Jürgen Flimm Otto, der Weise

Jürgen Flimm ist Intendant der Berliner Staatsoper, und Freund von Otto Rehhagel. Im Interview redet er über die großen Sätze des Fußballlehrers.

Meine Herren, lassen Sie bitte den Ball ruhen: Otto Rehhagel, hier noch in griechischer Trainingsjacke

Meine Herren, lassen Sie bitte den Ball ruhen: Otto Rehhagel, hier noch in griechischer Trainingsjacke

DIE ZEIT: Herr Flimm, wie finden Sie es, dass Otto Rehhagel Fußballtrainer bei Hertha BSC wird?

Jürgen Flimm: Sehr gut.

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ZEIT: Ist er nicht zu alt? Wäre das nicht genauso, als würden Sie René Kollo noch einmal als Siegfried in Wagners Ring besetzen?

Flimm: Der Kollo müsste ja singen. Aber Rehhagel muss als Trainer nicht die Außenlinie rauf- und runtersprinten wie weiland Manni Kaltz.

Jürgen Flimm
Jürgen Flimm

Jürgen Flimm ist 70 Jahre alt, Regisseur und seit 2010 Intendant der Berliner Staatsoper. Er ist seit 25 Jahren mit Rehhagel befreundet. Seit er ein "Wunder von der Weser" live im Stadion miterlebte ist Flimm Vereinsmitglied des SV Werder Bremen,

ZEIT: Hat man mit 73 Jahren noch die Nerven für das harte Fußballgeschäft?

Flimm: Mir war immer schleierhaft, wie ein Trainer es aushält, dass jeden Samstag Premiere ist. Und dann geht der Ball in der entscheidenden Szene knapp neben das Tor. Das ist doch Wahnsinn. Es gibt die berühmte Geschichte von Kutzop bei Bremen, als Otto dort Trainer war. Hätte er 1986 gegen die Bayern den Elfer verwandelt, wäre Bremen Meister gewesen. Aber er hat das Ding knapp neben das Tor gesetzt. Kutzop kam darüber nicht hinweg, und Otto nahm ihn sich zur Seite. Passen Sie mal auf, sagte er, der Ball, der am Tor vorbeiging, ist jetzt schon hinter dem Mond. Der fliegt immer weiter und kommt nie mehr zurück. Das müssen Sie endlich verstehen.

ZEIT: Wie lange kennen Sie Rehhagel?

Flimm: Wir haben uns 1978 in einer Talkshow kennengelernt und uns dann über viele Jahre hinweg ausgetauscht über die Ähnlichkeiten zwischen dem Trainer- und dem Regisseurberuf.

ZEIT: Und was rät der Regisseur nun dem neuen Hertha-Trainer?

Flimm: Nichts. Es gibt nämlich einen wichtigen Unterschied: Wir spielen gegen Schiller, die spielen gegen Bayern.

ZEIT: Was schätzen Sie an Rehhagel?

Flimm: Gucken Sie sich dieses Leben an: Als kleiner Junge ist er noch in den Pütt eingefahren. Dann war er Malergeselle und hat bei Rot-Weiss Essen in der Abwehr gestanden. Jetzt ist er Ehrenbürger von Athen. Das ist doch was.

ZEIT: Wird der Ehrenbürger von Athen im Moment nicht dringender in Griechenland gebraucht als bei Hertha BSC?

Flimm: Ich würde es andersherum sagen: Kaum war Rehhagel weg aus Griechenland, ging dort die Krise los.

ZEIT: In den Sportteilen wird Rehhagel als Fossil verspottet. Tut man ihm unrecht?

Flimm: Er hat diesen wunderbaren Satz gesagt: »Modern spielt, wer gewinnt.« Das ist nicht zu widerlegen.

ZEIT: Ist sein Führungsstil antiquiert?

Flimm: Ich weiß nur, dass er sich seinen Spielern gegenüber immer sehr anständig verhält. Otto ist weise. In seiner Bremer Zeit sagte er einmal im Training: »Meine Herren, lassen Sie bitte den Ball ruhen.« Das alleine ist schon ein toller Satz. Das müsste ich auch mal in der Oper zum Tenor sagen: »Mein Herr, lassen Sie bitte den Ball ruhen.« Dann deutete Rehhagel auf einen einsamen Mann, der als Trainingsbeobachter auf einem Wall stand, und sagte: Schauen Sie mal, wer da drüben steht. Kennen Sie den Herrn? Nö. Der war mit Schalke einmal Deutscher Meister. Schauen Sie ihn sich genau an. Eines Tages werden Sie auch dort stehen und nur noch zugucken. Vergessen Sie das nie.

ZEIT: Interessieren Sie sich eigentlich für Hertha BSC?

Flimm: Ab jetzt besonders.

 
Leser-Kommentare
  1. ... irgendwie sind die Griechen schon etwas ungerecht in ihrer Beurteilung von Deutschland. Wir sichern das Überleben des griechischen Staates mit Milliarden, verhelfen ihnen zur Fußball-Europameisterschaft und nun dies ...

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    Ohja, WIR.

    Ohja, WIR.

  2. Ohja, WIR.

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