Klimaszenarien : "Wir stehen vor einem Zielkonflikt"

Ein neues Klimamodell zeigt: Die Erderwärmung ließe sich noch auf zwei Grad begrenzen. Aber nur mit Atomkraft? Ein Gespräch mit dem Klimaforscher Jochem Marotzke über Risiken und Gewissheiten

DIE ZEIT: Sie stellen heute in Hamburg neue Modellrechnungen zum Klima der Zukunft vor, die zeigen: Das berühmte Zwei-Grad-Ziel zu erreichen ist möglich. Wie soll das gehen?

Jochem Marotzke: Tatsächlich haben wir mit unserem neuen Modell zum ersten Mal die Möglichkeit, zu diagnostizieren, wie viel Treibhausgas-Ausstoß sich mit diesem Ziel verträgt. Bislang war ja unklar, ob es überhaupt zu schaffen ist, die Erderwärmung auf plus zwei Grad Celsius bis 2100 zu begrenzen. Im letzten Bericht des Weltklimarats IPCC etwa prognostizierte das optimistischste Szenario noch ein Plus von mindestens 3 Grad. Allerdings berücksichtigte das weder den globalen Kohlenstoffkreislauf noch etwaige Klimaschutzmaßnahmen. Beides haben wir jetzt mitsimuliert, und es zeigt sich: Würde der CO 2 -Ausstoß 2020 sein Maximum erreichen und bis zum Ende des Jahrhunderts auf ein Zehntel der Menge von 2000 fallen, ist das Zwei-Grad-Ziel erreichbar – theoretisch.

ZEIT: Ist das nicht sehr illusorisch?

Marotzke: Ich habe auch große Zweifel, ob das politisch machbar ist. Wir sagen ja auch gar nicht, dass man das Ziel unbedingt anstreben sollte. Aber zumindest vom Klimageschehen her wäre es möglich.

Neues Klimamodell simuliert Erderwärmung bis 2100 Zwei Szenarien beschreiben den globalen Temperaturanstieg in diesem Jahrhundert. Die optimistische Berechnung zeigt, dass das Zwei-Grad-Ziel theoretisch noch möglich ist.

ZEIT: Sie halten sich mit politischen Aussagen sehr zurück. Das tun nicht alle Klimaforscher. Manche werben geradezu missionarisch für eine bestimmte Klimapolitik . Gehört das noch zur Pflicht eines Wissenschaftlers?

Marotzke: Ich sehe es eher als Grenzüberschreitung. Natürlich kann Politikberatung gut sein. Sir David King etwa, der Wissenschaftsberater der britischen Regierung, hat das sehr gut gemacht. Nur dürfen solche Leute nicht mehr so tun, als forschten sie noch unabhängig. Sie arbeiten dann einfach nicht mehr ergebnisoffen.

ZEIT: Gibt es Ergebnisoffenheit überhaupt?

Jochem Marotzke

Marotzke: Natürlich wollen wir alle unsere Theorien bestätigt sehen, doch gute Forscher wissen damit umzugehen. Wenn allerdings noch ein politischer Drive hinzukommt, wird es umso schwieriger, selbstkritisch zu bleiben.

ZEIT: Der Vorwurf, dass manche seiner Aussagen politisch motiviert seien, wird auch dem Weltklimarat gemacht. Ändert sich die öffentliche Wahrnehmung der Klimaforschung?

Marotzke: Ja, die E-Mail-Affäre Climategate und das Bekanntwerden einiger Fehler im IPCC-Bericht haben die Glaubwürdigkeit angekratzt. Wir wissen zwar alle, wie wenig substanzielle Fehler insgesamt im IPCC-Bericht stehen, aber der Umgang des Weltklimarats mit den Vorwürfen war nicht gerade toll. Vielleicht wirkt das Ganze aber auch heilsam: Denn es ist uns Klimaforschern wieder einmal klar geworden, wie vorsichtig und präzise wir mit unseren Aussagen sein müssen.

Der Weltklimarat liegt richtig: Klicken Sie auf das Bild, um die Grafik zu vergrößern. © ZEIT-Grafik

ZEIT: Stichwort Präzision: Weltweit gibt es rund zwei Dutzend verschiedener Klimamodelle. Ihre Resultate unterscheiden sich teils stark. Welchem soll man da glauben?

Marotzke: Unter diesen 20 bis 25 Forschergruppen treiben sechs den größten Aufwand und genießen das höchste Ansehen. Dazu gehören auch wir. Alle Modelle zeigen: Es wird im 21. Jahrhundert deutlich wärmer, die Unterschiede liegen eher im Detail.

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Kommentare

58 Kommentare Seite 1 von 8 Kommentieren

Der Atomausstieg hat eine ideologische Grundlage

"ZEIT: Sie propagieren also die Kernkraft?
Marotzke: Eben nicht! Ich werde als Klimaforscher den Teufel tun, irgendwelche Empfehlungen zur Energiepolitik abzugeben. Ich sage nur: Wir stehen vor einem Zielkonflikt. Beides, das Zwei-Grad-Ziel einzuhalten und aus der Kernkraft auszusteigen, scheint nicht möglich zu sein."
Man spürt förmlich, wie der Interviewpartner vor so einer "ungeheuerlichen" Anschuldigung zurückzuckt.
Gegen Atomenergie zu sein gehört längst zur moralischen Grundausstattung in Deutschland. Angela Merkel kann als Naturwissenschaftlerin gar keine andere Meinung haben als die, dass Fukushima mit seinen bisher null Todesopfern gerade im Licht des Klimawandels nichts daran geändert hat, dass man mittels Nutzung der Kernenergie zusammen mit erneuerbaren Energien den CO2-Ausstoß am einfachsten senken kann. Sie hat nur so reagiert wie auch der Gesprächspartner. Die Kernenergie war in der aufgeheizten deutschen Debatte, angeführt durch die Grünen, nicht mehr zu halten. Wenn es stimmt, dass der Klimawandel gewaltige Opfer fordern wird, ist der Atomausstieg viel eher eine Untat als der Betrieb von AKW's.

verschiedene Lobbygruppen behindern aktiv Klimaschutzprozesse

ein ganz wichtiger Baustein in der Debatte ist darin zu sehen, dass die Lobby verschiedener Techniken seit Jahren einen Wandel TORPEDIERT. Die Autolobby bspw. verhindert seit 10 Jahren den Durchbruch der Elektroautos (es gab da mal ein Frontal21-Spezial dazu) - weil ein vw polo 900 bewegliche teile hat und ein e-car 12. da kann einfach nix dran kaputt gehen. genauso bauen die big4 des stromindustrie lieber riesige freileitungen durch ganz deutschland, als in die erforschung von speichern zu investieren (methan, wasserstoff). hier wäre die politik mal ganz massiv gefragt - aber die tut wie so oft leider nix.

Es gibt nicht DIE Lobby

Das ist ebenso unsachlich und falsch.
Tatsache ist, dass sich an der Theorie des anthropogenen Klimawandels ebenso gut Geld verdienen lässt wie an Theorien die dagegen sprechen.

Auf der einen Seite haben wir die Atomlobby, die Energielobby sowie die Fossillobby, die Autolobby usw usf.

Auf der anderen Seite aber haben wir die Finanzlobby, die Umweltschützerlobby, die Schwellen/Entwicklungsländerlobby und die ganze NPO/NGO-Lobby. In Deutschland vor allem involviert sind Deutsche Bank und Münchner Rück (aka Munich Re)

Und nun sagen sie mir einmal wo der Unterschied liegen soll?
Das über die einen weniger berichtet wird ist natürlich bedauerlich aber Aufgabe des Journalismus...dem er offensichtlich nicht nachkommt.

Autolobby

Ja ja, die Autoindustrie ist der tolle Heilsbringer.

So ein Quatsch, die Herrschaften produzieren energieverschwendende Fahrzeuge in immer größerem Stil. Größer, stärker, schneller. Neben dem Flugzeug ist das Auto eine der dümmsten Erfindungen der Menschheit. Wenn ich mir nur überlege, dass ein 75kg Mensch mittels 1500kg Blech und Plastik durch die Gegend rast, hirnloser geht es ja kaum.

Warten wir mal noch 10-20 Jahre, dann werden die meisten so denken (müssen).

[Überschrift täuscht] - Herr Marotzke wird noch staunen!

@Redaktion: Sie greifen, da eine kurze Aussage aus dem Interview raus und machen es zum Hauptpunkt. -> Hat mich zwar zum lesen verführt, finde ich aber doch bedenklich.

@Marotzke
Sie werde noch Bauklötze stauen was wir – die junge Generation – ohne Kernenergie einsparen können! Machen Sie doch mit! Fahren sie mehr Rad und Bahn, gleichen sie den CO2 Ausstoß Ihre Urlaube aus, schalten Sie Ihr WLAN nachts ab und essen Sie weniger Fleisch (Methan).

Bauen Sie doch mal in Ihre Modelle ein diese Änderungen im Lebensstil der Menschen ein! Wäre gespannt, ob dass was ändert.

CO²-Reduzierung

Wie wäre es denn, den Vorschlägen von Karl-Heinz Tetzlaff zu folgen, der vorschlägt, eine Bio-Wasserstoffwirtschaft auf der Nutzung von speziell gezüchteten Energiepflanzen aufzubauen? Das mittels Steam-Reforming als Nebenprodukt erzeugte reine CO² (neben dem energetisch nutzbaren H²)könnte dann in Kavernen eingelagert werden und so, weltweit durchgeführt, den Anstieg des CO²-Gehalt in der Atmosphäre wieder rückgängig machen