Martenstein "Ich bin für das, was ich schreibe, nicht zuständig"

Unser Kolumnist über eine Zeit, in der keiner mehr verantwortlich sein will

Alle Kolumnen von Harald Martenstein aus dem ZEITmagazin zum Nachlesen

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Mir fällt auf, dass es einen neuen Megatrend gibt. In der Politik sind ja früher die Leute zurückgetreten nicht nur, wenn ihnen selbst etwas Verwerfliches vorzuwerfen war, nein, manche sind sogar zurückgetreten, wenn in ihrem Verantwortungsbereich einer ihrer Untergebenen etwas ausgefressen hatte. Willy Brandt zum Beispiel. Dieser Brauch scheint auszusterben. Lothar Späth ist damals zurückgetreten, weil ihm Urlaubsreisen von anderen bezahlt wurden. Ein Ministerpräsident namens Glogowski ist zurückgetreten, weil ihm ein Unternehmer einen Teil seiner Hochzeitsparty bezahlt hat. Kurt Biedenkopf ist unter anderem deshalb zurückgetreten, weil er bei Ikea Rabatte bekam. Bei Rudolf Scharping waren es schicke Anzüge, die ihm geschenkt wurden. Inzwischen treten Politiker eher deshalb zurück, weil sie auf ihren Job keine Lust mehr haben oder weil ein Angebot aus der Wirtschaft vorliegt. Andere demokratische Politiker, in Duisburg oder in Berlin, klammern sich fast wie Diktatoren an ihre Ämter. Dies wird jetzt aber keine moralische Empörungs- oder Antipolitikerkolumne. Ich möchte einfach nur eine Veränderung beschreiben.

Wenn ein Land zu viel Geld ausgab, dann war dieses Land, so wollte es die Tradition, nach einer gewissen Zeit pleite. Heute scheint das nicht mehr möglich zu sein, andere Länder helfen dem Pleiteland aus der Patsche. In der Wirtschaft dagegen war es so, dass ein Unternehmen kaputtging, wenn es schwere Fehler machte. Zumindest für Banken und Konzerne scheint mir dieses Gesetz weitgehend außer Kraft gesetzt zu sein. Im Strafrecht hat sich der Gedanke ausgebreitet, dass Täter selten aus individueller Schuld zu Tätern werden, sondern meist infolge von Umständen, die sie nicht zu verantworten haben. Die frühere Rolle der Familie, eine Generation sorgt für die andere, hat zu großen Teilen der Staat übernommen. Wenn ein Kind in der Schule schlechte Noten hatte, dann machten früher die Eltern dem Kind Stress, dies habe ich selber erleben dürfen. Jahre später, als Vater, erlebte ich, dass viele Eltern für die Noten ihrer Kinder den Lehrer verantwortlich machen, oder die Schule, oder gleich das ganze Erziehungssystem.

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Ich möchte das gar nicht pauschal kritisieren, jede dieser Entwicklungen hat ihr Für und Wider, und über jede von ihnen müsste man getrennt diskutieren. Es gibt aber doch eine auffällige Gemeinsamkeit. Die Idee, dass Handelnde im Wesentlichen selbst für ihre Taten, für ihr Leben, für ihre Erfolge und Misserfolge, auch für die Menschen, die ihnen nahestehen, verantwortlich sind, diese Idee der Verantwortung gilt in den verschiedensten Bereichen zunehmend als altmodisch oder sogar menschenfeindlich.

Jeder ist seines Glückes Schmied. So lautete eine, selbstverständlich ideologische und nicht ganz wahre, Kernidee des Kapitalismus. Das Individuum soll frei sein, es hat die Wahl, es kann scheitern oder gewinnen. Wir haben jetzt eine neue Ideologie: Schuld sind immer die anderen. Handlungen dürfen niemals Folgen haben. Deshalb glaube ich, dass wir in Wahrheit längst nicht mehr im Kapitalismus leben, sondern in etwas anderem, einem System, für das es noch keinen Namen gibt und dessen erster Systemkritiker ich gern wäre.

Ich lehne es, aus Gründen, die Sie jetzt sicher begreifen, ab, für meine Kolumnen irgendeine Verantwortung zu übernehmen. Ich bin für das, was ich schreibe, nicht zuständig. Wenden Sie sich an die Verwaltung, an den Staat, an meine Eltern, suchen Sie sich etwas aus. Und freiwillig zurücktreten werde ich auch nicht.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio

 
Leser-Kommentare
  1. 1. Danke

    für diesen Artikel am Morgen. Ich hab gelacht :D

  2. ... auch in diesem Text liegen Sie wieder ungewollt daneben. Sie meinen es humorvoll, wenn Sie feststellen, dass niemand mehr für sein tun verantwortlich gemacht werden möchte/verantwortlich sein möchte. Das mag jetzt ein wenig bierernst wirken, aber ich glaube, in diesem Zusammenhang ist es erlaubt: Wenn man sich die Ergebnisse der modernen Neurowissenschaft anschaut, ist genau das die Aussage: Der freie Wille des Menschen ist möglicherweise eine Illusion. Was wir tun, denken oder sagen, ist weit mehr dem Zufall oder zumindest Einflüssen geschuldet, die jenseits unserer Macht stehen, als bisher gedacht. Das sind allerdings nicht unbedingt äußere Einflüsse, insoweit stimmt Ihre ironische Konotation wieder.

  3. Wieder mal großartig, danke.

    Eine Leser-Empfehlung
  4. @Hosenmatz:
    Na, genau DAS sagt doch M. und deshalb liegt er keineswegs "daneben".

    • Corte
    • 24.02.2012 um 1:08 Uhr

    Gut beobachtet, die Kolumne zu lesen hat Spaß gemacht! Das fällt mir selbst bei vielen (Bekannten, Familie, auch mir, wenn ich mich nicht zusammenreiße) immer wieder auf, daß niemand mehr einen Fehler zugibt, immer sind die anderen die Bösen. Übrigens ist das meiner Meinung nach auch die Taktik und das Erfolgsgeheimnis der meisten europäischen populistischen Parteien. Sie haben den Trend erkannt oder vielleicht auch in Gang gebracht...

    • sofi04
    • 24.02.2012 um 11:43 Uhr

    Lieber vielgelesener Kommentator! Sehr gerne schwelge ich in Ihren Kommentaren, oft mit einem Schmunzeln auf den Lippen. Diesfalls leider nicht (aber Kommentarleser haben auch kein verfassungsmäßiges Recht auf Unterhaltung). Sie irren meiner Meinung nach an der "NEUHEIT" dieses Trends. Und auch das - für Sie noch namenslose - System hat (zumindest für mich und das sicher schon seit etwa 2 Jahrzehnten) einen Namen: Wir leben in einer ANSPRUCHS-Gesellschaft, wobei ich das keineswegs auf die Politik reduziert wissen will (schließlich haben wir genau die Politiker, die wir verdienen), sondern als beeindruckend mehrheitsfähiger Anspruch. Die Frage stellt sich für viele in ihrem täglichen Tun (oder häufiger noch: Nicht-Tun) nicht, was jeweils der persönliche Beitrag (für eine Sache, eine Beziehung, eine Gesellschaft) sein kann, sondern welcher Anspruch ihm/ihr zustehe. Demzufolge ist es systemimmanent, dass aus dieser Wahrnehmungsperspektive keinerlei Eigenverantwortung logisch konstruierbar ist, da man ja selbst etwas zu bekommen habe. Politisch hat diese Trendwende - in Österreich - einen prominenten Vater: Seit der Ära Bruno Kreisky (70er Jahre) suggeriert "die Politik", dass "der Staat" für alles sorge, aufkomme, alles finanziere ... Damit hätten wir doch die Verantwortung geklärt, oder? (Als Idealist, der sich darin erinnert, dass "der Staat" wir alle sind, bleibt weiterhin das tägliche Hochhalten meiner eigenen Verantwortung & tägliche Überzeugungsarbei in meinem Umfeld)

  5. Sie alleine sind dafür verantwortlich daß Sie sich selbst und
    ihre Kinder wohlwollend erziehen.

    Die vorteilsnehmenden Politiker sollten ihnen niemals als
    Beispiel dienen, das wäre zu einfach.
    Und auf die Lehrer ihrer Kinder ihr erzieherisches Versäumniß
    abzuwälzen erlaube ich ihnen nicht.
    Mit ihrem Wissen, mit ihrer Intelligenz wissen Sie durchaus um-
    zugehen,sonst könnten Sie nicht diese Wortwahl in ihren
    Artikeln benutzen.
    Deshalb sind Sie auch für ihre Schreibe voll verantwortlich,
    Sie brauchen sich auch dafür nicht zu schämen.

    Es ist absolut nicht notwendig ein neues System,vielleicht das
    Martenstei-Syndrom, einzuführen.
    Einen wirklichen Kapitalismus hat es in diesem Land auch noch
    nicht gegeben, es sei denn Sie meinen diese kleinkarierten,
    geldgeile, hinterlistigen Abzocker aus Politik und Wirtschaft.

    Herr Martenstein, Sie haben die Größe solch kleines an sich
    abprallen zu lassen.
    Weiter so.
    Wir brauchen Sie und ihre geschliffenen Sätze.
    Tut gut.

  6. "Deshalb glaube ich, dass wir in Wahrheit längst nicht mehr im Kapitalismus leben, sondern in etwas anderem, einem System, für das es noch keinen Namen gibt und dessen erster Systemkritiker ich gern wäre."

    .. dass es Idiokratie heisst ;-).

    Nicht einmal Macchiavelli (http://de.wikipedia.org/w...) hat in seinen kühnsten Albträumen ein solches Chaos erfinden können, wie wir ihn heute erleben.

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