Der Tod fährt auf Indiens Straßen immer mit, kurz vor Panaji ist er nur noch Zentimeter entfernt. Auf der Gegenspur schert ein Tanklastwagen aus und rast frontal auf uns zu. Er donnert an zwei Radfahrern vorüber, nimmt fast einen Kokosnussstand mit, zwei Wasserbüffel und eine Frau, die auf dem Seitenstreifen geht und einen Plastikeimer auf dem Kopf balanciert. Ausweichen, wegducken! Haarscharf rasiert der Laster an uns vorbei, als Gruß bekommen wir eine Dusche Dieselabgase ab.

Um uns herum brüllen die Hupen, rotzen die Auspuffrohre. Wir stecken mit unserer Motorrikscha in einem Knäuel einander wild überholender Fahrzeuge. Uwe Naßler, 31, Mediengestalter, sitzt am Lenker und fährt Höchstgeschwindigkeit, knapp 60 Stundenkilometer. Nach mehreren Schlaglöchern ruft er in den Fahrtwind: »Irgendwie macht die Rikscha heute andere Geräusche, da rattert was!« Sein Kumpel Janos Bugler hockt hinten. Er blickt von der Landkarte auf, lauscht, schreit zurück: »Egal, fahr einfach weiter!«

Die beiden haben sich auf eine heitere Reise eingelassen. Ein Rennen über 3.000 Kilometer quer durch Indien, von Rajasthan im Norden bis Kerala im Süden. In Goa durfte ich zusteigen, um sie auf den letzten 900 Kilometern zu begleiten. Unser Gefährt: eine Rikscha, auch Tuktuk oder Three-Wheeler genannt. Ein klappriges, an den Seiten offenes Dreirad der Marke Bajaj mit Sieben-PS-Zweitaktmotor, Handschaltung, Sonnendach; ohne Gurte. Vorne ist Platz für einen Fahrer, hinten für zwei Passagiere. Bugler nennt das Gefährt einen »bestuhlten Rasenmäher«. In Asien ist es das Taxi der kleinen Leute.

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Damit Langstrecke zu fahren, muten sich aber nicht einmal die Inder zu. Australier, Europäer und Amerikaner schon: 72 Teams aus aller Welt nehmen teil an diesem Rennen, das der Veranstalter »The Adventurists« ins Leben gerufen hat. Die Organisatoren bieten mehrere Eskapaden dieser Art an, darunter eine Autorallye von England in die Mongolei . Beim Rickshaw Run bekommt jedes Team ein Tuktuk und zwei Wochen Zeit. Hilfe? Gibt es nicht. Die Teilnehmer sind auf sich gestellt.

Beim Rickshaw Run hilft nur eines: Man muss schlimmer fahren als die Inder

Auch eine Route ist nicht vorgegeben, und wer als Erster ankommt, spielt keine Rolle. Hauptsache, man kommt überhaupt an. Längst haben sich die anderen Mannschaften verteilt, fahren irgendwo durch Indien. Hinter Bugler und Naßler, die ihr Team »Brothers Tuktuk« nennen, knattert nur die Rikscha der »Aqua Boyz« : Für Alex Bachinger ist das Rennen der Auftakt zu einer langen Asienreise. Vor ihm klemmt Harry Schunck am Lenker, Meeresbiologe. Mit den »Brothers Tuktuk« sind sie seit Schulzeiten befreundet.

In den Gassen weht eine linde Brise, als wir abends durch Goas Hauptstadt Panaji manövrieren. Portugiesische Kolonialbauten und weiße Kirchen lugen hinter Palmen hervor. Schneider, Apotheker, Gewürzhändler stehen mit nacktem Oberkörper vor ihren Läden, Frauen spazieren unter Sonnenschirmen. Krähen sitzen zu Hunderten auf den Stromleitungen, die den Himmel von Panaji durchziehen wie Spinnennetze.

Wir übernachten in einem windschiefen Hotel am Stadtrand. Das Prozedere ist jeden Abend das gleiche: Taschen von den Dachgepäckträgern laden, duschen, essen, ein, zwei Bier trinken, die nächste Etappe planen. Mit Moskitoschutzcreme eingeschmiert, fallen alle in die Betten. Unter der Decke torkelt die ganze Nacht ein Ventilator.

Um sechs Uhr morgens scheucht Bugler die anderen wieder auf. Um das Pensum zu schaffen, müssen sie jeden Tag acht bis zehn Stunden durchhalten. Die Fahrt aus der Stadt gleicht dem Sog in einen Trichter. Alles, was Räder hat, röhrt und schleppt sich zu den großen Landstraßen. In den Kreiseln schießen die Fahrzeuge von allen Seiten heran, verquirlen sich. Schrotthändler säumen den Weg, Baracken, Krämerläden, uniformierte Schulkinder, Greise, geschlachtete Hühner und brennende Müllhaufen.