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"Grüß Gott" oder "Berg Heil"? In einer Ausstellung beschäftigt sich der Deutsche Alpenverein mit seiner Rolle vor und während des "Dritten Reichs" von Wolfgang Albers

In den zwanziger Jahren wurden jüdische Mitglieder vermehrt ausgeschlossen.

In den zwanziger Jahren wurden jüdische Mitglieder vermehrt ausgeschlossen.  |  © Deutscher Alpenverein

DIE ZEIT: Stimmt es, dass Bergsteiger und Wanderer sich mit »Berg Heil« beglückwünschen, wenn sie den Gipfel erreicht haben?

Friederike Kaiser: Ja, das ist sogar ziemlich gebräuchlich. Ich habe es auch gemacht, obwohl ich schon immer ein komisches Gefühl dabei hatte. »Berg Heil«, das ist ja sprachlich sehr nah am nationalsozialistischen »Sieg Heil« oder »Heil Hitler«.

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ZEIT: Aber haben die Grußformeln denn die gleichen Wurzeln?

Kaiser: Indirekt schon. Beiden liegt jedenfalls der Heil-Gruß zugrunde, den Turnvater Jahn populär gemacht hat und der seit Beginn des 19. Jahrhunderts als »deutscher Gruß« gilt. Das »Berg Heil« soll 1881 ein österreichischer Bergsteiger erfunden haben. Um 1900 bemächtigten sich aber völkische, antisemitische Bewegungen dieser Formel, 1925 wurde »Heil Hitler« zum offiziellen Gruß der Nationalsozialisten, und damit veränderte sich auch die Bedeutung.

Friederike Kaiser
Friederike Kaiser

Geschäftsbereichsleiterin Kultur im Deutschen Alpenverein und Kuratorin der Ausstellung Berg Heil!

ZEIT: Offenbar hat sich ja noch nie jemand mit dieser Frage beschäftigt, ehe Sie anfingen, für die Ausstellung Berg Heil! Alpenverein und Bergsteigen 1918–1945 zu recherchieren...

Kaiser: Nicht in Bezug auf den Berg-Gruß, aber mit ihrer Geschichte setzen sich die Vereine seit Längerem auseinander. Schon 1996 gab es im neu eröffneten Alpinen Museum, wo unsere Ausstellung jetzt auch zu sehen ist, einen Abschnitt zum Thema Alpenverein und Nationalsozialismus . Inzwischen konnten wir aber die Archivalien aus dieser Zeit viel genauer unter die Lupe nehmen.

ZEIT: Was haben Ihre Recherchen ergeben? Welche Rolle hat der Verein in diesen Jahren gespielt?

Kaiser: Leider keine rühmliche. Der Deutsche und der Österreichische Alpenverein waren damals ein länderübergreifender Verein. Von Österreich ausgehend, gab es früh eine starke antisemitische Strömung, die bald auch den deutschen Teil erfasste. Das hatte zur Folge, dass schon in den zwanziger Jahren vermehrt jüdische Mitglieder aus dem Verein ausgeschlossen wurden – zu dieser Zeit war das einmalig in Deutschland. Der Alpenverein hat da eine ungute Vorreiterrolle eingenommen.

ZEIT: Nach Ihrer Auffassung gehört auch das spartanische Leben auf den Berghütten in diesen Zusammenhang. Aber ist das nicht einfach eine normale, völlig unpolitische Bergsteigertradition? Die Lust am kargen Leben in karger Umgebung?

Kaiser: Natürlich, aber die Entscheidung, vereinsweit auf Hüttenkomfort zu verzichten, wurde ganz klar befördert durch diesen heroisch-nationalistischen Geist. Dem bequemen Leben wird die »Stählung des Körpers und die Erhebung des Geistes« entgegengesetzt – genau diese Haltung konnten dann die Nationalsozialisten für sich nutzen.

ZEIT: Haben Sie noch weitere Beispiele für solche ideologischen Vereinnahmungen?

Kaiser: Das extreme Bergsteigen, die Todesgefahr bei gleichzeitiger Todesverachtung, all das wurde von den Bergsteigern idealisiert – und von den Nationalsozialisten instrumentalisiert. Im Dokumentarfilm über die Nanga-Parbat-Expedition von 1934 sieht man, wie der verstorbene Bergsteiger Alfred Drexel in einer Hakenkreuzflagge beigesetzt wird. Die Texttafeln dazu lauten: »Gefallen für Deutschland« und »Der Kampf geht weiter«. Später empfing Hitler dann persönlich die Erstdurchsteiger der Eigernordwand.

ZEIT: Was geschah nach dem Zweiten Weltkrieg ?

Kaiser: Die Glorifizierung des Heroischen hielt sich bis in die sechziger Jahre. Erst eine junge Bergsteigergeneration, unter ihnen Reinhard Karl und Reinhold Messner , räumte damit auf. Im Mittelpunkt stehen heute das persönliche Erleben und die persönliche Leistung.

ZEIT: Haben Sie den Eindruck, dass beim Aufräumen etwas übersehen wurde?

Kaiser: Manches lebt sicher unreflektiert weiter. Mit unserer Ausstellung wollten wir einfach klarmachen, dass einige Bergsteigertraditionen nicht schon immer so gelebt wurden, sondern erst in den zwanziger Jahren entstanden sind, zusammen mit dem Nationalsozialismus. Für mich lautet eine Quintessenz: Man muss das wissen und in Zukunft schauen, dass man nicht einer Sache dient, der man nicht dienen möchte.

ZEIT: Sehen Besucher der Ausstellung das auch so?

Kaiser: Viele nehmen die Auseinandersetzung des Alpenvereins mit seiner Geschichte sehr positiv auf. Einige Reaktionen, insbesondere auf die historische Darstellung des Grußes »Berg Heil«, sind jedoch viel heftiger, als ich gedacht habe. Um es klar zu sagen: Uns ging es nie darum, etwas zu verbieten, sondern einen bewussteren Umgang mit der Vergangenheit zu fördern. Als Ausstellungsteam können wir nur den Blick für Zusammenhänge schärfen. Danach muss jeder für sich entscheiden, wie er damit umgeht. Und da gibt es sicher viele Lösungen.

ZEIT: Wie halten Sie es selbst?

ZEIT: Ich werde in Zukunft ganz persönlich und individuell grüßen, ohne festgelegte Formel.

Die Ausstellung »Berg Heil! Alpenverein und Bergsteigen 1918–1945« ist noch bis zum 21. Oktober im Alpinen Museum des DAV München zu sehen

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Leserkommentare
  1. Als Jugendlicher war ich im Angelverein. Am Wasser grüssten sich die Angler mit "Petri Heil". Beim Skifahren gab es den Ausdruck "Ski Heil". Mal ehrlich, wo ist hier ein Problem?

    6 Leserempfehlungen
  2. Wenn ich als Nichtchrist in den Bergen unterwegs bin, ist bei einer Begegnung in der Regel ein fröhliches "Grüß Gott" fällig. Für mich ist das gelebtes Brauchtum und das schätze ich sehr. Diese Redewendung wird auch überwiegend auf den Hütten des Deutschen und Österreichischen Alpenvereins gepflegt. Folgen dann etwas ernsthaftere Bergtouren, die mit gewissem Können und Mut verbunden sind und trifft man dann Gleichgesinnte im Hochgebirgs- und Gipfelbereich, dann ist es Tradition und auch Höflichkeit sich mit einem "Berg Heil" zu begrüßen. Es drückt auch den Respekt vor der bergsteigerischen Leistung des anderen wider und drückt weiter aus, dass man ihm eine glückliche Bergfahrt wünscht. In einer Zeit, wo vieles in der Anonymität versinkt, ist die Beachtung des Mitmenschen für mich eine ganz wichtige Angelegenheit. In fast 60 Jahren Bergsteigen ist mir noch nie in den Sinn gekommen, eine Verbindung zum "Heil Hitler" zu sehen. Hier hat sich eher der Nationalsozialismus bei netten Gepflogenheiten bedient. Das Dritte Reich ist unrühmliche Geschichte. Das Bergsteigen bleibt, was es immer war, eine sportliche Herausforderung und eine Erholung für die Seele in zauberhafter Natur. In diesem Sinne "Grüß Gott miteinander".

    8 Leserempfehlungen
  3. Das Wörtchen "Heil" war im frühen 20. Jahrhundert modern -- in vielen Zusammenhängen. Weil "Heil Hitler" inzwischen die best erinnerte Verwendung ist, überstrahlt diese alle anderen und bringt das Wörtchen nachträglich in Verruf.
    Das "Berg Heil" abzulehnen scheint mir daher etwas überzogen zu sein. Natürlich: Wer's nicht mag, kann's ja lassen. Hab's selbst auch nie verwendet, weil es nicht meiner Diktion entspricht.

    Wichtiger sind jedenfalls andere Lehren aus der Vereinsgeschichte:

    - von vornherein Ausgrenzung unterlassen und jeden, der möchte, im Verein willkommen zu heißen.
    Zumindest in "meiner" Sektion ist das gegeben, wenn auch tatsächlich wenige "Migranten" mitmachen.
    Die sieht man auch in den Bergen fast nie. (Die Gründe würden mich selbst interessieren.)

    - militaristische Anwandlungen hinterfragen, die sich symbolhaft in Wendungen wie "Eroberung des Berges" noch erhalten haben (als ob er ein Feind wäre), aber auch in Klettertechniken mit hohem Materialeinsatz ohne Rücksicht auf die Unversehrtheit der Natur ("Materialschlacht").
    Die ist inzwischen aber ohnehin in Verruf geraten.

    Daß jemand die als hüttentypisch empfundene Askese als Vorübung auf Kriegszeiten empfindet, diese Gefahr dürfte heute gering sein. Eher ist es eine willkommene Pause von der Überflußgesellschaft mit ihren zwingenden Sterilitätskonventionen. Wo keine ausreichende Waschgelegenheit ist, da darf man auch mal müffeln.
    Übrigens hat der Hüttenkomfort in den letzten Jahrzehnten stark zugenommen.

    2 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • th
    • 01. März 2012 19:46 Uhr

    Zitat:
    "Migranten" ... "Die sieht man auch in den Bergen fast nie. (Die Gründe würden mich selbst interessieren.)"

    Wen meinen Sie mit "Migranten" ("Wanderern")?
    Einwanderer und ihre Nachfahren?

    Man sieht es den meisten Einwanderern, sobald sie sich entsprechend gekleidet und ausgerüstet haben, doch gar nicht mehr an, woher sie stammen?

    Ich kenne welche, die sind vom Frühjahr bis in den Herbst so ca. jedes 2. Wochenende in den Bergen unterwegs.
    Aber wahrscheinlich haben diese "Migranten" Probleme mit bestimmten Aspekten des Vereinslebens ...

    • Vöbeo
    • 01. März 2012 19:42 Uhr

    Ja, deutsch wird auch noch gesprochen.
    Die faschistischen Kontinuitäten müssen endlich gebrochen werden.

    Erst, wenn alles Eigene zerstört ist, können wir glücklich und zufrieden leben.

    2 Leserempfehlungen
    • th
    • 01. März 2012 19:46 Uhr

    Zitat:
    "Migranten" ... "Die sieht man auch in den Bergen fast nie. (Die Gründe würden mich selbst interessieren.)"

    Wen meinen Sie mit "Migranten" ("Wanderern")?
    Einwanderer und ihre Nachfahren?

    Man sieht es den meisten Einwanderern, sobald sie sich entsprechend gekleidet und ausgerüstet haben, doch gar nicht mehr an, woher sie stammen?

    Ich kenne welche, die sind vom Frühjahr bis in den Herbst so ca. jedes 2. Wochenende in den Bergen unterwegs.
    Aber wahrscheinlich haben diese "Migranten" Probleme mit bestimmten Aspekten des Vereinslebens ...

    Antwort auf "Erbe im Alpenverein"
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Wer so integriert ist, daß er sogar zum Spaß in den Bergen rumläuft (was global betrachtet eher eine moderne "westliche" Angewohnheit sein dürfte) und mit "Grüß Gott" oder "Servus" einen Gruß erwidert, dessen auswärtige Herkunft bleibt der Zufallsbegegnung wahrscheinlich verborgen.

    Der wird aber auch gemeinhin nicht mehr als "Migrant" bezeichnet.

  4. 6. [...]

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf diskriminierende Beiträge. Die Redaktion/sc

  5. Wer so integriert ist, daß er sogar zum Spaß in den Bergen rumläuft (was global betrachtet eher eine moderne "westliche" Angewohnheit sein dürfte) und mit "Grüß Gott" oder "Servus" einen Gruß erwidert, dessen auswärtige Herkunft bleibt der Zufallsbegegnung wahrscheinlich verborgen.

    Der wird aber auch gemeinhin nicht mehr als "Migrant" bezeichnet.

    Antwort auf "Woher wissen Sie das?"
  6. Wenn mich jemand in den Zentral Alpen mit Berg heil grüßt, erwidere ich mit einem Freundlichen Grüß Gott.

    Mehr habe ich nicht zu diesem Thema nichts zusagen.

    2 Leserempfehlungen

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  • Schlagworte Berg | Dokumentarfilm | Museum | Reinhold Messner | Österreich | München
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