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Alltagsgeschichte ohne Ostalgie – das Dokumentationszentrum in Eisenhüttenstadt zeigt jetzt, wie es geht. Mit vielen Fundstücken vom Müll. von Alexander Cammann

Telefon aus der DDR

© nurmalso/photocase

Anderthalb Bahnstunden südöstlich von Berlin beginnt die Zeitreise. Hier an der Oder, Polen gleich gegenüber, liegt Eisenhüttenstadt . Im Namen schwingt der eherne Klang einer vergangenen Epoche mit, einer Zeit aus Eisen und Stahl. Der Ort, von einst 53.000 auf 30.000 Einwohner geschrumpft, lädt ein zu einem Rundgang durch die Gründerjahre der DDR . Seit 1950 wurde hier das größte Eisenhüttenkombinat der Republik errichtet. Die dazugebaute Wohnstadt für die Stahlwerker hieß seit 1953 "Stalinstadt", erst 1961 bekam sie ihren jetzigen Namen.

Längst sind die Bauten im gemäßigten Zuckerbäckerstil der Stalinära historisch korrekt restauriert. Es ist eine Architektur voller Säulen, Simse und Erker, die ja seltsamerweise mit wachsendem zeitlichen Abstand einen gewissen posttotalitären Charme entfaltet. Die 1953 errichtete, jüngst sanierte Großgaststätte Aktivist erstrahlt im Kapitalismus nunmehr eher unproletarisch.

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Mittendrin in Deutschlands größtem zusammenhängenden Denkmalschutzgebiet liegt ein Museum mit dem sperrigen Namen Dokumentationszentrum Alltagskultur der DDR . Seit seiner Gründung 1993 sammelt es alles Mögliche aus der Hinterlassenschaft der DDR. Die Bestände wuchsen bis heute auf 150.000 Objekte. An diesem Samstag nun wird die neue Dauerausstellung in den Räumen des Zentrums eröffnet: Alltag: DDR.

"Alltag" – das ist in der Welt der Geschichtswissenschaft für viele immer noch ein schillernder, ja ominöser Begriff. Während das Publikum sich für Museen und Bücher begeistert, die sich diesseits der großen historischen Strukturen und Prozesse, der Haupt- und Staatsaktionen mit dem Leben der "normalen Menschen" beschäftigen, haben wortmächtige Wissenschaftler von jeher vor der Fixierung auf Alltägliches gewarnt.

Besonders heftig wurden die Konflikte in der Bundesrepublik Anfang der achtziger Jahre ausgetragen. Just die (Sozial-)Historiker der Bielefelder Schule kritisierten die aufkommende Alltagsgeschichtsschreibung und witterten bei ihren "Barfuß"-Kollegen postmoderne Beliebigkeit; sie meinten bei ihnen bloß Geschichtchen statt Geschichte zu finden. So gab es für die neuen Alltagshistoriker denn auch nur selten Universitätslehrstühle. Dennoch stießen sie unverdrossen eine im Rückblick höchst erfolgreiche Geschichtswerkstätten-Bewegung an, die vielerorts die Vergangenheit von unten erforschte und in stadthistorischen Projekten und Museen dem Publikum zugänglich machte.

Viele Ausstellungsstücke stammen vom Sperrmüll

Andreas Ludwig entstammt dieser Bewegung. Er hat an der FU in Berlin Geschichte studiert und in den achtziger Jahren am Charlottenburger Stadtbezirksmuseum gearbeitet. Das Jahr 1989/90 wurde für den Museumsmann zum Schlüsselerlebnis: Woche für Woche konnte der Westberliner bei seinen Ausflügen ins nunmehr frei zugängliche Brandenburger Umland sehen, wie sich wahre Sperrmüllberge am Straßenrand erhoben. Plötzlich überflüssig und ausgemustert, erzählten all diese Gegenstände vom Leben in der DDR. Der Wessi Ludwig hatte seine Mission gefunden und gründete das Dokumentationszentrum in Eisenhüttenstadt, das heute zu gleichen Teilen von der Stadt, dem Landkreis und dem Bundesland Brandenburg getragen wird.

Allerdings blieben die Erforschung und Darstellung des DDR-Alltags ein vermintes Gelände. Der Vorwurf unkritischer Sammellust stand im Raum, und wer sich nicht auf die – fraglos notwendige – Analyse und Darstellung des SED-Herrschaftsapparats konzentrierte, den traf oft der Vorwurf der Verharmlosung einer Diktatur. Hinzu kam die seit den neunziger Jahren grassierende Ostalgie, die sich die privaten, alltäglichen Erinnerungen gern rosarot färbte und sich rasch zu einem florierenden Zweig der Retro-Industrie auswuchs, mit "unseren Stars von damals", mit Identität suggerierendem Nippes, lustigen Fotos vom Nacktbaden an der Ostsee und allerlei Devotionalien nach dem Motto: "So schmeckte der Osten", selbst wenn dieselben Leute ihn wenige Jahre zuvor noch relativ öde gewürzt fanden. Dazu gehören auch die skurrilen Liebhabermuseen vielerorts, die mit Trabis und Tempolinsen die Vergangenheitsverklärung auf ihre Weise kultivieren.

Leserkommentare
  1. Das wird das erste Museum der Zukunft...

    • ludna
    • 03. März 2012 11:09 Uhr

    "Der Vorwurf unkritischer Sammellust stand im Raum, und wer sich nicht auf die – fraglos notwendige – Analyse und Darstellung des SED-Herrschaftsapparats konzentrierte, den traf oft der Vorwurf der Verharmlosung einer Diktatur."

    Oh Mann, ich kann es nicht mehr hören oder lesen. Auch wir mussten aufs Klo, ganz ohne Überwachung.

    Und zum Thema: Darf man dann mit der gleichen auch keine Ausgrabunsgegenstände in einem Museum zeigen? Dies sind auch nur Alltagsgegenstände.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • ludna
    • 03. März 2012 11:09 Uhr

    Und zum Thema: Darf man dann mit der gleichen Begründung auch keine Ausgrabunsgegenstände in einem Museum zeigen? Dies sind auch nur Alltagsgegenstände.

    • ludna
    • 03. März 2012 11:09 Uhr

    Und zum Thema: Darf man dann mit der gleichen Begründung auch keine Ausgrabunsgegenstände in einem Museum zeigen? Dies sind auch nur Alltagsgegenstände.

  2. Ich bin ja absolut dafür, dass Ausstellungen so neutral wie möglich sind und die Diktatur nicht verharmlost wird, aber warum heißt "nicht verharmlosen" immer, dass man überhaupt keine schönen Dinge zeigen darf?

    Neutralität bedeutet für mich auch die jeweiligen Aspekte nach ihrer tatsächlichen Relevanz einzuteilen. Und auch wenn im Nachhinein vor allem die Stasi, die Bürgerrechtler und die Westprodukte auffallen, waren sie im damaligen Alltag genauso relevant wie die Politik der jetzigen Bundesregierung für den Alltag des Durchschnittsdeutschen.

    Und auch wenn man sich natürlich gefreut hat über bestimmte Westprodukte, gab es nicht Sehnsucht nach dem Westen in dem Maße wie es immer wieder dargestellt wurde, die meiste hatten nicht das Bedürfnis aus der DDR zu verschwinden.

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