Der wahre Prediger braucht zum Predigen keine Kanzel. Denn er steht auf keinem höheren Standpunkt als seine Gemeinde, er beugt sich aber auch nicht huldvoll herab. Wer Joachim Gauck jemals live in Aktion erlebt hat, wie er den Deutschen die Freiheit verkündet, der kann bezeugen, dass der politische Erfolg dieses Pfarrers auch auf seiner Fähigkeit beruht, in der Wüste zu predigen. Das war in den letzten Jahren sein Ort: der Konferenzsaal, das Vereinshaus, das Foyer, die Firmenzentrale und, ja, manchmal auch die Theaterbühne oder das Kirchenschiff. Er selber bezeichnete sich einmal als Handlungsreisender in Sachen Freiheit. Tatsächlich ist er ein Demokratieprediger, der am liebsten auf flachem Podest steht.

»Kinder, lasst uns erst mal was singen«, sagte er statt einer Begrüßung zu den mehreren Tausend Zuhörern in Dresdens größter Messehalle. Es war auf dem Evangelischen Kirchentag im letzten Sommer, und auch wenn auf solchen Veranstaltungen dauernd gesungen wird, erwartete man von dem Promiprotestanten Gauck natürlich die große staatstragende Rede. Die Kanzlerin im Saal nebenan forderte schließlich auch niemanden zum Singen auf. Doch Gauck wollte seine »Bibelarbeit«, die Auslegung eines Verses aus der Heiligen Schrift, nicht pfarrherrlich dekretieren, sondern gleich klarstellen: Liebe Leute, ich bin hier nicht der Wahrheithaber. Auch wenn ich als Redner geladen wurde, halte ich hier keinen Monolog.

Der Präsident soll uns nicht an die eigene Gewöhnlichkeit erinnern

Das gehört zu Gaucks besonderer Sprachfähigkeit: Er weiß, wie schwierig es ist, in einer herausgehobenen Position gleichberechtigt von Bürger zu Bürger zu sprechen. Die klassische Aufgabe des Pastors, die autoritäre Wort-Gottes-Auslegung, vergrößert diese Schwierigkeit noch. Wahrscheinlich war ihm das bewusst, als er vor der Dresdner Rede so nebenbei sagte, er sei »das eigentliche Predigen« gar nicht mehr gewohnt und habe mit dieser Bibelarbeit ziemlich gekämpft. Gern hätte er viel mehr Zeit investiert. Aber er war, wie immer, auf der Durchreise von Konferenz zu Konferenz, hatte seine Rede (die am Ende Begeisterungsstürme auslösen sollte) die Nacht durch bis vier Uhr früh fertig gefeilt. Man darf sich den Wanderprediger Gauck ja nicht inmitten einer redenschreibenden Referentenschar vorstellen. Bis letzten Sonntag hatte er nicht einmal eine eigene Sekretärin. Als wir ihn in Dresden auf dem Weg zur Messehalle zufällig trafen, da war er allein unterwegs, und am Eingang versperrten ihm zwei jugendliche Ordner den Weg (die Halle sei überfüllt), bis jemand rief: Das ist doch Joachim Gauck!

Ja, aber wer ist dieser Theologe Gauck, der auch die Atheisten für sich zu gewinnen vermag? Wieso erscheint ein gelernter Pastor plötzlich besonders geeignet, das höchste Amt eines säkularen Staates zu bekleiden? Und war es Zufall, dass auch der Bischof a. D. Wolfgang Huber als vielversprechender Kandidat genannt wurde? Anders gefragt: Wie kommt es, dass einerseits die Kirchen über leere Gottesdienste klagen und andererseits alle Herzen einem Prediger zufliegen?

»Wir suchen jetzt Züge des Andersseins «, glaubt der Katholik Wolfgang Thierse . »Nachdem der letzte Bundespräsident das Amt fast kaputtgewirtschaftet hat, ist die Not besonders groß, jemanden zu finden, der auf eine ganz andere Art Glaubwürdigkeit, Überzeugungskraft und moralische Integrität ausstrahlt.« Dass mit Gauck nun ein vorzüglicher Redner auf einen durchschnittlichen Redner folgt, ist für Thierse nicht das Entscheidende. Wichtiger sei das christliche »Reservoir« der Normen und Maßstäbe, aus dem der Redner schöpfe. Wieso aber entsteht kein Widerspruch zwischen Christentum und demokratischer Politik für die Nichtchristen? »Wieso sollte da ein Widerspruch sein? Den gab es vor hundert oder zweihundert Jahren mit Gewissheit. Inzwischen sind christliche Grundüberzeugungen jedoch Inhalt einer gemeinsamen säkularen Zivilreligion geworden, die unsere Demokratie grundiert.«

 Präsidiale Glaubwürdigkeit heißt nicht Unfehlbarkeit

Wenn Thierse recht hat, dann ist Gauck der geniale Übersetzer, der christliche Traditionen für die profane zivilreligiöse Debatte fruchtbar macht. »Unsere heutige Vorstellung von Menschenwürde fußt ja auf der Idee von der Geschöpflichkeit und Gottesebenbildlichkeit des Menschen. Die Gleichheit aller Menschen vor Gott passt zur gleichen Würde aller Menschen.« Deshalb sei es für ihn selbst, sagt Thierse, auch kein Problem, zugleich Christ und Politiker zu sein. »Wir haben in Deutschland die Trennung von Kirche und Staat, aber nicht die Trennung von Religion und Politik – nur deren Unterscheidung. Die beiden Sphären haben sich ausdifferenziert, aber es gibt Zusammenhänge zwischen ihnen, und diese Zusammenhänge werden von den Menschen gelebt.« Gaucks Religiosität kann seinem politischen Reden eine geschichtliche Dimension verleihen. »Ohne Geschichte aber gibt es kein Pathos der Freiheit. Und ohne dieses Pathos gibt es kein Bundespräsidentenamt.« Denn auch eine säkulare und plurale Gesellschaft komme nicht ohne gemeinsame Überzeugungen aus. Wieso diese anhaltende Zustimmung zu Gauck? »Doch nicht weil er nichts sagt, was anstößig wäre, sondern genau weil er anstößig und kantig ist.« Das Verheerende an der Wulff-Affäre sei gewesen, dass sie die gesamte politische Klasse in Verdacht gezogen habe: Die bescheißen doch alle! So sind die halt! »Nein, so sind wir eben nicht alle. Wir wollen einen Präsidenten, der nicht so gemein ist, wie wir gern voneinander denken. Wir wollen auf ihn schauen, ohne dauernd an die eigene Gewöhnlichkeit denken zu müssen. Die Bürger haben das legitime Bedürfnis nach Politikern, denen man glauben kann.«

Geht es jetzt also darum, einen Heiligen für Schloss Bellevue zu finden? Nein. Präsidiale Glaubwürdigkeit heißt nicht Unfehlbarkeit, sondern nur, dass der Präsident Überzeugungen hat, die nicht von einer Partei geborgt sind, dass er an etwas glaubt, ohne dogmatisch zu sein, und, nun ja, dass er selber zu denken wagt. Der Rostocker Theologieprofessor Thomas Klie, dessen Fakultät dem jetzigen Präsidentschaftskandidaten 1999 die Ehrendoktorwürde verlieh, schätzt vor allem Gaucks Geistesgegenwart: »Geistesgegenwart ist eine Kernkompetenz des Predigers. Es ist die Gegenwart des Geistes in seiner Zeit. Es ist die Fähigkeit, die Zeichen der Zeit zu lesen und daraufhin das Richtige zur richtigen Zeit zu tun. Wir Theologen nennen es auch den Kairos.« Deshalb hat die Universität den gebürtigen Rostocker Gauck im vergangenen Jahr eingeladen, eine Gesprächsreihe zu eröffnen über das Thema Vertrauen – und wie man es wiedergewinnt. Vertrauenswürdig sei dieser Redner auch deshalb, weil er sich immer wieder auf Konflikte eingelassen habe: mit kulturprotestantischer Beharrlichkeit, weltoffenem Konservatismus und mecklenburgischer Dickköpfigkeit.

Wer die Demokratie erstreiten musste, kann euphorisch davon reden

Gaucks intellektuelle Brillanz erzeugt natürlich auch Abwehr. »Populär ist heute das unmittelbar Eingängige«, sagt Klie, »provozierend ist das Komplexe. Deshalb gibt es so wenig intellektuelle Redner im Bundestag. Gauck dagegen kann pointierte Aussagen über die komplexe Wirklichkeit machen, ohne in Politsprech zu verfallen. Er kann predigen, ohne abzukanzeln und zu salbadern. Seine Predigt ist immer säkulare Rede, weil sie sich im Säkulum am Aeternum orientiert.« Will sagen: Der Pastor betrachtet die Gegenwart vor dem Horizont der Ewigkeit. »Aber er haut den Leuten nicht seinen Glauben um die Ohren. Seine Predigt ist eine freie Offerte an alle.« Diese theologische Freiheit ist ein Erbe aus DDR-Zeiten, als das Christentum nicht mehr das Selbstverständliche war. Sie könnte auch jetzt wieder nützlich sein, wenn wir uns in wirtschaftlichen Krisenzeiten auf moralische Maßstäbe unseres Handelns einigen wollen.

»Den Leuten ist es erst mal egal, aus welcher Kraft heraus Joachim Gauck spricht«, sagt die Kulturbeauftragte der Evangelischen Kirche in Deutschland, Petra Bahr. »Sie merken, dass sein Plädoyer für die Freiheit durch eine innere Freiheit beglaubigt ist. Deshalb strahlt er Authentizität aus.« Die Sehnsucht nach Authentizität ist in einer Mediendemokratie allerdings nicht unproblematisch. »Denn das vermeintlich Authentische wird ja permanent inszeniert.« Das werde eine Herausforderung für Gauck. »Er erweitert den Raum des Politischen und nimmt uns alle in Anspruch. Er entfesselt in seinen Reden die Demokratie als etwas, was alle betrifft. Vielleicht ist er darin noch am ehesten als protestantischer Pfarrer erkennbar, dass er nicht wie ein säkularer Priester das Heil repräsentiert, sondern die Gemeinde zum Handeln und Selberdenken bewegt.« Angst vor einem leicht pastoralen Ton in der Politik habe sie nicht, sagt Bahr. »Ein Korrektiv zum Technokratendeutsch ist eine gute Predigt allemal. Pastoral ist nicht Besserwisserei, sondern Ermutigung zur Mündigkeit, die für Überzeugungen etwas riskiert, dem Pastor auch mal kräftig widerspricht und anders mit dem Scheitern umgehen kann.«

 Durch seine Sprache öffnet er Räume

Für den Bürgerrechtler Tom Sello gehört zum Scheiternlernen auch der kritische Umgang eines Bundespräsidenten mit der eigenen Lebensleistung. Das jedenfalls wünscht er sich von Joachim Gauck. »Er könnte zum Beispiel in der Rückschau die Fehler der Bundesbehörde für die Stasi-Unterlagen während seiner Amtszeit einräumen. Die Beschäftigung von Stasi-Offizieren oder die mangelnde Einbeziehung der Opfer oder die übermäßige Schwärzung relevanter Akten. Das würde seine große Leistung für die Geschichtsaufarbeitung kein bisschen schmälern.« Sello, der in der Berliner Havemann-Gesellschaft arbeitet, befürchtet, dass der neue Kandidat erst unreflektiert als Widerständler hochgejubelt und dann demontiert wird. Er wünscht sich, dass das wirklich Hoffnungsvolle an Gaucks Kandidatur ohne Übertreibungen gewürdigt wird. »Er bringt ja nicht nur seine Erfahrungen aus dem Pfarramt, sondern auch aus der ersten frei gewählten Volkskammer der DDR mit. Damals haben wir Demokratie eingeübt. Und Joachim Gauck sorgte im Streit um die Stasi-Akten mit dafür, dass die Vergangenheit nicht weggeschlossen wurde, wie es viele Politiker in Ost und West wollten. Er hat die Aufklärung verteidigt gegen alle Unkenrufe.« Deshalb sei schließlich auch der wahre Schatz, der in den Akten verborgen war, zutage getreten: dass es Menschen gab, die unter Druck widerstanden und niemanden verrieten.

Der Theologe Ehrhart Neubert , der auch zur DDR-Opposition gehörte und später das Standardwerk Unsere Revolution schrieb, nennt das »gelebte Freiheitserfahrung«. Sie mache die Stärke des Präsidentschaftskandidaten aus, denn sie treffe auf unser aller Sehnsucht nach einer Begründung von Freiheit. Weil Joachim Gauck die Freiheit als Geschenk erlebt habe, könne er überzeugend davon reden. »Die Leute spüren, dass hier Wort und Tat übereinstimmen, deshalb stört sie auch nicht die religiöse Überzeugung, die sie vielleicht nicht teilen.« Gaucks Stärke als Redner sei übrigens nicht der Predigtton, sondern dass man in seinen Reden den Kirchenmann kaum höre. »Er hält nicht jedes Mal eine fromme missionarische Rede, sondern das Religiöse bleibt implizit. Zum Beispiel die Forderung, Verantwortung für die Mitmenschen zu übernehmen. Das ist eine zentrale Essenz christlicher Ethik. Da lockt er seine Zuhörer hin.«

Die Theologie sei ja überhaupt ein großes Sprachspiel. »Joachim Gauck ist nicht einfach ein guter Rhetoriker, sondern er ermöglicht Verstehen, Übereinstimmung, kritische Solidarität.« Er öffne durch seine Sprache Räume und sei sich zugleich bewusst, welchen Schaden Sprache anrichten könne. Gegen die Versuchung des Sprachkünstlers, demagogisch zu werden, sei er gewappnet, denn er habe die Demagogen ja selbst lange genug erlebt.

Müssen wir uns also nicht fürchten vor einer feindlichen Übernahme durch die evangelische Kirche? Vor einem »Bundespastorat« Gauck, wie es böse Zungen prophezeien? Ehrhart Neubert sagt, er bleibe da ganz gelassen, zumal die Befürchtung sich schon 1989 nicht bewahrheitet habe. Damals titelte die taz: Wird die DDR eine Pastorenrepublik? »Vielleicht kann die christlich tradierte Rede aber helfen gegen eine sinnentleerte Funktionärssprache, die sich in der Politik eingebürgert hat. Und gewiss kann ein Kirchenmann das ethische Verantwortungsgefühl der Politiker stärken. Insofern schadet es auch nicht, wenn Joachim Gauck ein Bundespastorat eröffnet.«