Zwei große Erzählungen voller Wendungen und Fügungen kannte die deutsche Politik nach 1945: die Geschichte des vaterlosen Antifaschisten Willy Brandt , der 1933 emigrieren musste und mehr als drei Jahrzehnte später Bundeskanzler jener Deutschen wurde, die einst Hitler gewählt hatten. Und die 68er-Geschichte um Joschka Fischer und Co. , die als Spontis, Maoisten und Revolutionäre einst das System stürzen wollten, um ebenfalls drei Jahrzehnte später sich an dessen Spitze zu tummeln.

Seit Sonntag ist eine dritte romantische Erzählung hinzugekommen: die der Ostdeutschen Angela Merkel und Joachim Gauck , die beide einst neu und als Außenseiter an Bord der Bundesrepublik kamen und doch auf die Kommandobrücke des Staatsschiffs gelangten. Zuvor hatten sie, lange eingemauert in einer Diktatur, diese erfolgreich gestürzt, sich blitzschnell mit den Westdeutschen vereint, um anschließend nicht sonderlich ambitioniert in Nebenrollen zu verharren, während die dominanten Profis aus der alten Bundesrepublik weiterhin die Bühne beherrschten.

Dass bereits 15 Jahre nach der Einheit eine Ostdeutsche Kanzlerin aller Deutschen werden konnte, war schon damals das viel bestaunte, oft kommentierte Politwunder. Aber erst jetzt, wenn Joachim Gauck von der Bundesversammlung zum Bundespräsidenten gewählt wird, ist der ostdeutsche Triumph perfekt und kein Einzelfall mehr: zwei Zonenkinder an der Spitze der Bundesrepublik Deutschland, jener großen kapitalistischen Industrienation – es wäre 1990 kaum vorstellbar gewesen. Höhnisch mokierten sich damals westdeutsche Politiker über die "Laienspieler" in der am 18. März 1990 erstmals frei gewählten Volkskammer, dem DDR-Parlament. Als Abgeordneter saß darin auch Pastor Gauck für das oppositionelle Bündnis 90; Angela Merkel vom Demokratischen Aufbruch wurde stellvertretende Regierungssprecherin unter Ministerpräsident Lothar de Maizière .

Man betrachte noch mal die Bilder von damals: Was für Bärte, Klamotten und Frisuren! Unvergessen der schwer irritierte Blick von Helmut Kohl auf den neben ihm voller Demut vor dem Augenblick den Kopf senkenden de Maizière, als man 1990, auf dem Vereinigungsparteitag von Ost- und West-CDU, das Deutschlandlied absang. 22 Jahre später haben sich die Perspektiven umgekehrt: Merkel und Gauck sitzen souverän nebeneinander und verkünden dessen Kandidatur, während neben ihnen Philipp Rösler, Sigmar Gabriel, Claudia Roth und Cem Özdemir wie skurrile Laienspieler wirken.

Merkel und Gauck haben, aus einem anderen Land kommend, einen schnelleren Marsch durch die Institutionen hingelegt als jeder 68er. Zum historischen Vergleich: Als 1707 das schottische und das englische Parlament die Union beider Länder in einem Vereinigten Königreich beschloss, dauerte es noch ein halbes Jahrhundert, bis 1762 mit John Stuart, Earl of Bute, der erste Schotte als Premierminister in Großbritannien ein glückloses Jahr amtieren konnte. Die sicherlich nicht große, aber versierte Kanzlerin Merkel regiert schon jetzt länger als die mythischen Gestalten Ludwig Erhard und Willy Brandt . Selbst wer sie nicht schätzt, kann ein ästhetisches Vergnügen dabei empfinden, wie sie kraftstrotzende Sprösslinge der alten BRD als Konkurrenten erledigte: Roland Koch , Jürgen Rüttgers , Stefan Mappus, Friedrich Merz, Günther Oettinger , Peter Müller – Parteifreunde allesamt, die an der Ostfrau gescheitert sind. Auch wenn die nüchterne Merkel den pathetischen Gauck bis zuletzt nicht gewollt hat: Das Duo wird sich demnächst im Schloss Bellevue schon gelegentlich kneifen, ob sie nicht doch alles träumen und jeden Moment wieder im Labor des Zentralinstituts für physikalische Chemie der Ostberliner Akademie der Wissenschaften oder während einer Gemeindekirchenratssitzung in Rostock-Evershagen aufwachen.

Über die Gründe für den Erfolg beider, die in Herkunft und Habitus den bundesdeutschen Eliten spürbar fremd sind, kann man lange diskutieren. Zufall oder Erschöpfung des überkommenen Establishments? Gewiss wird auch die Sehnsucht einer Mediengesellschaft nach Exotik und vermeintlicher Authentizität bald diagnostiziert werden. Aber erst der internationale Vergleich macht die Sache interessant: Franzosen und Engländer können angesichts der Durchlässigkeit unseres Systems nur neidvoll erblassen. Am Ende symbolisiert das künftige Duo an der Staatsspitze vor allem eines: die bemerkenswerte Erfolgsstory der ostdeutschen Integration seit 1989.

Nützlich war dabei paradoxerweise die westliche Ignoranz, die in ihrem oberflächlichen, fremdelnden Blick auf den Osten seine Durchsetzungskraft unterschätzt hat. Rückblickend war sein Jammern ein geschickter Schachzug: Die Dynamik und Leistungsbereitschaft der Klagenden verbarg sich hinter den Gesängen von Benachteiligung und Biografien-Entwertung. Für einen säkularen Epochenbruch mit Systemabsturz verfielen erstaunlich wenige in anhaltende Depressionen; sie berappelten sich rasch. Die Stärke, mit der die eigene Schwäche behauptet wurde, hätte immer schon misstrauisch machen können. Das Jammern funktionierte wie jeder therapeutische Diskurs als Stabilisierungsmittel, das sogar die Milliarden des Solidaritätszuschlags einbringen konnte.