Fritz Vahrenholt im November 2007 auf einer Pressekonferenz © Rolf Vennenbernd/dpa

"Jeder hat ein Anrecht auf seine eigene Meinung. Niemand aber hat ein Anrecht auf seine eigenen Fakten." Nach dieser Devise des verstorbenen amerikanischen Politikers Daniel Patrick Moynihan trennt man in Deutschland üblicherweise den Streit über Meinungen und Interessen auf der einen von der Auseinandersetzung mit Fakten auf der anderen Seite. Einer Wissenschaftsnation wie Deutschland steht diese Praxis gut an – auch und gerade in der Klimadebatte.

Ein Beispiel hierfür ist die Gesundheitsvorsorge. Ob etwa Gastwirten ein Rauchverbot zumutbar ist, darüber kann und muss man streiten. Denn ein "objektives" Maß, was in der Abwägung zwischen ökonomischem Gewinn des einen und gesundheitlichem Schaden des anderen "richtig" wäre, gibt es nicht. Über eines braucht man aber nicht zu streiten: darüber, dass Rauchen Krebs auslöst. Diese Frage kann die Wissenschaft anhand objektiver Kriterien eindeutig beantworten, auch wenn Lobbyisten der Tabakindustrie das lange bestritten haben.

Diese Trennung zwischen Meinungen und überprüfbaren Fakten ist eine zivilisatorische Errungenschaft. Sie dient dazu, im Streit über divergierende Interessen überhaupt zu tragfähigen Lösungen finden zu können – die Fakten dienen als gemeinsamer Bezugspunkt. Dass Wissenschaft dennoch unter einem immerwährenden Irrtumsvorbehalt steht, spricht dabei nicht gegen ihre Aussagekraft an sich: Ihre Ergebnisse gelten so lange uneingeschränkt, bis sie widerlegt werden. Wem die Fakten nicht passen, der muss den Gegenbeweis antreten – oder zur Wissenschaft schweigen.

Warum lohnt es, sich diese Maximen für den Umgang mit Wissenschaft in der politischen Auseinandersetzung in Erinnerung zu rufen? Aktueller Anlass ist der Versuch, die sogenannte Klimaskepsis populär zu machen. Der Mensch sei gar nicht hauptverantwortlich für den aktuellen Klimawandel, sondern die Sonne, stellen neuerdings die RWE-Manager Fritz Vahrenholt und Sebastian Lüning die Arbeit Tausender unabhängig voneinander arbeitender Wissenschaftler infrage. Der Klimawandel werde nicht so schlimm ausfallen, und es bleibe reichlich Zeit, auf erneuerbare Energien umzusteigen – und die Kohlekraftwerke ein wenig länger zu betreiben. So weit die Kernaussagen, im Wissenschaftsmagazin Bild bereits zur "CO2-Lüge" zusammengefasst.

Was geschieht hier? Sozusagen vom Ende her, vom berechtigten Streit darüber, wessen Interessen bei der Energiewende wie berücksichtigt werden sollten, wird der Versuch unternommen, die Ergebnisse der Klimaforschung zur Weltanschauungsfrage zu erklären. Man glaube nicht an den überwiegend menschengemachten Klimawandel, so die Autoren – schließlich gebe es ja viele andere Erklärungsmuster.

Doch der Klimawandel ist höchst real und messbar. Es ist dem Klimasystem der Erde auch gleichgültig, welche Meinung man davon hat – die Fakten sprechen für sich:

Dass CO2 ein Treibhausgas ist, das das Klima umso stärker erwärmt, je mehr davon in der Luft ist, gilt bereits seit dem 19. Jahrhundert als wissenschaftlich etabliert.

Der CO2-Gehalt der Atmosphäre war seit einer Million Jahren nicht so hoch wie heute. Menschengemachte Emissionen an Treibhausgasen überlagern seit Jahrzehnten deutlich die natürlichen Klimafaktoren – dadurch gerät das Klimasystem aus dem Gleichgewicht.