David-Hockney-AusstellungVor der Natur mit Pinsel und iPad

David Hockney in einer großen Ausstellung der Royal Academy in London. von Petra Kipphoff

Von Nikolaus Pevsner , dem 1902 in Leipzig geborenen Kunsthistoriker, der in England zu Ansehen und Ruhm gelangte, haben die Engländer erfahren, was »das Englische der englischen Kunst« ist. Und konnten schon in der Einleitung dieser ganz undogmatisch geschriebenen kunsthistorischen Landvermessung lesen: »Englische Kunst ist Constable und Turner.« So ist es. Landschaft und Nebel. Und einmal abgesehen davon, dass es noch andere englische Vorlieben und Talente gibt, über die Pevsner natürlich ebenfalls schreibt, ist die Natur, deren Unterabteilung namens Englischer Garten im späten 18. Jahrhundert sogar den Kontinent begrünte, ein zentrales Thema der englischen Kunst. So auch bei David Hockney , dem immer neugierigen jungen Mann mit den runden Brillengläsern und dem wasserstoffsuperoxydblonden Haarschopf, der in diesem Jahr 75 wird, der sein früh wahrgenommenes Talent nie zur Rolle des großen Meister ausgebaut hat und, anders als Francis Bacon , sein tragischer Antipode, mit seiner Homosexualität offen und fröhlich umgegangen ist.

Eine große Ausstellung, die ihm in der Londoner Royal Academy gewidmet ist (siehe ZEIT Nr. 5/2012 ), beginnt mit zwei Bildern des 19-Jährigen (seine Ausbildung an der Royal Academy hatte er da noch vor sich), die seine Heimatlandschaft Yorkshire in jenen gedämpften Altmeisterfarben zeigen, die der Realität wohl recht nahe kommen. Jahrzehnte später kehrt Hockney, der in den siebziger und achtziger Jahren vorwiegend in Kalifornien gelebt hatte, nach England zurück, in seine geliebte Yorkshire-Landschaft, vor die er sich nun mit Pinsel und Leinwand setzt, die er aber auch mit dem iPad als elektronischer Palette im Auto verfolgt. Seine Bilder sind jetzt so farbenfreudig wie die Kostümierung der Queen, der numerische Bild-Ertrag ist so endlos wie der Fluss der Themse , die wanddeckende Krönung ist jenes Bild, das der Ausstellung den Titel gegeben hat, A Bigger Picture heißt und 365,8 mal 975,4 Zentimeter misst. Das klingt gar nicht sehr britisch, eher ein amerikanischer Komparativ, leicht betäubt denkt man zurück an das ganz frühe kalifornische Bild A Bigger Splash (1967): zwei dünne Palmen, ein Bungalow, ein Pool mit Sprungbrett, ein weißer Riesenspritzer über dem unbewegten blauen Wasser, ein Bildquadrat von knapp 250 mal 250 Zentimetern.

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In Kalifornien hatte Hockney nicht nur die große Dimension entdeckt, sondern auch die oft bis zur Schmerzgrenze knallbunten Farben. Dabei können neben zwei frühen, komisch-ironischen Bildern der 1960er Jahre wie Flight into Italy – Swiss Landscape und Rocky Mountains and Tired Indians oder dem späteren Bilderbuchpanorama des Mulholland Drive in Los Angeles die ersten, ebenfalls breitwandigen Wiederentdeckungsbilder der Heimat auch an jenen Hockney erinnern, der als Bühnenbildner für die Oper und als Illustrator ein fantastischer Erzähler war und ist. In den ersten der seit 1997 in Yorkshire entstandenen Bilder schwingen sich die berühmten »rolling hills« wie beschwipst gestreifte Teppiche durch Wald und Flur, die ehemals rachitisch bleichen Häuser recken sich rotbraun spitz in den blauen Himmel, auf dem abgeernteten Feld steht das Korn in adretten Rollen, die blaue Straße kurvt kühn hinunter in die Ebene, in der sich die mit blauen Linien abgegrenzten Felder unter dem Horizont sortieren.

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Um zur Bildergalerie zu gelangen klicken Sie bitte auf dieses Bild.  |  © David Hockney/Privatsammlung/Foto: Jonathan Wilkinson

Man könnte, wenn da nicht Hockneys intelligente Heiterkeit wäre, in der kein Platz ist für Sucht nach Tiefsinn, eine manische Besessenheit ausmachen, die der Natur in jedem Moment auf die Spur kommen will, zum Beispiel in 32 kleineren Ölbildern, die auf der Basis von 51 iPad-Zeichnungen zwischen dem 1. Januar und dem 2. Juni 2011 zu dem Thema »Die Ankunft des Frühlings in Woldgate, East Yorkshire in 2011 (zwanzig-elf)« entstanden sind. Die Quintessenz und Apotheose ist dann jenes größte Bild der Ausstellung, das als heiterer Wandteppich ebenso gut geeignet ist wie als Märchenwaldvorhang für die Grimmschen Märchen , zu denen Hockney 1968/69 schwarz-weiße, karge Radierungen gemacht hatte, durch die man das Fürchten lernen konnte.

David Hockney, der sowohl eigene Geschichten in einem Bild auf den zusammenfassenden Punkt bringen kann wie auch die Geschichten anderer, war glücklicherweise nie ein Rhetoriker. Die endlosen Bildsequenzen aber, die jetzt den Blick auf eine von Bäumen gesäumte Straße durch Tages- und Jahreszeiten verfolgen, wirken nicht mehr wie Studien eines Künstlers, sondern wie die Aktivität eines obsessiven Oberstudienrats – sehr im Gegensatz zu den Kohlezeichnungen und Skizzenbüchern, in denen die Grundmuster der Natur freigelegt sind, und den Ende 2011 entstandenen Bildern vom Yosemite-Park in Kalifornien, bei denen die Größe des Bildes und des Sujets kongruent sind.

Royal Academy of Arts bis zum 9. April, Guggenheim Museum Bilbao vom 14. Mai bis 30. September, Museum Ludwig Köln vom 27. Oktober bis zum 4. Februar 2013, Katalog Thames & Hudson/deutsch bei Hirmer, 39,90 €

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