Schriftsteller Javier MaríasHauptsache weiterwursteln

Sein Roman "Die sterblich Verliebten" zeigt es erneut – Javier Marías ist einer der Großen. von 

Der Schriftsteller Javier Marías

Der Schriftsteller Javier Marías  |  © Martin Schalk/Getty Images

Javier Marías’ Roman Mein Herz so weiß war einer der großen Bucherfolge der neunziger Jahre: ein Doppelliebling der Kritik und des Publikums. Auch sein nächster Roman Morgen in der Schlacht denk an mich war noch ein Ereignis, das allgemein wahrgenommen wurde. Dann jedoch wurde es still um den spanischen Schriftsteller, Jahrgang 1951. Vielleicht lag es daran, dass er für sein opus magnum , die Trilogie Dein Gesicht morgen , ein Format wählte (alles zusammen sind das über 1.400 Seiten), das sich nicht so leicht an den Mann bringen ließ.

Vielleicht lag es aber auch am Inhalt, den er darin verhandelte: Es war nicht nur ein esoterisches Thema, das Thema war die Esoterik selbst. Also im antiken Verständnis: Gibt es ein Wissen, das nur die wenigen, die Eingeweihten, teilen? Ein Wissen von kostbarer, auch riskanter Weisheit, das man vor den vielen umsichtig hüten muss? Konkret arbeitete Marías’ Protagonist, der hochkultivierte Literaturwissenschaftler Jaime Deza, für eine Abteilung des britischen Geheimdienstes, in dem sich eine Elite versammelte, die über eine besondere Fähigkeit der Menschenkenntnis verfügt, nämlich durch genaue Beobachtung die Schritte der Menschen zu antizipieren. Sie kennen nach ihrem Anspruch schon heute das Gesicht von morgen und können die Verräter von den Loyalen unterscheiden. In einer aparten Mischung aus abendländischer Bildung, Oxford-Atmosphäre, Machtanalyse und blanker Gewalt erzählte Marías eine komplexe, gleichwohl atemberaubende Geschichte darüber, was man vom Menschen wissen kann, aber auch wie gewaltig die Abgründe der Selbsttäuschung sind.

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Für den Fall, dass jemand vergessen haben sollte, dass Javier Marías einer der ganz Großen der europäischen Literatur ist, gibt es jetzt einen neuen Roman, Die sterblich Verliebten (in der souveränen Übersetzung von Susanne Lange), der überschaubarer und weniger elitär ist, der aber gleichwohl viele der Leitmotive der Trilogie wieder aufnimmt. Es ist diesem Roman ein großes Publikum zu wünschen, denn so esoterisch ist die Sache, um die es geht, keineswegs: Wir können von Marías so viel lernen, denn keiner kennt den Menschen wie er.

Bevor die Lektorin María morgens zur Arbeit in ihren Verlag geht, sitzt sie gern noch in einem Café um die Ecke. Dort beobachtet sie oft einen Mann und eine Frau, Miguel und Luisa, die ihr wie das perfekte Paar erscheinen: jung, schön, kultiviert und sich in Liebe und Zärtlichkeit zugetan. Doch eines Morgens erscheinen die beiden nicht mehr. Aus der Zeitung erfährt María, dass Miguel Opfer eines Mordanschlags durch einen Verwirrten geworden ist, der ihn mit vielen Messerstichen zur Strecke gebracht hat. Als María das nächste Mal Luisa begegnet, spricht sie ihr ihr Beileid aus, und Luisa erinnert sich, dass Miguel und sie auch ihrerseits María im Café beobachtet und ihr den Spitznamen »Die Besonnene« gegeben hätten.

So lernt María Luisa kennen, und durch diese den Freund des einst perfekten Paars, Javier, der sich um die Witwe in diesen schweren Tagen kümmert. María verliebt sich in Javier, die beiden haben eine reine Bettaffäre, denn schon bald wird María klar, dass Javier, bisher ein rastloser Frauenheld ohne Bindungsbedürfnis, obsessiv in Luisa verliebt ist und nur auf den Tag wartet, an dem der Kummer um den Verlust ihres Mannes zurückgeht. Der Tag, an dem Luisa den Toten bei den Toten lässt und für sich bestimmt: Das Leben geht weiter. María weiß, dass sie nur die Lückenbüßerin ist, ein Zeitvertreib, der in dem Moment zu weichen hat, in dem Luisa Javier erhört.

Das ist Javier Marías’ großes Thema in Die sterblich Verliebten: Wer sind wir, wie sehr kennen wir uns selbst, was ist die Liebe, wenn unser Ich nur ein Blatt im Wind der Zeit ist? Der schwierigste und abstrakteste Begriff, Zeit, ist zugleich der konkreteste für unser Leben. Und zwar nicht nur im endgültigen Sinne unserer Zeitlichkeit, unserer Sterblichkeit. Marías geht es noch mehr um jene Sterblichkeit, die nicht erst mit unserem Tod eintritt, sondern in jedem Moment unseres Lebens. In jeder Sekunde, die der Zeiger der Uhr voranschreitet, sind wir nicht mehr derselbe, der wir noch einen Moment vorher waren. Die Liebe ist sterblich, und der Mensch ist ein treuloses Wesen in dem Maße, wie er sich in der Zeit verändert. Wenn wir in den Spiegel schauen, meinen wir unser gewohntes Gesicht darin wiederzuerkennen, aber das täuscht: Wir sind schon nicht mehr die, die wir noch gestern waren. »Solange uns auch nur ein bisschen Zeit bleibt«, wie Marías schreibt, stoßen wir das Ich, das wir noch eben waren, in die Vergangenheit zurück. Sehr unsentimental und fast brutal heißt es einmal: »Luisa wurde ihr jetziges Leben zerstört, nicht das künftige.« Das heißt: Sie wird morgen eine andere sein mit einem neuen Leben, und der Gram ihres jetzigen Lebens wird nicht mehr der Gram ihres zukünftigen sein. Irgendwann wird sie neben einem anderen Mann aufwachen.

Denn die Toten bleiben zum Glück tot, sie verfolgen die Lebenden nicht bis in alle Ewigkeit. Javier Marías baut hier als wiederkehrendes Motiv den Hinweis auf eine Novelle von Balzac ein, in der der Oberst Chabert, der in den napoleonischen Kriegen fälschlicherweise für tot erklärt wurde, nach Jahren zu seiner längst neu verheirateten Ehefrau zurückkehrt. Es ist eine Katastrophe! Denn wenn erst einmal der Totenschein ausgestellt ist, ist nichts mehr zu machen. Das Leben ist weitergegangen. Chabert wird verleugnet, von seiner Frau genauso wie von der Verwaltung. Müsste man stets damit rechnen, dass die Toten zurückkehren, könnten die Lebenden gar nicht weiterleben. »Die Menschen geben die Toten am Ende frei, sosehr sie an ihnen hängen mögen, wenn sie merken, dass ihr eigenes Überleben auf dem Spiel steht und dass die Toten ein gewaltiger Ballast sind.«

Diese Wankelmütigkeit der Gefühle, dass sich das Ich am Ende doch in jeder neuen Wirklichkeit einrichtet, ist die Chance für alle Rivalen. Javier vertraut der Zeit, um Luisa zu erobern, aber auch María gibt sich am Anfang der Hoffnung hin, dass durch die schiere Wiederholung ihrer Bettaffäre sie vielleicht in Javiers Herzen die Stelle von Luisa einnehmen wird. Strategische Hartnäckigkeit im Bündnis mit der Zeit vermag viel. Doch so weit kommt es nicht. Vorher macht María eine fürchterliche Entdeckung. Denn Die sterblich Verliebten sind auch ein echter Passions-Thriller. Durch ein Gespräch, das sie überhört, erfährt sie, dass Javier den nur scheinbar willkürlichen Mord an Miguel als Auftraggeber ins Werk gesetzt hat.

Der Roman ist geschrieben aus der Perspektive von María. Sie ist es, die uns die Geschichte erzählt, und zwar in einer Kombination aus Reflexion, Bericht, Dialog und imaginiertem Selbstgespräch der anderen Figuren. Alles, was wir erfahren, ist also immer schon perspektivisch relativiert. Aber eigentlich erzählt der Roman ganz buchstäblich von der Relativierung als anthropologischer Konstante: Was der Mensch in seinen eigenen Gefühlen und Selbstbildern nicht erträgt, das relativiert er, um weiterleben zu können.

Die eine große Kraft der Relativierung ist die Zeit. Die andere die der zielführenden Selbsttäuschung. Wo wir die Wahrheit ohnehin nicht erkennen können, richten wir uns in Erzählungen unseres Lebens ein, die wir gerade noch ertragen. Das tut Javier, indem er vorgibt oder gar selbst daran glaubt, nur den letzten Willen seines Freundes Miguel, der an einer tödlichen und schmerzvollen Krankheit litt, erfüllt zu haben: Sterbehilfe durch einen Auftragskiller. Aber das tut auch María: wenn sie abwägt, wie weit sie den Worten Javiers glauben darf und welche Konsequenzen daraus zu ziehen wären. Sie, die Besonnene, zieht keine Konsequenzen: »Wer bin ich, um das Weltall aufzustören, dachte ich.« Gerade weil sie eine ausgezeichnete Menschen- und Selbstbeobachterin ist, hat sie ein gesundes Misstrauen gegen ihre eigenen Gefühle und Urteile. Unsere Welterkenntnis ist prekär, aber das Leben muss weitergehen, also muss María das Wissen, das sie hat, zurückstellen: »Wenn man nicht mehr weiß, was glauben, und nicht bereit ist, den Hobbydetektiv zu spielen, wird man es müde, stößt alles weit von sich, gibt auf, stellt das Nachdenken ein und lässt die Wahrheit Wahrheit sein oder, was auf das Gleiche hinausläuft, unentwirrbar. Die Wahrheit ist niemals klar, ist immer unentwirrbar.« Das ist, könnte man sagen, unsere Chance zum Weiterwursteln.

Javier Marías, und das macht ihn so groß, hat tatsächlich ein neues literarisches Verfahren der Seelenzergliederung erarbeitet, die » Methode Marías« , wie wir sie nennen mögen: Er erzählt von den Seelenregungen und Affekten, den Selbstverherrlichungen und Missgünstigkeiten seiner Figuren durch ein Spiegelkabinett von Selbstgesprächen. Diese Art Selbstgespräch unterscheidet sich in charakteristischer Weise vom traditionellen inneren Monolog: Denn das Selbstgespräch hat eine Wirkungsabsicht. Wir wollen uns selbst gefallen als Beobachtungssubjekte. Deshalb sprechen Marías’ Figuren oft zu sich selbst, wie es Shakespeare-Figuren bei einem Bühnenmonolog tun: rhetorisches Ich-Theater. Indem wir Leser diesen Selbstgesprächen lauschen, begreifen wir, dass unsere Fantasien – anders als es Michael Ende suggeriert hat – meist Mordfantasien sind. Immer müssen wir jemand anders zur Seite schaffen, um Raum für unser eigenes Ich zu gewinnen.

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Leserkommentare
    • lyriost
    • 28. Februar 2012 18:09 Uhr

    "Immer müssen wir jemand anders zur Seite schaffen, um Raum für unser eigenes Ich zu gewinnen."

    Nichts ohne Schuld
    in Ketten gelegt
    die Meere Steinereißer
    aus Uferwacht
    verurteilt
    das Urteil
    der Zeit

  1. "Sterbehilfe durch einen Auftragskiller" BÄÄM...Ich wollte das Buch noch lesen!

    • ggerb
    • 28. Februar 2012 19:38 Uhr

    oder: WIE MAN EINEN ROMAN IN PLATITÜDEN ERTRÄNKT

    1.400 Seiten lassen sich nicht so leicht an den Mann bringen.

    Auch „esoterische“ Geheimnisse sind nur Geheimnisse, solange sie geheim sind.

    Marías "verhandelte" einen Inhalt? (Angezeigt wäre, endlich eine kleine Kulturgeschichte der Gedankenlosigkeit vorzulegen, welche die Karriere dieses dummdeutschen, von Greenblatt herstammenden Wortes beschreibt.)

    Javier Marías ist einer der ganz GROßEN der europäischen Literatur.

    Beweis: Der GROßE Roman.

    Ihm ist ein GROßES Publikum zu wünschen, denn er ist nicht esoterisch.

    Wir können von Marías so viel lernen.

    Javier wartet, an dem Luisas Kummer um den Verlust ihres Mannes "zurückgeht". (Bis das Aua weg ist.)

    Marías’ GROßES Thema: unser Ich ist "nur ein Blatt im Wind der Zeit".

    Menschen ändern sich.

    Gefühle ändern sich.

    Wer abwartet und Tee trinkt bekommt vielleicht eine Chance, oder: "Strategische Hartnäckigkeit im Bündnis mit der Zeit vermag viel."

    Menschen legen sich die Dinge so zurecht, dass sie weiterleben können.

    Wir richten uns in Erzählungen unseres Lebens ein, die wir gerade noch ertragen. (Wie man an Herrn Wulff sah, manchmal auch in solchen, die voranbringen.)

    Wer nicht Bundespräsident ist, weiß, dass die eigenen Gefühle und Urteile täuschen können.

    "Das ist, könnte man sagen, unsere Chance zum Weiterwursteln."

    Man darf Javier Marías und Michael Ende in einem Atemzug nennen.

    Immer müssen wir egoistisch sein, um Egoisten zu bleiben.

    DAVON bitte 432 Seiten!

  2. ich ihn wieder und fand vieles sehr seicht; ich bin neugierig wie es jetzt sein wird und ob er im Vergleich zu Raphael Chirbes,der in Deutschland viel zu wenig gelesen wird,bestehen wird. Aber mit Literatur hat man es hier zu tun- ist es "Weltliteratur"?

  3. ... eventuell wirklich zu kaufen. Und dann wird es trocken und brutal einfach aufgelöst. Schade.
    Um meinem Frust etwas Luft zu machen:
    DARTH VADER IST LUKES VATER !

    es tut mir leid, es musste sein, die zeit wird es heilen
    oder nicht

    • nipkow
    • 03. März 2012 16:24 Uhr

    Lieber Herr Mangold,

    Im Deutschen, im Gegensatz zum Englischen, heißt "überhören", dass man etwas NICHT hört, es sei denn, es wird qualifiziert, z.B. mit "geflissentlich". Also kann man durch etwas, was man überhört überhaupt nichts erfahren. Wir empfehlen stattdessen die Verben "mithören" oder "belauschen".

    Mit besten Grüßen
    Tobias Nipkow

  4. In die verbreiteten Lobgesänge kann ich nicht einstimmen. Ich habe lange kein Buch gelesen, durch das ich mich so durchquälen musste. Wie kommt das? Es geschieht fast nichts, alles spielt sich nur im Kopf der Protagonisten ab. Neun Zehntel des Texts (oder mehr?) bestehen aus innerem Monolog. Es wird reflektiert auf Teufel-komm-raus. Zum großen Teil sind das durchaus lesenswerte Gedanken. Aber: ein Gedanke erfährt oft zehn Ausprägungen, wird an zahlreichen Beispielen vorgeführt. Das ermüdet unsäglich. Dabei handelt es sich um bedeutungsvolle Probleme: Wa ist Wahrheit in der Darstellung eines anderen? Wie gehe ich damit um? Was beeinflusst mein Verständnis? Auch grundlegende moralische Fragen werden diskutiert (hier: Sterbehilfe). Erst gegen Ende des Romans wird die Lektüre noch einmal spannend: man möchte wissen, ob eine endgültige Aufklärung geliefert wird. Die Sprache des Autors ist durchweg zu loben. Die oft wiederkehrende Satzstruktur dagegen führt zu Lesemonotonie. Die weitegehend spannunsglose Darstellung als Thriller zu bezeichen, halte ich für völlig daneben. Es handelt sich eher um ein philosophisches Essay in Überlänge.

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