DIE ZEIT: Herr Kehlmann , es ist ein sehr ungewöhnlicher Vorgang, dass sich renommierte Schriftsteller, darunter Sie und die Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek , gegen einen Literaturkritiker stellen. Sie werfen dem Spiegel in einem offenen Brief vor, man habe die »Grenzen zwischen Kritik und Denunziation überschritten«. Weshalb haben Sie unterschrieben?

Daniel Kehlmann: Weil es hier um die Existenz eines Menschen geht.

ZEIT: Der Spiegel hat Kracht unterstellt, in Imperium rechtes Gedankengut zu verbreiten .

Kehlmann: Ich schätze den Spiegel- Autor Georg Diez sehr, der den Artikel gegen Kracht geschrieben hat. Aber so ein Vorwurf wiegt hierzulande außerordentlich schwer. Das kann regelrecht vernichten. Ich habe Krachts Roman Imperium , der mir sehr gut gefällt, eine Weile vor der Veröffentlichung gelesen und darin gar nichts weltanschaulich Bedenkliches gefunden. Vor allem verehre ich seinen frühen Roman Faserland . Es stimmt aber, Kracht ist in seinem Werk seit Langem von der Ästhetik totalitärer Systeme fasziniert.

ZEIT: Und das stört Sie nicht?

Kehlmann: Das stört mich nicht, aber ich verstehe, dass man das kritisieren kann. Man kann das aber nicht in der Form kritisieren, dass man Kracht zum neuen Sarrazin macht. Selbst wenn man ihn für weltanschaulich bedenklich hält, müsste man sehr genau überlegen, ob man einen Angriff an diesem Ort in dieser Größe vorbringen muss. Er handelt sich ja um keine kleine Literaturzeitschrift, sondern um das sogenannte »Sturmgeschütz der Demokratie«.

Roman von Christian Kracht - Radischs Lesetipp: "Imperium" Ein kokettes Spiel mit den Auswüchsen von Weltanschauungen: Christian Kracht erzählt in seinem Buch von einem Lebensreformer, der aus dem wilhelminischen Deutschland auf eine Insel flieht um Kokosnüsse anzubauen.

ZEIT: Wie kamen Sie so früh an das Buch?

Kehlmann: Kracht hat es mir über einen gemeinsamen Freund zukommen lassen.

ZEIT: Vielleicht haben Sie Imperium erhalten, weil darin zahlreiche Anspielungen auf Ihren Weltbestseller Die Vermessung der Welt enthalten sind? Letztlich erzählen beide Bücher von deutschen Ausgewanderten, hier finden wir den Naturerforscher Alexander von Humboldt , dort den Kokosnussverehrer August Engelhardt .

Kehlmann: Beide ziehen hinaus in die Welt, aus einem Überdruss an Deutschland. Die Bücher sind auch stilistisch ähnlich, es finden sich in beiden Romanen Gastauftritte historischer Figuren, mit vielen Parallelen in Atmosphäre und Tonfall. Aber so funktioniert eben Literatur. Ich glaube, Kracht war von der Vermessung beeinflusst. Ich war bei der Vermessung stark vom amerikanischen Schriftsteller E. L. Doctorow beeinflusst. Doctorow wiederum von Kleist.

ZEIT: Beide Romane enden in gewisser Weise mit dem US-amerikanischen Imperium. Einer Ihrer Protagonisten macht sich auf den verheißungsvollen Weg in die neue Welt. Engelhardt wird nach Ende des Zweiten Weltkriegs von den Amerikanern als Kuriosum aufgelesen. Kann man sagen, dass bei Ihnen Amerika als Freiheitsversprechen fungiert und bei Kracht als düstere Coca-Cola-Weltmacht?

Kehlmann: Das sehe ich auch so. Beide Romane haben stark satirische Züge. Aber Die Vermessung der Welt nimmt das amerikanische Freiheitsversprechen ernst, während es in Imperium ganz ins Zynische gewendet ist.