Zürcher BallettEin Tanz auf Fingerspitzen

Christian Spuck leitet von Herbst an das Zürcher Ballett. Der Nachfolger von Heinz Spoerli ist ein umsichtiger Überflieger. von Daniele Muscionico

Männer in Lederhosen wirken oft wie ein Warnschild. Man macht besser einen Bogen um sie. Christian Spuck trägt eine Lederhose. Sie sieht alt aus und ist natürlich neu, Vintage nennt man das. Ein modischer Witz, ein drolliges Zitat. Doch der Effekt nährt ein Gerücht: Christian Spuck sei ein Spaßkeks, sagen seine Kritiker, ein »Sonnyboy des Balletts«. Wenn das keine Warnung ist!

Sollten seine Widersacher recht haben, taugt eine andere Beobachtung nicht: Heute hat der Haus-Choreograf des Stuttgarter Balletts nämlich so gar nichts Spaßiges an sich. Der 42-Jährige wirkt keineswegs sonnig, sondern grau und älter, als er tatsächlich ist. Wenige Stunden vor Vorstellungsbeginn hat sich einer der Hauptdarsteller den Fuß gebrochen. Spuck musste in aller Eile fünf Tänzer umbesetzen, die Compagnie hat vier zusätzliche Stunden geprobt, jetzt ist offen, ob es vor Publikum klappt, »das Schiff bebt«, sagt er. Und ist die Ruhe selbst.

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Drei Stunden später hat sich das Stuttgarter Publikum die Hände wund geklatscht und die Stimme mit Bravorufen geschunden. Man feierte eine Spuck-Produktion, die typischer nicht sein könnte und durch ihre prägnante Handschrift unverwechselbar ist. Spuck liebt das ästhetische Raffinement in allen Belangen: Die Choreografie ist intelligent und hochkomplex, Bühne und Kostüme sind glanzvoll, prunkvoll und gerne auch verschwenderisch, sie stammen von Emma Ryott, seiner Ausstatterin; Spuck ist ein moderner Geschichtenerzähler, der aus den noch so verschmockten literarischen Vorlagen Zeitgenossenschaft klopft. Strapaziös ist das zuweilen, fordernd immer, doch dieser Mann strapaziert das Genre mit Genuss, und Genuss ist auch der Gewinn für das Publikum. Zuweilen, und auch an diesem Abend, wird sogar gesprochen auf der Bühne, die französische Film- und Theaterschauspielerin Mireille Mossé hat den Part der Spielmacherin, ein Sakrileg, das orthodoxen Ballettfreunden die Zornesader schwellen lässt. Im letzten Akt dreht Spuck dem Handlungsballett endgültig das Licht aus, und wir landen in der Gegenwart.

Christian Spuck

geboren 1969 in Marburg, choreografiert seit 1998 für das Stuttgarter Ballett seit 2001 ist er Haus-Choreograf. Daneben war er auch Resident Choreographer der Compagnie Hubbard Street Dance 2 in Chicago, und er schuf Uraufführungen für diverse bekannte Compagnien in Europa. Mit Beginn der Spielzeit 2012/2013 wechselt Christian Spuck als Direktor zum Ballett des Zürcher Opernhauses.

Das Stuttgarter Ballett tanzte Spucks letzte Produktion, Das Fräulein von S. nach E.T.A. Hoffmanns Erzählung Das Fräulein von Scuderi. Und von den Schwierigkeiten der vergangenen Stunden, dem Unfall, den Umbesetzungen ist nichts zu spüren! Der Abend ist eine Liebeserklärung an die Compagnie, an das Haus, an das Ballett überhaupt – und an eine Tanzlegende ganz besonders, an die 74-jährige Marcia Haydée . Stuttgarts einstige Primaballerina assoluta und langjährige Ballettchefin verkörpert Madeleine de Scuderi, die historische Dichterin, die in Paris unter Ludwig XIV . einen einflussreichen literarischen Salon führte. Ein Ballettmythos trifft auf eine Schriftstellerlegende, eine Kollision mit Potenzial. Die Haydée samt bühnenfüllender Schleppe geht, steht, schreitet – und hat dabei die Wirkungsmacht eines Magneten. Kein Wunder, waren alle acht Vorstellungen bereits vor der Premiere ausverkauft.

Marcia Haydée in seiner Abschiedsproduktion zu danken ist naheliegend, aber nicht selbstverständlich für einen Überflieger wie Christian Spuck. Er war bereits als Tänzer eine Ausnahmeerscheinung, als Choreograf hat er sich in kurzer Zeit international einen Namen gemacht. Man schätzt ihn und verpflichtet ihn an die renommiertesten Ballettcompagnien in Europa und den USA wegen seiner hohen Musikalität, seines souveränen Umgangs mit dem Raum, wegen seines meist humorvollen, immer aber stilsicheren Inszenierungsstils und der Fähigkeit, mit großen Besetzungen zu arbeiten.

Dass gewisse Kritiker anhand so viel bruchlosen Ruhms auf eine bruchlose Persönlichkeit schließen, ist verständlich. Wenn auch ungerecht und vielleicht sogar dumm. Blind ist es auf jeden Fall – gemessen daran, was Spuck in Stuttgart soeben zeigt. Und auch gemessen daran, was er immer wieder auch mit zeitgenössischen Tänzern und Compagnien wie etwa der Hubbard Street Dance 2 in Chicago erarbeitet. Doch damit ist nun fürs Erste Schluss. Jetzt steht der nächste, entscheidende Karriereschritt an: Christian Spuck ist der Nachfolger des Zürcher Ballettdirektors Heinz Spoerli , der das Opernhaus Zürich nach 16 Jahren zum Ende dieser Spielzeit verlässt. In Zürich wird Spuck sein erstes eigenes Ensemble haben und Choreografen einladen können. Doch alles begann damals, in Stuttgart, mit Marcia Haydée.

Christian Spuck war der letzte Tänzer, den die Haydée in ihrer Funktion als Direktorin des Stuttgarter Balletts verpflichtet hatte. Er ist ein Quereinsteiger, arbeitet hart, ist hochtalentiert, als er mit bemerkenswerten 21 Jahren die Chance erhält, an der angesehenen John-Cranko-Schule mit einer Ballettausbildung zu beginnen. Seitdem ist er mit Marcia Hadyée eng verbunden, befreundet, könnte man vielleicht sogar sagen. Wenn denn Spuck im Gespräch seine Vorsicht fahren lassen würde. Sein Argwohn gilt großen Gefühlen und großen Worten, die in der Öffentlichkeit sehr schnell sehr falsch verstanden werden könnten.

Besonnen und ernsthaft macht er sich lieber laut Gedanken über die Privilegien seines Lebens und das Wissen, dass das Scheitern hinter der nächsten Straßenecke warten kann. Statt von der Vergangenheit zu reden, grübelt er darüber nach, wie er die Erwartungen in Zürich erfüllen kann, wie die Compagnie inspirieren, profilieren und wie die Verantwortung tragen, die auf ihn wartet. »Ich habe ja einen Beruf, der nur durch andere Menschen funktioniert. Und wie alle Formen der Bühnenkunst hat auch das Ballett den Anspruch gegenüber der Gesellschaft, reflektierend zu sein.«

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