MakroökonomiePraxis ohne Theorie

Die Finanzwirtschaft hat riesige Bedeutung erlangt – bloß nicht in den Modellen der Ökonomen. von Pierre-Christian Fink

Sollen Banken verstaatlicht werden? Darf die Zentralbank in den Anleihenmarkt eingreifen? Wie stark sollen Finanzgeschäfte reguliert werden? Schwierige Fragen für Politiker. Ratschläge dürften sie eigentlich von den Makroökonomen erwarten – jenen Volkswirten, die zuständig sind für die großen Zusammenhänge . Doch deren Empfehlungen , das hat man in der Weltfinanzkrise gemerkt, sind ungenau.

Was ist bloß los mit den Makroökonomen? Im Kern ist ihr Fach angewandte Mathematik. Mit Modellen schätzen die Forscher, wie eine Volkswirtschaft reagiert, wenn Politiker an bestimmten Stellschrauben drehen. Aber moderne Volkswirtschaften sind hoch kompliziert. Sie ganz genau in Modelle zu übersetzen ist unmöglich. Also müssen die Makroökonomen die Welt für ihre Modelle vereinfachen.

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Eine wesentliche Vereinfachung ist es, den Finanzsektor wegzulassen – und genau das haben Makroökonomen lange Zeit getan, zumindest in den gängigen Mainstream-Modellen. Ursprünglich war das auch einmal zulässig. Denn noch vor 50 Jahren machte der Finanzsektor nur einen Bruchteil der amerikanischen Volkswirtschaft aus. Und das Geschäftsmodell der Kreditinstitute war ebenso einfach wie stabil. In Amerika sprach man vom 3-6-3-Banker: für 3 Prozent Zinsen Spareinlagen hereinnehmen, für 6 Prozent Zinsen Kredite vergeben, nachmittags um 3 Uhr auf dem Golfplatz sein.

Doch diese Zeiten sind lange vorbei. Seit den siebziger Jahren haben Amerikas Banken immer ausgefallenere Finanzprodukte erfunden, sind sie immer höhere Wetten eingegangen. Inzwischen erzielen die Finanzfirmen einen signifikanten Anteil aller Unternehmensgewinne in den USA .

Am Mainstream der Makroökonomie ging dieser Trend vorbei. Man hatte sich bequem eingerichtet in Modellen ohne Finanzsektor. »Es sah ganz so aus, als seien die großen Fragen der Makroökonomik gelöst«, erinnert sich Mark Gertler von der New York University an die Jahre vor der Weltfinanzkrise. Heute aber ist klar: Wer Amerikas Volkswirtschaft analysieren will, darf die Finanzwirtschaft nicht länger ignorieren. »Es gibt plötzlich ein riesiges Interesse daran, den Finanzsektor in die Modelle einzubauen«, sagt der Princeton-Professor Markus Brunnermeier.

Die Theorie hinkt der Praxis jedenfalls hinterher. Viele Makroökonomen gingen bisher davon aus, dass sich Volkswirtschaften vor allem durch eine einzige Stellschraube steuern lassen – den Zinssatz. Doch in der Krise haben die Politiker alles benutzt, was ihnen in die Hände fiel: Staaten übernahmen Anteile an Finanzunternehmen; Zentralbanken kauften massiv Anleihen; Regierungschefs garantierten für alle Einlagen bei Banken.

»Wie sich solche Maßnahmen auf die Volkswirtschaft auswirken, konnten wir Makroökonomen bislang nur grob vermuten«, sagt Gertler. »Um den Politikern bessere Ratschläge geben zu können, müssen wir diese ganzen neuen Stellschrauben in unsere Modelle einbauen.«

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Leserkommentare
  1. Wenn man sich die Frage nach dem Stand der Ökonomie stellt, sind die Makroökonomen nicht die geeignete Quelle. Es handelt sich um Fragen der Finanzwissenschaft (Wirtschafspolitik und Finanzpolitik). Von diesen Ökonomen hört man zu wenig, obwohl sie die besten Ratgeber sind. Meistens geht es um prinzipielle Fragen der Ordnungspoplitik, die auch nur der beantworten kann, der auf diesem Gebiet fit ist. So ist es ganz klar, dass der Finanzsektor aus dem Ruder läuft, wenn die Politik die falschen Anreize setzt (Immobilienblasen) oder falsch reguliert (Bankenwesen). Die andere Frage ist die der Staatsverschuldung. Dieses Dreigestirn an Baustellen ist indes schon längst gründlichst beackert, aber es wird zu wenig "vermarktet" (z.B. Prof. Buch), oder die Medien üben sich in Ideologie. So gibt es eine Theorie des Staatsversagens, die das angerichtete Dilemma der heutigen "Baustellen" erklärt. Im Grunde hat das Gebilde aus Politikern, Wählern, Bürokratie und Lobbys auf breiter Front versagt. Nachzulesen in: Dr. Norbert Leineweber, Norbert Walter (Hg.) 1993 und in der Diss. Das säkulare Wachstum der Staatsausgaben (1988). Diese beiden Quellen decken das relevante Forschungsgebiet vollumfänglich ab, und zwar weil es sich nicht um mathematische Modelle handelt, sondern um verhaltensorientierte Forschung. Der Autor ist auch Member CESifo/IIPF, würde aber nie die Chance auf einen Leitartikel bekommen oder in eine Talk-Show eingeladen werden. Das ist anderen (Polit-Ideologen)vorbehalten.

    Eine Leserempfehlung
    • NONW
    • 29. Februar 2012 20:32 Uhr

    Wenn ich lese: "Inzwischen erzielen die Finanzfirmen einen signifikanten Anteil aller Unternehmensgewinne in den USA."
    fage ich mich ob nicht, "Inzwischen schöpfen die Finanzfirmen einen signigikanten Anteil aller Unternehmensgewinne ab", richtiger wer. Ich meine was prodozieren die Finanzfirmen was Werte schafft und wo kommt das Geld sonst her?

    3 Leserempfehlungen
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    • gquell
    • 01. März 2012 8:27 Uhr

    Sie fragen sich, wo die Gewinne herkommen?
    Um das zu klären, müssen Sie darüber nachdenken, wie Geld erzeugt wird. Im Gegensatz zur langläufigen Meinung wird Geld nicht so erzeugt, daß ein Sparer seiner Bank sein Geld anvertraut und die dieses Geld weiter an einen Kreditnehmer verleiht.
    Geld wird durch einen einfachen Buchungssatz erzeugt. Jede Bank kann ein Vielfaches ihrer eigenen Sicherheiten (auf den Kanalinseln auch ohne Sicherheiten!) an Krediten vergeben - sogenannte Giralgeld. Dieses Geld muß dann üblicherweise verzinst zurückgezahlt werden. Das heißt, es muß mehr Geld zurückgezahlt werden als im System vorhanden ist. Und so entstehen die Schuldenblasen!

    Vereinfachtes Beispiel:
    Eine Bank hat 1Mio als Sicherheiten. Sie darf etwa das 10fache an Krediten vergeben. Also wird sie 10 Mio zu einem moderaten Zins von 5% herausgeben. Nach 5 Jahren werden alle Kredite auf einen Schlag getilgt. In der Zwischenzeit sind aber ca 2,8 Mio an Zinsen aufgelaufen. Diese müssen zusätzlich irgendwo herkommen. In unserer Gesellschaft geschieht das über einen neuen Kredit!
    So wächst die Kreditsumme ständig und kann nur durch Schuldenverzicht wieder zurückgefahren werden.
    Und wenn Sie sich jetzt überlegen, um welche Summen es hier geht, werden Sie verstehen, daß unsere Weltwirtschaft vor dem Absturz stehen.

    Schauen Sie im Internet einfach unter "verzinstes Geldsystem" und Sie werden einige Antworten finden.

  2. Fragte man nach dem "warum" für die teilweise Banalität der Modelle, bekam man pampige Antworten, fragte man nach dem "warum" für die Notwendigkeit, bekam ich seinerzeit einen Bandwurm-Satz nach Politikerart kredenzt, bei dem der Prof am Ende glaub ich selbst nicht mehr wusste, womit er angefangen hatte oder womit er hätte aufhören sollen.

    4 Leserempfehlungen
    • tokos
    • 29. Februar 2012 23:33 Uhr

    Klar und einfach ausgedrückt lautete doch die Devise der letzten Jahrzehnte: Der private Finanzsektor weiß am besten wo es langgeht und sollte so weit wie möglich in Ruhe gelassen werden. Die durchgehende Linie der These unschlagbarer Märkte zieht sich in der Ökonomie von Adam Smith über Hayek, Friedman, die Varianten der Allgemeinen Gleichgewichtstheorie und der Theorie rationaler Erwartungen bis hin zu zeitgenössischen Ökonomen. Auch Alan Greenspan beteuert noch 2007 seinen abgrundtiefen Glauben an die „unsichtbare Hand“ und sieht den Staat und seine Institutionen lediglich in der Rolle des Feuerwehrchefs, der systemische Verantwortung übernimmt.

    Überhaupt kann man beobachten, dass die öffentliche Diskussion um die Ursachen der Finanzkrise einem „paradoxen Verhaltensmuster der Lernhemmung“ folgt: Sobald der erste Schock vorbei ist, wird von den Eliten der Versuch unternommen, das Unangenehme zu leugnen oder zu verdrängen. Gleichzeitig wächst das Bedürfnis nach Sicherheit, was sich über ein operativ-hektisches Herumdoktern an den Symptomen in einem Trend zur Wiederherstellung der vor der Krise herrschenden Bedingungen äußert. Das kommt in weiten Teilen der Bevölkerung nicht schlecht an: lieber bekanntes Leid, als unbekanntes Glück.

    http://goo.gl/7FBnH

  3. Die Erfindung einer globalen Wirtschaft ist wie eine Hydra, eine Tierart, die in den antiken Schauspielen viel Haupt-rollen spielte. Und viele Köche verderben bekanntlich den Brei. Amborse sagte dereinst: " Ökonomie ist das Erwerben eines Fasses Whiskey, das man nicht braucht, zum Preis der Kuh, die man sich nicht leisten kann." Brauchen wir eine so große Finanzstrategie? Glaube nicht, zumal der Staat daran am wenigsten verdient und die Profitgier der Wirtschaftshaie unsere Gesellschaft zermürbt und verunsichert. Was Europa braucht sind arbeitsmarktpolitische Strukturen, die die Menschen ins Leben führt, sie motiviert und langfristig an die Arbeitsplätze und Familien bindet.

    Eine Leserempfehlung
    • gquell
    • 01. März 2012 8:27 Uhr

    Sie fragen sich, wo die Gewinne herkommen?
    Um das zu klären, müssen Sie darüber nachdenken, wie Geld erzeugt wird. Im Gegensatz zur langläufigen Meinung wird Geld nicht so erzeugt, daß ein Sparer seiner Bank sein Geld anvertraut und die dieses Geld weiter an einen Kreditnehmer verleiht.
    Geld wird durch einen einfachen Buchungssatz erzeugt. Jede Bank kann ein Vielfaches ihrer eigenen Sicherheiten (auf den Kanalinseln auch ohne Sicherheiten!) an Krediten vergeben - sogenannte Giralgeld. Dieses Geld muß dann üblicherweise verzinst zurückgezahlt werden. Das heißt, es muß mehr Geld zurückgezahlt werden als im System vorhanden ist. Und so entstehen die Schuldenblasen!

    Vereinfachtes Beispiel:
    Eine Bank hat 1Mio als Sicherheiten. Sie darf etwa das 10fache an Krediten vergeben. Also wird sie 10 Mio zu einem moderaten Zins von 5% herausgeben. Nach 5 Jahren werden alle Kredite auf einen Schlag getilgt. In der Zwischenzeit sind aber ca 2,8 Mio an Zinsen aufgelaufen. Diese müssen zusätzlich irgendwo herkommen. In unserer Gesellschaft geschieht das über einen neuen Kredit!
    So wächst die Kreditsumme ständig und kann nur durch Schuldenverzicht wieder zurückgefahren werden.
    Und wenn Sie sich jetzt überlegen, um welche Summen es hier geht, werden Sie verstehen, daß unsere Weltwirtschaft vor dem Absturz stehen.

    Schauen Sie im Internet einfach unter "verzinstes Geldsystem" und Sie werden einige Antworten finden.

    2 Leserempfehlungen
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    • RD1
    • 01. März 2012 10:02 Uhr
    • taxos
    • 02. März 2012 10:33 Uhr

    „Es (...) ist von selbst ersichtlich, dass das bloße Einführen einer besonderen Art, Güter gegeneinander auszutauschen, dadurch dass zuerst ein Gut gegen Geld und dann das Geld gegen etwas anderes getauscht wird, keinen Unterschied im Wesen der Vorgänge ausmacht. ... Kurz: es kann, wenn man der Sache auf den Grund geht, in der Wirtschaft der Gesellschaft nichts Bedeutungsloseres geben als Geld; außer insofern es ein Mittel zur Ersparnis von Zeit und Arbeit ist. Es stellt sich als ein Mechanismus dar, dasjenige in Ruhe und Bequemlichkeit zu tun, was auch ohne es gleichfalls, wenn auch weniger ruhig und bequemgetan würde;": Das, was Stuart Mill(1806-1876) vor langer Zeit formulierte, ist heute noch Stand der Wissenschaft. Alle reden von den sagenhaften Gewinnen, doch die gesamtvolkswirtschaftliche Frage, die Marx vor 150 Jahren formulierte, "Die Frage ist nicht: Wo kommt der Mehrwert her, sondern: wo kommt das Geld, um den Mehrwert zu versilbern" hat in der heutigen Lehre noch keinen Eingang gefunden -auch nicht bei linken Ökonomen. Makroökonomisch braucht das aber einen Zuwachs von Außen, soll der gesamtvolkswirtschaftliche Gewinnsaldo positiv sein. Woher aber kommt dieser Zuwachs? Bislang zu guten Teilen aus der Finanzindustrie. Darum ließen dies Rechte wie Linke gewähren, hielt man damit doch das Spiel am Laufen.

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  • Schlagworte USA | Anleihe | Bank | Mathematik | Kredit | Regierungschef
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