Es war nicht immer so, dass Angela Merkel mit der Kür ihrer Präsidenten Pech hatte. Im Frühjahr 2004 etwa servierte sie in einem bravourösen Coup alle möglichen Kandidaten ab, um Horst Köhler durchzusetzen. Es war der Triumph einer bis dahin umstrittenen Oppositionsführerin, ein Vorschein auf ihre Kanzlerschaft.

Am Sonntagabend lief es für Angela Merkel ganz anders: verheerend schlecht. Nominiert wurde diesmal – gegen den Willen der mächtigsten Frau im Land – der Kandidat aller anderen. Bis zum Schluss stemmte sich die Kanzlerin gegen Joachim Gauck . Vergeblich. Es ist die sichtbarste und härteste Niederlage ihrer Amtszeit.

Wie konnte Merkels Entschluss, den Bürgerrechtler zu verhindern, so übermächtig werden, dass er am Ende sogar ihre angestammte Rolle einer stets vorsichtigen Verhandlerin sprengte? Und wie konnte Merkel entgehen, dass ihr chronisch schwacher Koalitionspartner diesmal entschlossen war, nicht schon wieder zu kapitulieren?

Die Kanzlerin hat nicht nur den Kampf um den Bundespräsidenten verloren. Sie hat ihn so offen und rückhaltlos geführt, dass alle nun ihre Niederlage bestaunen. Ganz nebenbei hat sie damit auch noch überdeutlich gemacht, wie sie zum künftig ersten Mann im Staate steht: eher ablehnend.

Der naheliegendste Grund dafür war schon zu Beginn der Verhandlungen zu hören: Angela Merkel hatte mit Wulff ihren zweiten Präsidenten verloren. Nun wollte sie auf keinen Fall auch noch den rot-grünen Kandidaten akzeptieren, den sie vor eineinhalb Jahren so mühsam verhindert hatte. Doch das klingt nur nachtragend. Es erklärt nicht, warum sich die Kanzlerin und ihre Parteifreunde ausgerechnet dafür verkämpften, einen populären, protestantisch-wertkonservativen Bürgerrechtler mit Rückgrat und Ausstrahlung vom Bellevue fernzuhalten.

Die Argumente, die man dazu jetzt aus der Union zu hören bekommt, klingen vorgeschoben. Gauck , so heißt es, sei »monothematisch«. Man habe Zweifel, ob er außer zur Freiheit auch etwas zum Sozialstaat zu sagen habe, zu den Finanzmärkten, zu Europa und ob es ihm gelingen könne, Verbindung zur Jugend herzustellen. Überall sieht man in der Union Fragezeichen, die einfach nicht kleiner werden wollen. Es scheint, als suche man bei den Christdemokraten händeringend nach ein paar vorzeigbaren Argumenten, warum Merkel ihre ganze Macht darauf verwenden musste, Gaucks Kandidatur zu torpedieren.

Schon bei seinem ersten Versuch vor eineinhalb Jahren hatte Gauck die Kanzlerin mit seiner Popularität, seiner Verve, seiner blendenden Rhetorik an den Rand einer Niederlage gebracht. Drei Wahlgänge hatte er der schwarz-gelben Mehrheit in der Bundesversammlung aufgenötigt, bis es für Christian Wulff reichte. Eine Erklärung für Merkels hartnäckigen Widerstand könnte darin liegen, dass sie Gauck das Beinahe-Desaster von 2010 nicht vergessen hat. Gerade im Vergleich mit dem ostdeutschen Charismatiker war die Blässe von Merkels Kandidat so deutlich hervorgetreten. Und ein wenig auch die schwache Seite der Kanzlerin selbst. Ihr Mangel an Ausstrahlung, ihre wenig mitreißende Rhetorik, ihre normative Schwäche – die Kehrseite dessen, was an ihr gemeinhin geschätzt wird: ihre nüchterne Rationalität, ihr beharrliches Engagement, ihr ideologieferner Pragmatismus.

 Gauck wird den begrenzten Rahmen seines künftigen Amtes virtuos ausfüllen

So sehr Merkel Politik auf fast schon unterkühlte Weise betreibt, so sehr fremdelt sie seit je mit denen, die ganz andere Mittel einsetzen. In ihrem reservierten Verhältnis zu Barack Obama kam das besonders deutlich zum Ausdruck. Man darf vermuten, dass ihre Skepsis gegenüber politischen Charismatikern auch ihren Vorbehalt gegen Joachim Gauck als Bundespräsidenten bestimmt hat. Wer allein mit Worten mitreißt, löst bei Angela Merkel Unbehagen aus. Gaucks Begeisterungsfähigkeit verschiebt das Politische in eine Sphäre, in der die Kanzlerin nicht mitspielt.

Doch nun kommt Gauck in ein Amt, das nach dem großen Wort geradezu verlangt. Es ist das Amt, dessen Macht aus der Aura und Überzeugungskraft des Amtsinhabers entspringt. Es ist wie geschaffen für Gauck. Doch genau an diesem Punkt darf man das Misstrauen der Kanzlerin vermuten , hier gründete ihre Entschlossenheit, ihm den Weg an die Spitze der Republik zu verbauen. Denn Gauck wird den begrenzten Rahmen seines künftigen Amtes so virtuos ausfüllen, dass er ihn möglicherweise sprengt. Weil seine Reden schon ohne präsidiale Verstärkung enormen gesellschaftlichen Widerhall finden, könnte Joachim Gauck ein mächtiger Präsident werden. Diese Konkurrenz wollte sich die Kanzlerin mit Sicherheit ersparen.

Angela Merkel hat kürzlich in Washington die Medal of Freedom verliehen bekommen. Die Amerikaner, selbst so unterschiedliche wie George W. Bush und Barack Obama, verehren die deutsche Kanzlerin als Kämpferin für die Freiheit, aufgewachsen in einer sozialistischen Diktatur, aufgestiegen zur Regierungschefin eines freien Landes. Merkel hat sich nie gebrüstet, aktiv zum Sturz des SED-Regimes beigetragen zu haben. Allenfalls über ihre tief sitzende Sehnsucht nach Freiheit, die sie all die Jahre über in der DDR empfunden habe, hat sie auf Parteitagen und zu anderen Anlässen gesprochen.

Mit Joachim Gauck verhält es sich anders. Er hat im Herbst 1989 in der Bürgerbewegung eine herausragende Rolle gespielt, erst gegen das SED-Regime und dann im Richtungsstreit der Opposition um die deutsche Einheit. Es ist diese historisch-biografische Aura, die dem öffentlichen Redner, dem Agitator für Freiheit und Demokratie seine besondere Wucht verleiht.

Nun ist Angela Merkel nicht dafür bekannt, sich von starken Männern einschüchtern zu lassen. Ihre Parteifreunde aus dem Westen, die jahrelang versucht haben, ihren Aufstieg zu bremsen, mussten das schmerzlich erfahren. Aber wie ist es mit Männern aus dem Osten, solchen, die wie Gauck für die Freiheit viel riskiert haben? Deren unerschütterliches Selbstbewusstsein auch aus ihrer Erfahrung revolutionären Erfolgs erwächst.

Merkel hat sich in diesen Kampf verbohrt wie kaum je zuvor

Man weiß nicht wirklich, wie Merkel zu ihnen steht. Aber es klingt nicht abwegig, dass der vergebliche Drang der Kanzlerin, Gauck als Präsidenten zu verhindern, auch mit ihren unterschiedlichen Biografien zu tun hat. Man muss gar nicht bezweifeln, dass Merkels im Laufe der Jahre immer wieder bekundete Hochachtung für Gauck ehrlich gemeint ist. Und doch wollte sie unbedingt vermeiden, dass das biografisch bedingte Autoritätsgefälle zwischen ihr und dem patriarchalen Freiheitskämpfer künftig dem institutionellen Machtgefälle zwischen Kanzlerin und Präsident entgegenläuft.

Daraus ergibt sich demnächst eine interessante, womöglich spannungsreiche Konstellation. Dass die Kanzlerin auf die Macht im Staate abonniert ist, der Präsident auf Aura und Repräsentation, muss mit Joachim Gauck nicht so bleiben.

Gauck wird, wie jeder Bundespräsident vor ihm, in der Bundesversammlung gewählt. Und dennoch könnte er ein plebiszitärer Präsident werden, dessen Gewicht auch aus seiner Unmittelbarkeit zum Volk erwächst. Um eine solche Entwicklung nicht zu erleben, hat die Kanzlerin am Sonntag alles versucht, Gauck aus dem Rennen zu nehmen. Sie hat sich in diesen Kampf verbohrt, wie man es von ihr kaum je erlebt hat. Hartnäckig und clever ihre Ziele zu verfolgen, das kennt man von ihr. Aber dass die Frau, von der man weiß, dass sie alles vom Ende her denkt, sich derart verkalkulierte, wirkt schon jetzt wie eine Zäsur.

 In der Verhandlungen hat die Kanzlerin überraschend ungeschickt agiert

Mit der ganzen Verve, mit der Merkel gegen einen Präsidenten Gauck gekämpft hat, rauschte sie in die Niederlage. Dass der einst rot-grüne Kandidat am Ende von den Liberalen durchgesetzt wurde, macht für die Kanzlerin die Sache doppelt prekär. Sie scheiterte, weil ihr desolater Koalitionspartner einmal bei einer wichtigen Entscheidung nicht unter die Räder kommen wollte. Einmal wollten die Liberalen wieder sichtbar werden und demonstrieren, wofür es sie überhaupt noch geben müsse. Und so lautet seit Sonntag die Raison d’Être des deutschen Liberalismus: Joachim Gauck.

Das ist im Rückblick so schlüssig, dass man sich vor allem darüber wundert, warum es den Liberalen selbst so spät eingefallen ist. Erst in der Konfrontation mit Angela Merkel begriffen die FDP-Unterhändler , wie gut die Unterstützung Gaucks zu ihren Interessen passte. Das liberale Kalkül, das sich in der schwarz-gelben Konfrontation herausbildete, lautete: gegen die übermächtige Kanzlerin etwas wirklich Populäres durchsetzen und damit vielleicht selbst wieder ein bisschen populär werden. Und schließlich passte ja auch der Kandidat. Was die FDP schon lange nicht mehr schafft, den Begriff von Freiheit und Demokratie so weit aufzuladen, dass sich die Bürger davon angesprochen fühlen, das schafft der künftige Präsident im Handumdrehen. Gauck ist ein charismatischer, kämpferischer Liberaler.

Aber so wichtig es der Kanzlerin war, ihn auszubremsen, so überraschend ungeschickt hat sie dabei agiert. Wie sie den Kandidaten Gauck den Liberalen austreiben wollte – wahlweise mit dem ehemaligen Berliner Bischof Wolfgang Huber , einem protestantischen Kirchenmann sozialdemokratischer Provenienz, oder mit dem einstigen Umweltminister Klaus Töpfer , einem grün-konservativen Ökologen –, das konnten die FDP-Unterhändler einfach nur als Zumutung begreifen.

Wie oft schon hat man den FDP-Vorsitzenden Philipp Rösler in den vergangenen Monaten auf dem Weg ins Kanzleramt gesehen, wie er mächtig die Backen aufblies – und am Ende dann doch wieder nichts erreichte. Wahrscheinlich liegt auch hier eine Erklärung, warum es diesmal so ganz anders ausging. Vermutlich hatte die Bundeskanzlerin Rösler, Brüderle und Co als ernst zu nehmende Widersacher gar nicht mehr auf dem Schirm. Nur so konnte es doch passieren, dass die seit zweieinhalb Jahren vor sich hintaumelnden Liberalen mit einem Mal der Kanzlerin das Messer auf die Brust setzten.

Man erinnert sich zwischen Koalitionspartnern an kein Beispiel einer solch spektakulären Eskalation. Erst verließen die Liberalen die festgefahrenen Verhandlungen, dann verständigten sie sich per Schaltkonferenz mit ihren Präsidiumskollegen auf die Linie: Gauck, und sonst gar nichts. Dann gingen sie mit dieser Parole an die Öffentlichkeit. Die Kanzlerin erfuhr von der neuen Lage per Pressemitteilung. Die liberale Strategie hatte sich als regelrechte Erpressung entpuppt. Die Botschaft an Merkel lautete, sie könne noch aufspringen, ansonsten werde die FDP den Kandidaten mit der Opposition durchsetzen.

Etwa eine Stunde lang, heißt es, habe die Union über die Alternative Gauck oder Koalitionsbruch nachgedacht. Dann akzeptierte die Kanzlerin ihre Niederlage. Keine zwei Stunden später saß Merkel neben dem gerade eingeflogenen Kandidaten vor der Presse. Der künftige Bundespräsident gestand, er sei noch etwas »verwirrt«, die Kanzlerin versuchte, ihre Züge halbwegs unter Kontrolle zu halten. Nach dem, was sie in den vergangenen Stunden erlebt hatte, war das ein schier unglaublicher Kraftakt.

Wer herumfragt, warum Angela Merkel in der Stunde der Entscheidung die Koalition dann doch nicht platzen ließ, bekommt zu hören, für einen Koalitionsbruch brauche es einen überzeugenden, sachlichen Grund. Einen populären Kandidaten zu verhindern eigne sich dafür nicht. Allein solches Räsonieren zeigt, wie konsterniert man in der Union nun auf den Partner blickt. Die Liberalen haben in ihrem Existenzkampf einen brutalen Sieg erkämpft, die Kanzlerin wurde auf offener Bühne gedemütigt. Noch gibt es wenig Erfahrungen, wie sie so etwas verarbeitet. Was dieser Tag für die Zukunft der Koalition bedeutet, so heißt es jetzt aus der Union, sei nicht vorherzusagen. Das ist keine direkte Drohung. Aber allzu begeistert über ihren Sieg sollten die Liberalen nicht sein.

Der künftige Bundespräsident selbst, aber auch die Spätfolgen seiner Nominierung lassen noch allerhand Turbulenzen erwarten.