Die Rezension des Romans von Christian Kracht in dem nicht unbedingt durch seinen Literaturteil legendären Nachrichtenmagazin Der Spiegel hat Wogen geschlagen, wie es eine einzelne Literaturkritik noch nie vermochte. Noch am Tag des Erscheinens verwahrte sich der Verlag Kiepenheuer & Witsch in einer Erklärung gegen die Kritik, die er »bösartig« und »perfide« nannte. Wenige Tage später folgte ein offener Brief , den siebzehn Schriftsteller unterschrieben haben, darunter Daniel Kehlmann , Peter Stamm , Monika Maron , Elfriede Jelinek , Kathrin Schmidt und Feridun Zaimoglu . Darin wird dem Spiegel-Autor Georg Diez vorgeworfen, die »Grenzen zwischen Kritik und Denunziation überschritten« zu haben.

Der Brief, der an den Spiegel-Chefredakteur adressiert ist, verwahrt sich gegen die »Art« der vom Spiegel praktizierten Literaturkritik, weil sie »Äußerungen von literarischen Erzählern und Figuren dem Autor« zuschriebe. Von dieser Verfahrensweise wird befürchtet, dass sie das Zeug dazu hätte, »das Ende jeder literarischen Phantasie, von Fiktion, Ironie und damit von freier Kunst« einzuläuten. Wie der Spiegel diesen Angriff zu parieren gedenkt, stand bis zum Redaktionsschluss noch nicht fest.

In der jüngsten Ausgabe wird der Kracht-Verleger Helge Malchow dann selbst zum Kritiker, der im Spiegel eine zweiseitige Gegenrezension schreibt, in der er das von ihm verlegte Buch eine »höchst raffinierte künstlerische und das heißt auch künstliche Konstruktion« und die eine Woche zuvor veröffentlichte Kritik seinerseits eine »Denunziation« nennen darf.

Roman von Christian Kracht - Radischs Lesetipp: "Imperium" Ein kokettes Spiel mit den Auswüchsen von Weltanschauungen: Christian Kracht erzählt in seinem Buch von einem Lebensreformer, der aus dem wilhelminischen Deutschland auf eine Insel flieht um Kokosnüsse anzubauen.

Die Literaturkritik, die in der öffentlichen Wahrnehmung keine große Rolle mehr spielt, hat plötzlich einen Skandal. Und zwar einen würdigeren als den letzten, der sich in der Debatte darüber erschöpfte, ob eine Siebzehnjährige zu viele Zeilen aus dem Internetblog eines unbekannten Berliner Diskothekenbesuchers abgeschrieben habe oder nicht. Denn hier handelt es sich jenseits der hermeneutischen Fehler, die dem Spiegel-Kritiker unterlaufen sind, auch um die Frage, wie politisch Literaturkritik sein darf und ob es erlaubt ist, andere als textimmanente Argumente für oder wider einen Roman zu mobilisieren.

Die Autoren haben recht: Die vom Spiegel inkriminierten Romanstellen sind aus dem Geist und in der Perspektive historischer Figuren verfasst. Die eher erbärmliche Kolonialherrlichkeit, die der Roman beschreibt, sowie die barfüßige Zivilisationskritik des albernen Kokosnusspropheten August Engelhardt und seiner verwirrten Jünger sind der Figurenperspektive geschuldet. Das hat der Spiegel-Autor übersehen. Auch ist sein Vorwurf, Krachts Roman sei »rassistisch«, ein Platzverweis, den sich ein Kritiker bei unsicherer Beweislage nicht anmaßen darf.

Die Autoren, die den Kritiker nun bei seinem obersten Dienstherrn, nein, nicht denunzieren, aber doch anklagen, maßen sich aber ebenfalls etwas an: Sie glauben zu wissen, was in der Literaturkritik erlaubt und was verboten ist. Verboten ist ihrer Meinung nach, den Autor eines Romans für seinen Erzähler haftbar zu machen.

Das ist zwar korrektes Literaturseminarwissen, aber dennoch Unsinn. Figurenrede, Ironie, Maskenspiel und die »Freiheit der Kunst« machen einen Roman und seinen Verfasser nicht per se unangreifbar. Sie sind kein ästhetischer Schutzwall, hinter den kein Kritiker mehr einen Blick werfen darf, ohne Angst vor Beschwerden bei seinen Vorgesetzten haben zu müssen. Wenn Literaturkritik so wäre, wie die Absender des Protestbriefes sie sich wünschen – peinlich darauf bedacht, keinen Seitenblick auf die wirkliche Welt hinter den Buchseiten zu wagen –, wäre sie zahnlos, langweilig und ohne jeden gegenwartsdiagnostischen Sex-Appeal. Wenn verboten wäre, was die Autorenerklärung der Spiegel-Chefredaktion zu unterbinden empfiehlt, hätte Martin Walsers Roman Tod eines Kritikers niemals als unzumutbarer Angriff auf den Kritiker Marcel Reich-Ranicki attackiert werden können. Dann dürfte kein Schlüsselroman mehr als solcher verstanden, dann dürften Bücher nur ästhetisch und unverbindlich für jede reale Gegenwelt aufgefasst werden. Das – und nicht die überehrgeizige Polemik eines entgleisenden Kritikers – wäre das Ende einer lebendigen Literaturkritik. 

Christian Kracht spielt in seinem Roman Imperium ein teils amüsant ironisches, teils angestrengt manieristisches Spiel mit antiquarischen Versatzteilen. Vielleicht ist es, wie Thomas Assheuer meint , wirklich ein ernst zu nehmendes Spiel mit dem Feuer. Vielleicht ist es aber auch nur ein absurdes Spiel mit der Asche eines längst erloschenen Weltenbrandes. Ob hinter den Schleiern der komödiantischen Fiktion ein sinistrer ideologischer Restposten der Vormoderne oder etwas ganz Neues am Horizont aufscheint – darüber zu streiten, sind wir Kritiker da.