Sollen Banken verstaatlicht werden? Darf die Zentralbank in den Anleihenmarkt eingreifen? Wie stark sollen Finanzgeschäfte reguliert werden? Schwierige Fragen für Politiker. Ratschläge dürften sie eigentlich von den Makroökonomen erwarten – jenen Volkswirten, die zuständig sind für die großen Zusammenhänge . Doch deren Empfehlungen , das hat man in der Weltfinanzkrise gemerkt, sind ungenau.

Was ist bloß los mit den Makroökonomen? Im Kern ist ihr Fach angewandte Mathematik. Mit Modellen schätzen die Forscher, wie eine Volkswirtschaft reagiert, wenn Politiker an bestimmten Stellschrauben drehen. Aber moderne Volkswirtschaften sind hoch kompliziert. Sie ganz genau in Modelle zu übersetzen ist unmöglich. Also müssen die Makroökonomen die Welt für ihre Modelle vereinfachen.

Eine wesentliche Vereinfachung ist es, den Finanzsektor wegzulassen – und genau das haben Makroökonomen lange Zeit getan, zumindest in den gängigen Mainstream-Modellen. Ursprünglich war das auch einmal zulässig. Denn noch vor 50 Jahren machte der Finanzsektor nur einen Bruchteil der amerikanischen Volkswirtschaft aus. Und das Geschäftsmodell der Kreditinstitute war ebenso einfach wie stabil. In Amerika sprach man vom 3-6-3-Banker: für 3 Prozent Zinsen Spareinlagen hereinnehmen, für 6 Prozent Zinsen Kredite vergeben, nachmittags um 3 Uhr auf dem Golfplatz sein.

Doch diese Zeiten sind lange vorbei. Seit den siebziger Jahren haben Amerikas Banken immer ausgefallenere Finanzprodukte erfunden, sind sie immer höhere Wetten eingegangen. Inzwischen erzielen die Finanzfirmen einen signifikanten Anteil aller Unternehmensgewinne in den USA .

Am Mainstream der Makroökonomie ging dieser Trend vorbei. Man hatte sich bequem eingerichtet in Modellen ohne Finanzsektor. »Es sah ganz so aus, als seien die großen Fragen der Makroökonomik gelöst«, erinnert sich Mark Gertler von der New York University an die Jahre vor der Weltfinanzkrise. Heute aber ist klar: Wer Amerikas Volkswirtschaft analysieren will, darf die Finanzwirtschaft nicht länger ignorieren. »Es gibt plötzlich ein riesiges Interesse daran, den Finanzsektor in die Modelle einzubauen«, sagt der Princeton-Professor Markus Brunnermeier.

Die Theorie hinkt der Praxis jedenfalls hinterher. Viele Makroökonomen gingen bisher davon aus, dass sich Volkswirtschaften vor allem durch eine einzige Stellschraube steuern lassen – den Zinssatz. Doch in der Krise haben die Politiker alles benutzt, was ihnen in die Hände fiel: Staaten übernahmen Anteile an Finanzunternehmen; Zentralbanken kauften massiv Anleihen; Regierungschefs garantierten für alle Einlagen bei Banken.

»Wie sich solche Maßnahmen auf die Volkswirtschaft auswirken, konnten wir Makroökonomen bislang nur grob vermuten«, sagt Gertler. »Um den Politikern bessere Ratschläge geben zu können, müssen wir diese ganzen neuen Stellschrauben in unsere Modelle einbauen.«