Meryl StreepEinsame Klasse

Für ihre Rolle der Margaret Thatcher ist Meryl Streep jetzt für einen Oscar nominiert. Die Fotografin Brigitte Lacombe hat ihren Aufstieg von Anfang an begleitet. von Lisa Feldmann

Es gibt diesen Clip aus dem vergangenen Jahr. Eine Art Making-of, wie das ist, wenn Brigitte Lacombe fotografiert, gefilmt von einem ihrer Assistenten. Man sieht Meryl Streep in der Maske von Margaret Thatcher. Einen Moment lang, zwischen zwei Szenen. Man hört die Geräusche der Crew im Hintergrund, spürt, wie die Aufmerksamkeit von Streep mäandert. Wie sie die Premierministerin gibt, dann die Schauspielerin, die die Premierministerin spielt, dann das Modell einer Premierministerin-Darstellerin für eine Fotosession. Dazwischen, zehntelsekundenschnell, eine Frau, die einer anderen in die Augen schaut. Leicht amüsiert, aber auch fokussiert. Das hier soll schnell gehen, spürt man, aber trotzdem perfekt sein. Souveränes, vertrauensvolles Agieren, eine seltsam entspannte Eile, wie sie entsteht, wenn zwei Menschen etwas schon sehr oft gemacht haben miteinander. Reibungslos.

Seit mehr als dreißig Jahren fotografiert Brigitte Lacombe nun Meryl Streep. Lacombe, gebürtige Französin, ist eine der erfolgreichsten Porträtfotografen der Welt. Die beiden Frauen – Streep ist 62, Lacombe einige Jahre jünger – teilen eine Erfolgsgeschichte, in der fast alle Rollen an große Namen Hollywoods vergeben sind.

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Und schuld daran ist Dustin Hoffman. Den hatte Lacombe 1974 in Cannes kennengelernt, Hoffman kam wegen seines Films Lenny, die Fotografin hatte ein Engagement für die französische Elle. Man mochte sich auf Anhieb, Hoffman lud sie ein aufs Set von All the President’s Men, sie durfte ihre erste Backstage-Reportage machen. Und da es für solche Reportagen kein großes Reisebudget gab, übernachtete sie auch gleich noch bei den Hoffmans in New York, wurde Familie und Freunden vorgestellt. So kam sie wenig später auf Steven Spielbergs Set von Unheimliche Begegnung der dritten Art, und Donald Sutherland nahm sie mit zu den Dreharbeiten von Fellinis Casanova. Das junge, unerschrockene Mädchen mit den flachen Sandalen und dem schlichten Rock bezauberte ganze Filmcrews, bald schon hatte sie ihre Kamera, eine Hasselblad, auch im privaten Kreis dabei, nach dem sonntäglichen Tennismatch, beim Abendessen, im Taxi.

Als der Produzent von Kramer gegen Kramer einen Fotografen für das Filmplakat suchte, war es wieder Hoffman, der ihren Namen ins Spiel brachte. Er spielte die Hauptrolle, einen verlassenen jungen Ehemann, der plötzlich sein Kind allein aufziehen muss. Eine junge, noch nicht wirklich populäre Kollegin namens Meryl Streep spielte die Rolle der Ehefrau. Das Plakat sollte eine Situation abbilden, die im Film bereits Vergangenheit ist – die glückliche Kleinfamilie.

Brigitte Lacombe machte die Aufnahmen in einem kleinen Studio in Brooklyn und genoss den großzügigen Zeitrahmen – einmal nicht dazwischengeschoben zu werden, sondern mit viel Muße und Detailbesessenheit Emotion entstehen lassen zu können. Filmplakate sind eine ernste Angelegenheit, von ihnen hängt nicht selten der Erfolg des Films ab, der Druck auf alle Beteiligten ist immens. Brigitte Lacombe entdeckte ihre Liebe zum Porträt: das Einstellen auf ein Gesicht, einen Menschen, so lange, bis sie ihn »draufhat«.

Die Fotografin war fasziniert von Meryl Streep, seit sie den Fernseh-Fünfteiler Holocaust gesehen hatte. Inzwischen war Streep zwar bereits für The Deer Hunter mit einer Oscar-Nominierung bedacht worden, und Woody Allen hatte ihrer damals typischen Art, die langen blonden Haare zu tragen, in Manhattan ein filmisches Denkmal gesetzt. Dennoch stand ihr Name immer noch recht klein auf dem Plakat, der Star hieß Dustin Hoffman. Das sollte sich für immer ändern, nachdem neben Hoffman auch Streep mit einem Oscar belohnt wurde – für die beste Nebenrolle im großen Publikumserfolg des Jahres 1979.

Leserkommentare
  1. Nachdem ich ein Interview von Meryl Streep zum Film gelesen hatte (leider weiß ich nicht mehr wo), war klar, dass ich mir diesen Film nicht ansehen werde. Ich mag Meryl Streep als Darstellerin eigentlich, beim Lesen des Interviews ist mir jedoch aufgefallen, dass sie sich so gar nicht über die politische Rolle von M. Thatcher informiert hat und daran auch nicht interessiert war. Ihr kam es einzig auf die auch vom Autor des Artikels hier erwähnten Schwerpunkte an ... und die sind nun mal so gut wie nicht politischer Natur. Diese Uninformiertheit und das gezeigte Desinteresse an dem, was M. Thatcher national und international bewirkt hat, unabhängig davon, ob es nun positiv oder negativ zu bewerten ist, hat mich doch stark irritiert und ließ mich vermuten, dass hier ein entpolitisiertes Porträt einer hochpolitischen Person gezeigt wird. An solchen Darstellungen, seien sie auch schauspielerisch auf höchstem Niveau, bin ich nicht interessiert. Das wäre so, als würde ich mir ein Porträt von Johnny Cash ansehen, welches Musik nur am Rande vorkommen lässt. Wie würde wohl eine Verfilmung des Lebens von M. Thatcher von O. Stone aussehen?

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