Harrie van Gennip will in Deutschland ganz groß ins Schweinegeschäft einsteigen. Ursprünglich hatte der Investor aus den Niederlanden beabsichtigt, in Haßleben in der Uckermark einen Stall mit 85.000 Mastplätzen zu bauen. Doch die Bevölkerung wehrte sich. Jetzt sollen es nur noch 67.000 Plätze werden, was den Gegnern des Projekts aber noch immer zu viel ist. "In den Niederlanden dürfen sie nicht mehr wachsen. Deswegen kommen sie zu uns", schimpft Sybilla Keitel von der Bürgerinitiative Kontra Industrieschwein.

Sie findet das ganze System, in dem lebende, fühlende Wesen zum Produktionsmittel degradiert werden, "obszön": Die engen "Abferkelbuchten", in denen sich die Sauen kaum bewegen können, weil sie sonst ihre eigenen Ferkel erdrücken. Oder die zuweilen in drei Etagen übereinandergestapelten "Flatdecks" für die Jungtiere, auch "Ferkelbatterien" genannt. Und das künstliche Dämmerlicht, damit sich die Tiere möglichst wenig bewegen und in 180 Tagen ihr Schlachtgewicht von 90 Kilogramm erreichen: jeden Tag 200 Gramm mehr Fett und Fleisch.

Männliche Ferkel durchlaufen eine besondere Prozedur. Ein Arbeiter packt eines an den Hinterbeinen. Dann zwei Schnitte mit einem Messer in die blassrosa Haut, dort, wo die Hoden verborgen sind. Das höchstens sieben Tage alte Tier schreit erbärmlich. Die Samenleiter müssen mit einer Klinge durchtrennt werden, doch manchmal werden die dünnen Stränge einfach abgerissen. Es muss schnell gehen. Zeit ist Geld. Die Wunde bleibt offen. Erst jetzt wird dem Ferkel ein Mittel gespritzt, das für einige Stunden den Wundschmerz lindern soll. Doch seine Qualen sind noch nicht zu Ende.

In einem zweiten Arbeitsgang wird ihm noch der Ringelschwanz mit einem heißen Messer abgeschnitten, und die Eckzähne werden mit einer Schleifmaschine bearbeitet. Beides soll verhindern, dass sich die Tiere gegenseitig die Schwänze abbeißen. Dazu neigen sie, weil sie ihr natürliches Verhalten in den eintönigen, auf maximale Effizienz getrimmten Riesenställen nicht ausleben können.

Die archaisch anmutenden Praktiken sind Alltag bei deutschen Schweinezüchtern. Ohne Betäubung. Millionenfach. Denn anders als in Großbritannien oder Dänemark , wo die Zucht unkastrierter Schweine üblich ist, akzeptiert der deutsche Handel bislang kein Fleisch, das einen "Ebergeruch" aufweisen könnte. Dabei entwickeln nur relativ wenige Tiere einen störenden Geruch. Außerdem bemerken die Kunden meist gar nicht, dass sie Eberfleisch essen.

Massentierhaltung - Leser fragen Jonathan Safran Foer

So mischt der Fast-Food-Konzern McDonald’s seit Januar 2011 seinen Schweinefleischprodukten das Fleisch unkastrierter männlicher Tiere unter, ohne dass es deshalb zu Beschwerden kam. Es ginge also auch ohne flächendeckende Kastration. Oder zumindest mit einer Betäubung, wie in der Schweiz und den Niederlanden. Doch laxe Tierschutzgesetze und Großzügigkeit bei Kontrollen sparen Geld. Sie sind ein Standortvorteil.

Auch andere niederländische Unternehmer als Harrie van Gennip drängen in die Bundesrepublik. Denn ihr Heimatland ersäuft buchstäblich in einem Meer von Gülle. Wachstum ist dort kaum noch möglich. Deutschland ist ein gutes Land – für Investoren. Überall werden neue Ställe gebaut, vor allem für Schweine und Geflügel.

Allein für Masthähnchen seien zurzeit 900 neue Stalleinheiten mit je 40.000 Tieren geplant, heißt es im kritischen Agrarbericht 2011, herausgegeben von der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft. So viel könne der Markt vermutlich gar nicht aufnehmen, eine "Hähnchenblase" drohe. Gleichzeitig wächst der Widerstand gegen die Massentierhaltung und Turbomast. Mehr als 100 größere Bürgerinitiativen sind im Netzwerk "Bauernhöfe statt Agrarindustrie " zusammengeschlossen, das erst jüngst bei einer Großdemonstration in Berlin unter dem Slogan "Wir haben es satt" Tausende von Menschen auf die Straße brachte.

Für Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner ist hingegen jeder neue Stall ein Erfolg. Die CSU-Politikerin will aus Deutschland eine führende Fleischexportnation machen, die es mit Anbietern wie Brasilien und den USA aufnehmen kann. Damit ist sie schon ziemlich weit gekommen: Seit 2005 ist die Ausfuhr von Fleisch und Wurstwaren aus Deutschland um fast 60 Prozent gestiegen, auf einen Rekordwert von 3,7 Millionen Tonnen im Jahr 2010. Mittlerweile wird in der deutschen Fleischindustrie bereits jeder fünfte Euro im Export verdient.

Um dieses Wachstum zu ermöglichen, wurden in den vergangenen Jahren zahlreiche gesetzliche Restriktionen gelockert, etwa die Flächenbindung, die für Zuchtbetriebe ausreichende Ackerflächen für eigenes Futter vorsah. Auch Tierschutzstandards seien verwässert worden, sagt Reinhild Benning, Agrarexpertin des Bundes für Umwelt- und Naturschutz Deutschland (BUND).