Gauck und MerkelDas Ende des Ossis

Zwei Zonen-Kinder haben es geschafft: Joachim Gauck und Angela Merkel beenden die Mär von der ostdeutschen Opferrolle. von Alexander Cammann

Joachim Gauck und Angela Merkel sitzen während einer Pressekonferenz zwischen (v.l.n.r.) Cem Özdemir, Claudia Roth, Sigmar Gabriel, Horst Seehofer und Philipp Rösler

Joachim Gauck und Angela Merkel sitzen während einer Pressekonferenz zwischen (v.l.n.r.) Cem Özdemir, Claudia Roth, Sigmar Gabriel, Horst Seehofer und Philipp Rösler   |  © Jörg Carstensen dpa/lbn

Zwei große Erzählungen voller Wendungen und Fügungen kannte die deutsche Politik nach 1945: die Geschichte des vaterlosen Antifaschisten Willy Brandt , der 1933 emigrieren musste und mehr als drei Jahrzehnte später Bundeskanzler jener Deutschen wurde, die einst Hitler gewählt hatten. Und die 68er-Geschichte um Joschka Fischer und Co. , die als Spontis, Maoisten und Revolutionäre einst das System stürzen wollten, um ebenfalls drei Jahrzehnte später sich an dessen Spitze zu tummeln.

Seit Sonntag ist eine dritte romantische Erzählung hinzugekommen: die der Ostdeutschen Angela Merkel und Joachim Gauck , die beide einst neu und als Außenseiter an Bord der Bundesrepublik kamen und doch auf die Kommandobrücke des Staatsschiffs gelangten. Zuvor hatten sie, lange eingemauert in einer Diktatur, diese erfolgreich gestürzt, sich blitzschnell mit den Westdeutschen vereint, um anschließend nicht sonderlich ambitioniert in Nebenrollen zu verharren, während die dominanten Profis aus der alten Bundesrepublik weiterhin die Bühne beherrschten.

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Dass bereits 15 Jahre nach der Einheit eine Ostdeutsche Kanzlerin aller Deutschen werden konnte, war schon damals das viel bestaunte, oft kommentierte Politwunder. Aber erst jetzt, wenn Joachim Gauck von der Bundesversammlung zum Bundespräsidenten gewählt wird, ist der ostdeutsche Triumph perfekt und kein Einzelfall mehr: zwei Zonenkinder an der Spitze der Bundesrepublik Deutschland, jener großen kapitalistischen Industrienation – es wäre 1990 kaum vorstellbar gewesen. Höhnisch mokierten sich damals westdeutsche Politiker über die "Laienspieler" in der am 18. März 1990 erstmals frei gewählten Volkskammer, dem DDR-Parlament. Als Abgeordneter saß darin auch Pastor Gauck für das oppositionelle Bündnis 90; Angela Merkel vom Demokratischen Aufbruch wurde stellvertretende Regierungssprecherin unter Ministerpräsident Lothar de Maizière .

Man betrachte noch mal die Bilder von damals: Was für Bärte, Klamotten und Frisuren! Unvergessen der schwer irritierte Blick von Helmut Kohl auf den neben ihm voller Demut vor dem Augenblick den Kopf senkenden de Maizière, als man 1990, auf dem Vereinigungsparteitag von Ost- und West-CDU, das Deutschlandlied absang. 22 Jahre später haben sich die Perspektiven umgekehrt: Merkel und Gauck sitzen souverän nebeneinander und verkünden dessen Kandidatur, während neben ihnen Philipp Rösler, Sigmar Gabriel, Claudia Roth und Cem Özdemir wie skurrile Laienspieler wirken.

Merkel und Gauck haben, aus einem anderen Land kommend, einen schnelleren Marsch durch die Institutionen hingelegt als jeder 68er. Zum historischen Vergleich: Als 1707 das schottische und das englische Parlament die Union beider Länder in einem Vereinigten Königreich beschloss, dauerte es noch ein halbes Jahrhundert, bis 1762 mit John Stuart, Earl of Bute, der erste Schotte als Premierminister in Großbritannien ein glückloses Jahr amtieren konnte. Die sicherlich nicht große, aber versierte Kanzlerin Merkel regiert schon jetzt länger als die mythischen Gestalten Ludwig Erhard und Willy Brandt . Selbst wer sie nicht schätzt, kann ein ästhetisches Vergnügen dabei empfinden, wie sie kraftstrotzende Sprösslinge der alten BRD als Konkurrenten erledigte: Roland Koch , Jürgen Rüttgers , Stefan Mappus, Friedrich Merz, Günther Oettinger , Peter Müller – Parteifreunde allesamt, die an der Ostfrau gescheitert sind. Auch wenn die nüchterne Merkel den pathetischen Gauck bis zuletzt nicht gewollt hat: Das Duo wird sich demnächst im Schloss Bellevue schon gelegentlich kneifen, ob sie nicht doch alles träumen und jeden Moment wieder im Labor des Zentralinstituts für physikalische Chemie der Ostberliner Akademie der Wissenschaften oder während einer Gemeindekirchenratssitzung in Rostock-Evershagen aufwachen.

Über die Gründe für den Erfolg beider, die in Herkunft und Habitus den bundesdeutschen Eliten spürbar fremd sind, kann man lange diskutieren. Zufall oder Erschöpfung des überkommenen Establishments? Gewiss wird auch die Sehnsucht einer Mediengesellschaft nach Exotik und vermeintlicher Authentizität bald diagnostiziert werden. Aber erst der internationale Vergleich macht die Sache interessant: Franzosen und Engländer können angesichts der Durchlässigkeit unseres Systems nur neidvoll erblassen. Am Ende symbolisiert das künftige Duo an der Staatsspitze vor allem eines: die bemerkenswerte Erfolgsstory der ostdeutschen Integration seit 1989.

Nützlich war dabei paradoxerweise die westliche Ignoranz, die in ihrem oberflächlichen, fremdelnden Blick auf den Osten seine Durchsetzungskraft unterschätzt hat. Rückblickend war sein Jammern ein geschickter Schachzug: Die Dynamik und Leistungsbereitschaft der Klagenden verbarg sich hinter den Gesängen von Benachteiligung und Biografien-Entwertung. Für einen säkularen Epochenbruch mit Systemabsturz verfielen erstaunlich wenige in anhaltende Depressionen; sie berappelten sich rasch. Die Stärke, mit der die eigene Schwäche behauptet wurde, hätte immer schon misstrauisch machen können. Das Jammern funktionierte wie jeder therapeutische Diskurs als Stabilisierungsmittel, das sogar die Milliarden des Solidaritätszuschlags einbringen konnte.

Leserkommentare
  1. Er begreift sich als Praktiker. Bücher, Schriften und Theorien dienten aus seiner Sicht der Diktatur.

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    • Fabiana
    • 24. Februar 2012 12:32 Uhr

    Dass sich seit 1989 „Deutschlands Antlitz mehr verändert hat, als eingefleischte Bundesrepublikaner sich und anderen suggerieren wollten“ steht außer Frage. Die Wiedervereinigung hat wie ein Katalysator gewirkt, der während der 90-er Jahre nationalistische Tendenzen an die Oberfläche gespült hat. Ich vergesse nie das Treffen mit einem alten jüdischen Professor am 10. November 1989 an der FU, der sagte, er habe Angst davor, was nun wieder passieren könnte. Die Pogrome von Rostock und Hoyerswerda ließen dann ja auch nicht lange auf sich warten. Natürlich gehören weder Merkel noch Gauck in diese Ecke – doch wer von den ehemaligen Bürgerechtlern, vor denen ich höchsten Respekt habe, nicht zu den skrupellosen Machtpolitiker/inne/n gehörte (Meckel, Bohley, Forck, Schorlemmer, Thierse) hat das Bild des wiedervereinten Deutschland wenig geprägt. Die nationale Identität ist gestärkt worden, aber um welchen Preis! Es gibt keine Idee von Europa mehr, keine Idee von Gerechtigkeit, dafür No-Go-Areas, wo man als Ausländer/in nicht hingehen und als „Wessi“ nicht hinziehen sollte … Würde ich nicht an der Landesgrenze im Südwesten wohnen, würde ich mich noch fremder im eigenen Land fühlen.

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    Mölln und Solingen liegen für Sie demnach auch im Osten?

  2. "Am Ende symbolisiert das künftige Duo an der Staatsspitze vor allem eines: die bemerkenswerte Erfolgsstory der ostdeutschen Integration seit 1989."

    Völlig richtig, Integration gelingt nur dann wenn man sie möchte und man bereit ist dafür etwas zu tun. Dazu gehört auch alte Zöpfe abschneiden und neue wachsen zu lassen.
    Gräbt man sich aber in einer Parallelgesellschaft mir eigener Kultur und Regeln ein und versteht unter Integration, das diese dann gefälligst von Deutschland akzeptiert werden soll, dann klappt es nie mit dem ankommen in diesem Land.
    Viele Ossis haben bewiesen das es möglich ist in diesem Land anzukommen und das sogar recht schnell möglich ist, mit der Konseqeunz dass nun 2 davon an der Spitze dieses gemeinsamen Staates stehen.
    Andere Gruppen von Menschen, die zu diesem Land dazugekommen sind, müssen ihre Integrationwilligkeit- und Fähgkeit erst noch beweisen.

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    "Viele Ossis haben bewiesen das es möglich ist in diesem Land anzukommen"

    Na Klasse. Wenn ich mir Ihren Beitrag durchlese frage ich mich wirklich ob wir eine WIEDERVEREINIGUNG oder einen BEITRITT hatten?!

    Es geht mir absolut aufn Sack, dass es so absolut normal ist/war ,dass sich die Ostdeutschen an den Westen anpassten/anpassen.

    Am besten jedes "typisch Ostdeutsche" abstreifen und sich brav eingliedern. Ja nicht ein stück aufeinander zugehen!

    "Ossis" sind also die besseren "Türken" oder was?
    Aua. Aus jedem Blickwinkel ganz schön schief.

    Bin der gleichen Meinung wie Peter_B

    • kerle51
    • 24. Februar 2012 12:40 Uhr

    Welche Bedeutung soll ein derartiges Schubladendenken haben? Nach so einer Logik war Hitler ein Österreicher. Obama ist fast ein Afrikaner. Stalin fast ein Türke. Honneker ein Saarländer.
    Eine derartige Einteilung bringt nichts als böses Blut, es zeugt von Mangel an Weltsicht.
    Wichtig ist, was hinter all dem steckt, was wirklich passiert. Solche Dinge, dass es eben keine "friedliche Revolution" in der DDR gegeben hat, sondern eine gigantische Pleite, die bewußt von den Akteuren von Anfang an einkalkuliert war. Es gab keinen kalten Krieg, denn es gab immer eine Abhängigkeit der UdSSR von Weltmarkt-Technologie und sogar vom Weizen. Man hat den Russen komplette Flugzeugwerke verkauft, auch komplette Autofabriken, Raffinerien (z.B. Schwedt zur Versorgung Berlins mit Diesel und Heizöl). IKEA oder andere große Möbelhäuser sowie Neckermann oder Quelle hätte es ohne die subventionierte Fertigung in Ostdeutschland, Polen und Tschechien nicht gegeben. Es gab immer eine starke Verwicklung der Länder.

    Es ist eine Beleidigung einigermaßen intelligenter Menschen, all diese Verwicklungen unter den Teppich zu kehren. Die Personen sind dermaßen unwichtig, dass sie einem fast leid tun könnten. Es gibt ein System, und dem sind wir alle unterordnet. Auf die Details kommt es dabei überhaupt nicht an. Man muss das große Ganze sehen.

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    • eikfir3
    • 24. Februar 2012 13:36 Uhr

    ..man muß immer das große Ganze sehen, finde ich auch immer! Aber:
    , daß Honecker als Saarländer oder Hitler als Österreicher zu sehen wären in diesem Zusammenhang, finde ich auch nicht. Aber: Gauck und Merkel als Ex-DDR'ler schon, weil dort ihr Aufwachs-, Wirk- und insgesamt Lebensmittelpunktt war und lag.
    Also empfinde ich das ähnlich wie im ZEIT-Artikel jetzt ausgedrückt:
    Zwei ehemalige Bürger der DDR haben -wenn denn Gauck hoffentlich und tatsächlich gewählt werden sollte - die beiden höchsten zu vergebenden Staatsämter der Bundesrepublik Deutschland dann inne, fände ich richtig gut!

  3. Daran glaub ich nicht, das ist doch seine einzige Geschichte und sie ist noch nichtmal richtig richtig.
    Davon abgesehen findet Integration nicht qua einiger Amtsinhaber und Titelträger statt.

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    Offensichtlich reicht es aus, in der DDR Pfarrer gewesen zu sein.
    Ein westdeutscher Pfarrer, der auch noch ein wenig regimekritisch war, hätte wohl nie eine Chance.

  4. Merkel und Gauck verkörpen spezifische Nischen der ostdeutschen Gesellschaft, aber sicher nicht deren überwiegende Mehrheit. Die Nische ist diejenige der protestantisch geprägten Bewegungen von 1989. Und diese hat unzweifelhaft große Verdienste, ist aber nicht wirklich typisch ostdeutsch. Typisch ostdeutsch ist beispielsweise eher eine Indifferenz gegenüber Religion.

    Im Gegensatz zur PDS oder später der Linken hat sich Merkel nie explizit für ostdeutsche Interessen eingesetzt. Das muss kein Fehler gewesen sein - dadurch dass sie nicht verdächtig war, nur regionale Interessen zu vertreten, hat sie sich auch als gesamtdeutsche Kanzlerin qualifiziert.

    Gauck hingegen hatte nur ein Thema: Stasi und Antikommunismus. Er hat damit zwar einen sehr spezifisch ostdeutschen Fokus, allerdings sind diese Themen sehr spaltend.

    Es ist schon etwas irritierend, dass an der Spitze zweier Verfassungsorgane mecklemburgische Protestanten stehen - eine absolute Minderheit in unserem Land. Und das sage ich als Ostdeutscher, der in einen christlichen Kindergarten gegangen ist.

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    Angela Merkel ist in dem Brandenburgischen teil der Uckermark aufgewachsen. Templin nämlich.

    Joachim Gauck kommt aus Rostock. Das ist richtig.

    Übrigens nicht "mecklemburgische" sondern mecklenburgische. Entschuldige ;-)

    Dem kann ich nur zustimmen. Gauck ist nicht der typische Ostdeutsche, sondern der typische Opportunist. Ich habe bisher noch keinen glaubhaften Nachweis darüber, dass er in der DDR, als es noch schwierig war, zu den Bürgerrechtlern gehört hat wie z. B. Herr Schorlemmer, vor dem ich größte Hochachtung habe.

    Gauck bedient nur ganz geschickt die noch vorhandenen Reflexe der Westdeutschen aus der Zeit des Kalten Krieges: Er hält ein paar salbungsvolle Reden über Freiheit und Demokratie (kommt immer gut an) und bezeichnet selbst als Bürgerrechtler (löst sofort den Reflex aus: guter Mensch (Heiliger), weil gegen die DDR) - die gegen ihn sind, sind die Bösen und sehnen sich heimlich nach der DDR zurück (hat man bei der Einladung der Gäste bei Anne Will diese Woche gut beobachten können).

    Wer wie ich in der DDR groß geworden ist, kann eben besser differenzieren, weil er auch SED-Mitglieder gekannt hat, die gute und selbstlose Menschen waren und Bürgerrechtler, deren Charakter zu wünschen übrig ließ. Ich habe in der DDR gelernt, einen Menschen nach seinen Taten einzuschätzen und nicht nach Parteimitgliedschaft oder politischer Überzeugung. Und da kommt Gauck, bei dem, was mir bisher bekannt ist aus seinem Leben, nicht gut weg.

    Ich mache eine Wette mit, dass Gauck als Bundespräsident nicht im geringsten anecken wird, sondern brav das sagt, was der Mainstream hören will, damit er als vorbildlicher Bundespräsident in die Geschichte eingeht.

  5. - zumindest solange man aus jedem davon noch so weit entfernten Sachverhalt ein "Ost vs. West"-Ding draus macht!

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  6. dass wenigstens Horst Seehofer nicht mit der "skurrilen Laienspielertruppe" in einem Atemzug genannt wurde.

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