT zeigen: Für Tausende ist es nur eine Zwischenstation – vor dem Gang in die Illegalität.

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Wer an der Juchstraße in Altstetten lebt, zwischen Autobahn, Gleisfeld und Schrebergärten, dürfte eigentlich nicht mehr im Land sein. Sein Asylgesuch wurde abgelehnt, er müsste ausreisen. Nach Tunesien, Algerien, Afghanistan, Nigeria. Er erhält nur noch das Nötigste: Nothilfe. 8.50 Franken am Tag, ein Dach über dem Kopf, in Notfällen medizinische Betreuung – und immer wieder mal Besuch von der Polizei.

Das Nothilfe-Regime ist Teil der Asylpolitik, welche die Schweizer Bevölkerung 2008 absegnete. 68 Prozent stimmten damals der Verschärfung des Asylgesetzes zu. Abgewiesene Asylbewerber sollten fortan keine Sozialhilfe mehr bekommen. Mit dieser Vergraultaktik würden mehr Abgewiesene schneller ausreisen – das war die Idee, und das versprach man der Bevölkerung.

Wer aus den Statistiken fällt, interessiert nicht mehr

Bereits 2010 schrieb indes das Bundesamt für Migration (BfM) in einem Monitoring über die finanziellen Folgen des Sozialhilfestopps: Jeder siebte Asylbewerber bleibt in der Schweiz, obschon er nur noch Nothilfe erhält. Der damalige Amtsdirektor Alard du Bois-Reymond sagte: »Insgesamt bewerten wir die Maßnahme positiv.« Migrationsexperten zeigten sich kritischer: Das Nothilfe-Regime habe nicht mehr Leute schneller außer Landes gebracht. Hilfsorganisationen beklagten zudem die prekären Lebensbedingungen der Nothilfebezüger. Die Eidgenössische Kommission für Migrationsfragen sprach von einem »folgenschweren Wendepunkt in der Asylpolitik«. Das härtere Asylverfahren führt zu einem vermehrten Untertauchen von abgewiesenen Asylbewerbern. Das legt ein detaillierter Blick in die offiziellen Statistiken und Berichte nahe.

So zeigen die Zahlen aus dem Zentralen Migrationsinformationssystem, Stand Ende 2010, dass das Bundesamt für Migration von der Hälfte der abgewiesenen Asylbewerber nach Abschluss des Verfahrens nicht mehr weiß, wo sie sich aufhalten. In der Sprache der Statistiker liest sich das folgendermaßen: Von 10.522 Personen werden 2.540, also rund ein Viertel, unter »andere Abgänge« aufgeführt, sie sind einfach weg. Weitere 2.343 Personen fallen in die Kategorie »unkontrollierte Ausreise«. Nach offizieller Darstellung meint dies, diese Menschen seien selbstständig in ihre Heimat zurückgekehrt. In zahlreichen Gesprächen mit den Asylkoordinatoren der Kantone, welche diese Zahlen an den Bund liefern, klingt es anders. Fragt man sie, wo denn diese 2.343 Asylbewerber hingegangen seien, ist die Antwort überall dieselbe: »Wir wissen es nicht.« Oder wie eine Asylkoordinatorin meint: »Sie können das ›Ausreise‹ aus ›unkontrollierte Ausreise‹ streichen.« Im Jahr 2010 verschwanden in der Schweiz also bis zu 4.883 abgewiesene Asylbewerber, sie reisten in ein anderes Land oder gingen in den Untergrund.

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