DIE ZEIT: Herr Feldstein, vor 15 Jahren schrieben Sie, der Euro könne einen Krieg in Europa verursachen. Fühlen Sie sich durch den Streit zwischen Deutschland und Griechenland bestätigt.

Martin Feldstein: Ich habe doch gar keinen Krieg vorhergesagt.

ZEIT: Wir zitieren: »Ein Krieg in Europa wäre abstoßend, aber nicht unmöglich.«

Feldstein: Meine Ausführungen waren an Helmut Kohl und andere gerichtet. Sie argumentierten, erst die Einführung des Euro werde die Gefahr eines Krieges endgültig bannen. Ich wies darauf hin, dass die USA jahrzehntelang eine gemeinsame Währung hatten, trotzdem kam es zum Bürgerkrieg. Meine These war, dass eine gemeinsame Währung keinen Krieg verhindert – dafür aber Konflikte zwischen den Mitgliedstaaten heraufbeschwört.

ZEIT: Was erwarten Sie also?

Feldstein:Griechenland und Deutschland werden keinen Krieg führen. Aber die Spannungen sind enorm . Viele der Sorgen, die wir bei der Unterzeichnung des Maastrichter Vertrags äußerten, stellen sich heute als berechtigt heraus. Die Idee, Länder zu vereinen, die ökonomisch so unterschiedlich sind, war einfach nicht gut.

ZEIT: Der Euro sollte die Völker Europas zusammenführen. War das naiv?

Feldstein: Ja. Manche glaubten, die Bürger würden sich schon als Europäer fühlen, nur weil sie Euros in der Tasche haben. Stimmt nicht. Wenn Sie Franzosen fragen, ob sie Franzosen sind oder Europäer, dann nehmen sie Ersteres. Politisch hat der Euro den Europäern wenig gebracht, ökonomisch hat er enorm geschadet.

ZEIT: Wie bitte? Währungskrisen gehören der Vergangenheit an. Früher gab es in Europa immer wieder Turbulenzen an den Devisenmärkten. Für die europäischen Firmen war das fatal.

Feldstein: Das war doch kein rein europäisches Problem. Wir hatten früher auf der ganzen Welt hohe Inflationsraten und enorme Wechselkursschwankungen. Das hörte auf, als alle Notenbanker die Vorteile stabilen Geldes erkannten – auch ohne Währungsunion. Die Schweiz , Schweden , Großbritannien , Israel , Mexiko , Brasilien : Sie alle habe eigene Währungen, trotzdem sind die Wechselkurse stabil.

ZEIT: Sie sagen also, der Euro gefährde die Einheit Europas ?

Feldstein: Zumindest hätten wir ohne ihn jetzt nicht diese zwischenstaatlichen Konflikte infolge der Krise . Denn es gäbe die Krise ja gar nicht.

ZEIT: Wie meinen Sie das?

Feldstein: Für die Finanzmärkte war die Einführung des Euro das Signal, in Griechenland , Spanien oder Italien zum selben Zinssatz Geld zu verleihen wie in Deutschland. Das führte zu einem Anstieg der Verschuldung in diesen Ländern. Der Euro hat viele der Probleme verursacht, die wir heute bekämpfen.

ZEIT: Aber Europas Regierungen arbeiten an der Lösung dieser Probleme. Der Fiskalpakt ist der Grundstein für eine neue Union .

Feldstein: Europa bewegt sich nicht auf eine echte politische Union zu. Die Amerikaner zahlen den Großteil ihrer Steuern an Washington , und sie bekommen den Großteil ihrer Transferleistungen von dort. In Europa ist nicht vorgesehen, die Zentrale mit so viel Macht auszustatten.

ZEIT: Kein Wunder. Europa ist eben noch kein Staat .

Feldstein: Aus ökonomischer Sicht ist eine einheitliche Finanzpolitik aber sehr wichtig. Die Zentralregierung könnte dadurch Schwankungen der Konjunktur und der Arbeitslosigkeit in den einzelnen Mitgliedsländern ausgleichen.