BundespräsidentStellvertreter auf Erden

Der Freiheitsprediger und ehemalige Pastor Joachim Gauck überzeugt auch Atheisten. Was ist sein Geheimnis? von 

Joachim Gauck (Archivbild)

Joachim Gauck (Archivbild)  |  © Johannes Eisele/AFP/Getty Images

Der wahre Prediger braucht zum Predigen keine Kanzel. Denn er steht auf keinem höheren Standpunkt als seine Gemeinde, er beugt sich aber auch nicht huldvoll herab. Wer Joachim Gauck jemals live in Aktion erlebt hat, wie er den Deutschen die Freiheit verkündet, der kann bezeugen, dass der politische Erfolg dieses Pfarrers auch auf seiner Fähigkeit beruht, in der Wüste zu predigen. Das war in den letzten Jahren sein Ort: der Konferenzsaal, das Vereinshaus, das Foyer, die Firmenzentrale und, ja, manchmal auch die Theaterbühne oder das Kirchenschiff. Er selber bezeichnete sich einmal als Handlungsreisender in Sachen Freiheit. Tatsächlich ist er ein Demokratieprediger, der am liebsten auf flachem Podest steht.

»Kinder, lasst uns erst mal was singen«, sagte er statt einer Begrüßung zu den mehreren Tausend Zuhörern in Dresdens größter Messehalle. Es war auf dem Evangelischen Kirchentag im letzten Sommer, und auch wenn auf solchen Veranstaltungen dauernd gesungen wird, erwartete man von dem Promiprotestanten Gauck natürlich die große staatstragende Rede. Die Kanzlerin im Saal nebenan forderte schließlich auch niemanden zum Singen auf. Doch Gauck wollte seine »Bibelarbeit«, die Auslegung eines Verses aus der Heiligen Schrift, nicht pfarrherrlich dekretieren, sondern gleich klarstellen: Liebe Leute, ich bin hier nicht der Wahrheithaber. Auch wenn ich als Redner geladen wurde, halte ich hier keinen Monolog.

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Der Präsident soll uns nicht an die eigene Gewöhnlichkeit erinnern

Das gehört zu Gaucks besonderer Sprachfähigkeit: Er weiß, wie schwierig es ist, in einer herausgehobenen Position gleichberechtigt von Bürger zu Bürger zu sprechen. Die klassische Aufgabe des Pastors, die autoritäre Wort-Gottes-Auslegung, vergrößert diese Schwierigkeit noch. Wahrscheinlich war ihm das bewusst, als er vor der Dresdner Rede so nebenbei sagte, er sei »das eigentliche Predigen« gar nicht mehr gewohnt und habe mit dieser Bibelarbeit ziemlich gekämpft. Gern hätte er viel mehr Zeit investiert. Aber er war, wie immer, auf der Durchreise von Konferenz zu Konferenz, hatte seine Rede (die am Ende Begeisterungsstürme auslösen sollte) die Nacht durch bis vier Uhr früh fertig gefeilt. Man darf sich den Wanderprediger Gauck ja nicht inmitten einer redenschreibenden Referentenschar vorstellen. Bis letzten Sonntag hatte er nicht einmal eine eigene Sekretärin. Als wir ihn in Dresden auf dem Weg zur Messehalle zufällig trafen, da war er allein unterwegs, und am Eingang versperrten ihm zwei jugendliche Ordner den Weg (die Halle sei überfüllt), bis jemand rief: Das ist doch Joachim Gauck!

Ja, aber wer ist dieser Theologe Gauck, der auch die Atheisten für sich zu gewinnen vermag? Wieso erscheint ein gelernter Pastor plötzlich besonders geeignet, das höchste Amt eines säkularen Staates zu bekleiden? Und war es Zufall, dass auch der Bischof a. D. Wolfgang Huber als vielversprechender Kandidat genannt wurde? Anders gefragt: Wie kommt es, dass einerseits die Kirchen über leere Gottesdienste klagen und andererseits alle Herzen einem Prediger zufliegen?

»Wir suchen jetzt Züge des Andersseins «, glaubt der Katholik Wolfgang Thierse . »Nachdem der letzte Bundespräsident das Amt fast kaputtgewirtschaftet hat, ist die Not besonders groß, jemanden zu finden, der auf eine ganz andere Art Glaubwürdigkeit, Überzeugungskraft und moralische Integrität ausstrahlt.« Dass mit Gauck nun ein vorzüglicher Redner auf einen durchschnittlichen Redner folgt, ist für Thierse nicht das Entscheidende. Wichtiger sei das christliche »Reservoir« der Normen und Maßstäbe, aus dem der Redner schöpfe. Wieso aber entsteht kein Widerspruch zwischen Christentum und demokratischer Politik für die Nichtchristen? »Wieso sollte da ein Widerspruch sein? Den gab es vor hundert oder zweihundert Jahren mit Gewissheit. Inzwischen sind christliche Grundüberzeugungen jedoch Inhalt einer gemeinsamen säkularen Zivilreligion geworden, die unsere Demokratie grundiert.«

Leserkommentare
    • zenobit
    • 26. Februar 2012 20:02 Uhr

    wie wir Gauck wieder loswerden können, schliesslich haben den ja gleich 4 Parteien aufgestellt. Künftige Koalitionen können ihm eine erneute Aufstellung ja nur schwer verwehren.

    Da hilft nur eine absolute Mehrheit dür Die Linke ;)

  1. 50. [...]

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  2. für diesen erzkonservativen Neoliberalen Joachim Gauck nervt nicht nur, sie wirkt mittlerweile richtig abstoßend.

    Antwort auf "Liebe ZEIT"
  3. 52. [...]

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    Antwort auf "Satirarealis....,"
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    mit Kim Jong Un. Ich habe gesucht und gefunden:

    http://joachimgaucklookin...

    Wenn es stimmt, dass Geschichte immer zweimal stattfindet, einmal als Drama und dann die Wiederholung als Farce: ist das, was aus o.a. Artikel (und ähnlichen) so überdeutlich hervor springt, die Wiederholung des Bismarck'schen Kulturkampfes?

    • Luise20
    • 26. Februar 2012 20:24 Uhr

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  4. 53. [...]

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    Antwort auf "[...]"
  5. 54. [...]

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    Antwort auf "Liebe ZEIT"
  6. halbschattig, dämonisch, vielleicht teuflisch oder faustisch...das wird bestimmt legendär

  7. Der neue Bundespräsident ist noch gar nicht gewählt, da fangen schon wieder alle an, ihn zu zerpflücken. In sämtlichen Foren wird er, meist wenig sachlich, diffamiert und beschimpft, DIE ZEIT wird als heuchlerisch bezeichnet, weil sie einige eher positiv gewichtete Artikel über diesen Mann verfasst hat. Seine Aussagen zu Sarrazin und occupy werden, ohne Kontext und damit sinnentfremdet, bis zum Erbrechen zitiert, das Wahlverfahren des Bundespräsidenten wird als undemokratisch dargestellt!

    Es gibt ein altes arabisches Sprichwort, welches besagt: "Wenn es den Menschen zu gut geht, beginnen sie zu klagen". Es bewahrheitet sich gerade erneut. Gauck hat sich in seinem Leben als Mensch ausgezeichnet, der gegen Diktatur und Opportunismus und für die Demokratie kämpft. Auch der ständige Hinweis, er würde zu viel in die Vergangenheit blicken, ist nicht gerechtfertigt. Als künftiger Bundespräsident soll er sich nicht um Tagespolitik kümmern, sondern mehr vielmehr Denkanstöße zur allgemeinen Struktur des Landes geben. Will man diese verstehen, muss man die Vergangenheit betrachten. Gauck hat nie die komplett abwegigen Thesen von Sarrazin unterstützt, er fand es lediglich richtig, dass Probleme angesprochen werden. Auch seine Kritik an occupy halte ich für gerechtfertigt, obwohl ich der Meinung bin, dass der Kapitalismus gegenwärtiger Ausprägung überwunden werden muss. occupy jedoch ist viel zu vage, um etwas verändern zu können. Gauck ist ein sehr geeigneter Kandidat!

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    es wäre von vorteil, wenn dein kommentar auch beispiele für den kämpfer gauck aufzählt. nach lage der dinge fand der bürgerrechtler gauck in der ddr nicht statt. weder gehörte er irgendeiner bürgerbewegung an, noch war er anlaufstelle für politisch anders denkende.
    auch für dich mal die meinung eines insiders, herrn distel, der nicht nur die bürgerbewegung kannte, sondern als letzter innenminister auch stasiunterlagen.
    http://www.freitag.de/pol...

    Die Medien sind doch voll von sachlichen Artikeln über Gauck. Da wird sachlich positiv berichtet, bis sich die Balken biegen.

    Achso, das verwundert Sie nicht? Auch nicht, warum Gauck vor zwei Jahren gerade nicht gewählt wurde?

    "Seine Aussagen zu Sarrazin und occupy werden, ohne Kontext und damit sinnentfremdet, bis zum Erbrechen zitiert"

    Das ist doch Unsinn, welche Medien bitte propagieren dies?

    Die Aussagen waren übrigens etwa so: Sarrazin hätte auch gewichtige Punkte angesprochen mit hervorzuhebendem Mut zur Ehrlichkeit, ohne dass er dabei allerdings herausgearbeitet hätte, welches nun die guten Argumente sein sollen. Zu Occupy und Bürgerbewegung gegen Hartz IV läßt er verlautbaren, diese seien es unwert "Montagsdemonstrationen" genannt zu werden, die Akteure ohnehin "albern", "geschichtsvergessen" und "Sozialromantiker".
    Selbst wenn aus dem Kontext gerissen, sind die letzten 3 Wortschöpfungen schon allein Grund genug sich aufzuregen, weil allein die Wortwahl jeglicher Respekt vor dem Gegenüber vermissen läßt.

    Gauck ist ein Dinosaurier. Er hat die Zeitenwende durch den Einzug des Internets verpasst. Web 2.0 dient - wie bei den meisten Politikern - nur als Vehikel der eigenen Meinung, nicht aber zum Diskurs. Die Demokratie bleibt repräsentativ, aber wird nicht demokratisch.

    Kann man gut finden, muss man aber nicht. Was ja- wie sie sagen die Komentatoren - nahelegen.

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