Es schien ein sicheres Geschäft zu sein. Eine Frau aus Sachsen nahm einen Kredit in Höhe von 250.000 Euro auf und zahlte das Geld in eine Lebensversicherung ein. Die Erträge aus der Police namens Wealthmaster Noble seien weitaus höher als die Kreditzinsen, versprach ihr Finanzberater. Es winke ein hoher Gewinn, ganz ohne eigenes Geld eingesetzt zu haben.

Doch die Strategie ging nicht auf: Der britische Versicherer Clerical Medical teilte der Sächsin mit, dass er die vorgesehenen Auszahlungen »voraussichtlich nicht in voller Höhe erbringen« könne. Kurz vor Ende der Laufzeit am 1. März ist nun bittere Gewissheit, dass die Police nicht annähernd die in Aussicht gestellte Rendite von jährlich bis zu 8,5 Prozent einbringen wird. Wie viel genau fehlen wird, ist unklar. Die Frau hat Clerical Medical jedenfalls verklagt. Anfang Februar wollte der Bundesgerichtshof (BGH) den Fall verhandeln. Doch so weit kam es nicht: In letzter Minute bot der Versicherer der Frau einen Vergleich an.

Taktisch war das klug. Auf diese Weise verhinderte die Assekuranz ein mögliches negatives Grundsatzurteil, das weitreichende Folgen für die gesamte Branche gehabt hätte. Bei Land- und Oberlandesgerichten laufen Hunderte weiterer Prozesse gegen das Unternehmen, die nach einem anlegerfreundlichen BGH-Votum womöglich alle im Sinne der Kläger entschieden worden wären.

Auch gegen andere Versicherer sind Anleger scharenweise vor Gericht gezogen. Am vergangenen Mittwoch bestätigte der BGH in einem Urteil Schadensersatzansprüche gegen den britischen Anbieter Equitable Life. Dass es vor allem englische Versicherer trifft, liegt daran, dass sie das Geld ihrer Kunden risikoreicher anlegen als deutsche Assekuranzen. Die Briten stecken meist rund die Hälfte der Versicherungsprämien in Aktien, während deutsche Anbieter strengere gesetzliche Vorgaben haben und nur einen Bruchteil an der Börse investieren dürfen. Läuft es an den Aktienmärkten gut, schneiden die britischen Assekuranzen deutlich besser ab. Bis vor wenigen Jahren warben sie mit Renditen von acht oder gar zehn Prozent. Doch läuft es einmal nicht so gut, drohen hohe Verluste.

Wer eine Lebensversicherung abschließt, investiert also in solchen Fällen nicht in ein langweiliges, aber sicheres Altersvorsorge -Produkt, wie es Anbieter und Finanzberater gerne glauben machen. Bisweilen stecken hinter der Bezeichnung riskante Konstruktionen, die Anleger teuer zu stehen kommen können. Das gilt auch für viele deutsche Policen. Bei den hiesigen sogenannten fondsgebundenen Lebensversicherungen etwa fließt das Geld, das Sparer monatlich einzahlen, in Investmentfonds. Die wiederum investieren in Aktien oder Anleihen. Solche Anlagemodelle sind sehr beliebt. Im Jahr 2010 schlossen Anleger hierzulande 1,1 Millionen Fondspolicen ab, in die sie jährlich mehr als eine Milliarde Euro einzahlen. Der Anteil der Versicherungsprämien, der in Aktien fließt, liegt bei Fondspolicen häufig ähnlich hoch wie bei den umstrittenen Produkten britischer Anbieter.

»Mit solchen Policen gehen Anleger ein hohes Risiko ein – oft, ohne von ihrem Berater darüber aufgeklärt worden zu sein«, sagt der Heidelberger Anlegeranwalt Mathias Nittel. »Ich erlebe immer wieder, dass plötzlich ein wichtiger Pfeiler der Altersvorsorge wegbricht, weil Lebensversicherungen weit niedrigere Erträge liefern als erhofft.« Wird das Investment – wie im Fall der Anlegerin aus Sachsen – dann auch noch per Kredit finanziert, können Betroffene auf hohen Schulden sitzen bleiben.

Dennoch ist die Vorsorge auf Pump weit verbreitet. So raten Finanzvermittler Häuslebauern bisweilen, den Immobilienkredit nicht laufend zu tilgen, sondern parallel Geld in eine fondsgebundene Lebensversicherung einzuzahlen. Wird diese am Ende der Laufzeit ausgezahlt, kann der Kredit auf einen Schlag getilgt werden. Diese Variante hat für die Berater den Vorteil, dass sie doppelt Provision kassieren: einmal von der Bank (für die Vermittlung des Kredits) und einmal von der Versicherung (für den Verkauf der Police).