Bei der Berlinale tut man alles dafür, nicht zu spät in den Kinosaal zu kommen, weil man sonst den Festival-Vorspann verpassen würde. Es ist nicht leicht zu beschreiben, warum dieser Vorspann so etwas Feierliches hat. Er ist unterlegt mit einer minimalistischen, coolen Musik, deren Beat an Tempo zulegt, während die Sponsoren eingeblendet werden, bevor es dann heißt: »Das Festival präsentiert«. Eigentlich ein banaler Vorgang, aber erhebend.

Sind nicht die Ressourcen an Empathie begrenzt, um sich auf Kindersoldaten in Afrika einzulassen, wo man eben noch in die – übrigens ziemlich bourgeoisen – Produktionsbedingungen der Pornoindustrie in San Francisco eingetaucht war? Doch werden alle diese heterogenen Lebenswelten durch den Berlinale-Vorspann gerahmt und zusammengehalten. Und der Zuschauer stellt fest: Ja, das Potenzial zur Einfühlung ist größer als gedacht.

Man macht diese Erfahrung in besonders starker Weise, wenn man sich an den Rändern des Festivals aufhält, vor allem bei den Dokumentarfilmen . Denn hier wird die Frage der Zeugenschaft ganz direkt aufgeworfen. Jede Kamera ist eine Instanz der Vermittlung, die einerseits Abstand schafft, aber andererseits auch den verpflichteten Anschein von Nähe suggeriert. Reagieren wir mit unseren moralischen Gefühlen auf Filme wie auf die echte Welt?

Calle Overweg hat sich in seinem Film Beziehungsweisen , der in der Sektion Forum lief, für die Arbeit von Paartherapeuten interessiert. Nur funktioniert deren Arbeit nicht, wenn das Paar sich von einer Kamera beobachtet weiß. Also hat Overweg ein verblüffendes Mischgenre geschaffen: Echte Therapeuten helfen Schauspielerpaaren, die typische Eheszenarien improvisieren. Je länger die Schauspieler bei der Sache sind, desto mehr schaffen sie sich ihre eigene Realität.

Ein raffiniertes und sehr komisches Spiel um Sein und Schein ist Namir Abdel Messeehs gewissermaßen autobiografischer Dokumentarfilm La Vierge, les Coptes et Moi. Messeeh ist Kind koptischer Christen , aber in Frankreich aufgewachsen. Er möchte dem inbrünstigen Glauben der Kopten an Marienerscheinungen nachgehen. Sein Film erzählt von den Widerständen, denen seine Entstehung ausgesetzt war – vom Produzenten, der lieber etwas über die ägyptische Revolution gesehen hätte, bis zu seiner Mutter, die aus Scham über ihre Herkunft verhindern möchte, dass ihr Sohn ihre ägyptische Familie filmt. Das Schlusstableau ist ein weise-durchgeknallter Kompromiss zwischen säkularer Ironie und ägyptisch-dörflicher Glaubensinbrunst. Dieses Schlusstableau ist ein Bild großer Weisheit im Konflikt zwischen Glauben und Aufklärung: Wir werden Zeugen, wie tiefgläubige Kopten mit allen Mitteln des Theaterschnürbodens für die Kamera eine Marienerscheinung mit einer muslimischen Darstellerin inszenieren.

Setzte Zeugenschaft Realpräsenz voraus, dann hätte der Film über die serbische Performancekünstlerin Marina Abramović nicht funktioniert: In Marina Abramović: The Artist is Present von Matthew Akers und Jeff Dupre dreht sich alles um Abramovićs Performance im New Yorker Museum of Modern Art , in der die Künstlerin drei Monate täglich sieben Stunden bewegungslos auf einem Stuhl saß und Blickkontakt aufnahm zu jedem, der ihr gegenüber Platz nahm. Die Wirkung einer Marienerscheinung kann nicht stärker sein als die Präsenz dieser radikalen Körperkünstlerin. Mit weichen Knien näherten sich die Besucher, und kaum hatten sie Platz genommen, flossen auch schon die Tränen. Es ist ein Moment kreatürlicher Empathie, in dem Abramovićs ruhiger Blick sein Gegenüber annimmt. Erstaunlicherweise ließ sich dieses auratische Erlebnis auf der Leinwand reproduzieren. Denn auch beim Kinopublikum flossen die Tränen in Strömen. Gerade weil der Film formal völlig anspruchslos, vielleicht sogar ein wenig bieder ist, wurde er zu einem reinen Spiegel, der die Zuschauer zu ergriffenen Zeugen einer außerordentlichen Menschenbegegnung machte.