Im Park, unter alten Kastanien, stehen acht Männer im Kreis. Sie tragen Lederjacken, Kapuzenpullover, Chucks. Die Augen haben sie geschlossen. "Zählen Sie im Geiste die Namen aller Sportmannschaften auf, die Ihnen einfallen", sagt Susan Wellnitz, die einzige Frau in der Runde. Die Männer schweigen. "Und denken Sie jetzt an Ihre Lieblingsfernsehsendung!"

Wellnitz ist Therapeutin, und die acht um sie herum sind Patienten der ersten Tagesklinik in Deutschland, die sich ausschließlich um Männer mit Depressionen kümmert. "Erdung" nennt sie das Zusammentreffen im Park. Das Ziel: nicht an Vergangenheit oder Zukunft denken, sondern ganz in der Gegenwart sein. Die Männer in der Runde haben das verlernt.

Männer sind anders depressiv als Frauen. Sie haben andere Symptome, ihre Suizidrate ist drei Mal so hoch. Brauchen sie also eine andere Therapie? Chefarzt Michael Hettich hat diesen Schluss gezogen. Während die Unterschiede zwischen Männern und Frauen von vielen niedergelassenen Ärzten noch kaum beachtet werden, probt er am Klinikum Wahrendorff bei Hannover seit März des vergangenen Jahres im kleinen Maßstab eine Alternative zum üblichen Therapiebetrieb. Es ist ein Kontrastprogramm und eine Abkehr. Denn vor mehr als zwei Jahrzehnten war der Weg in die andere Richtung beschritten worden. Die bis dahin nach Geschlechtern getrennten Stationen wurden zusammengelegt.

Als leitender Arzt auf psychotherapeutischen Stationen hat Hettich aber beobachten müssen: Die Behandlung von Depressionen passt wenig oder gar nicht zu den Bedürfnissen männlicher Patienten. In der Therapie sind Männer lieber unter sich. "Man hat vor Frauen Hemmungen, über Gefühle zu reden", sagt der Patient Michael Boeck. "Man kann sich nicht vorstellen, vor einer Frau zu heulen." Der 40-Jährige mit randloser Brille und Ohrring, Facharbeiter bei VW , kam mit einer schweren Depression und Selbstmordgedanken hierher. Seit neun Wochen besucht er die Tagesklinik Wahrendorff. An seinen Mitpatienten hat er beobachtet: Bei Neuankömmlingen dauert es eine ganze Woche, bis das leicht verlegene, leicht überlegene Grinsen aus ihren Gesichtern verschwunden ist. Er selbst habe mehrere Wochen gebraucht, bis er richtig drin war in der Gruppe. "Bis man merkt: Man kann hier mit allem Mist ankommen."

Depressive Männer wollen nicht malen und tanzen

Übliche Therapieformen tauchen hier kaum auf, themenoffene Gesprächsrunden zum Beispiel. Männer, sagt Hettich, würden die nicht mögen. Denn sie machten sich in der Gruppe ungern selbst zum Thema und hörten sich, anders als viele Frauen, nicht gern die Probleme anderer an. "Außerdem lehnen sie die üblichen stationären Programme wie Seidenmalerei, Körbeflechten oder Tanzen in der Regel ab."

Als Hettich die Station in Wahrendorff - ganz bewusst ambulant, also als Tagesklinik - einrichtete, kaufte er als Erstes zwei Fußballtore. "Aktivierung" heißt der Punkt im Wochenplan, bei dem die Männer kicken oder anderen Sport treiben. "Da geht es um Teamgeist", erklärt Hettich, "auf dem Fußballplatz kann man kein einsamer Wolf sein." Auch beliebt: das Wikingerspiel, bei dem zwei Teams mit Holzklötzen versuchen, die gegnerischen Klötze umzuwerfen. "Das Spiel beinhaltet viele wichtige Elemente, zum Beispiel den Umgang mit Frustration, aber auch Freude über Erfolgserlebnisse."

Mathias Berger, ärztlicher Direktor der Abteilung für Psychiatrie und Psychotherapie der Uni-Klinik Freiburg , weiß um die Probleme, Männer zu einer Psychotherapie zu motivieren. "Sie suchen nur ungern Hilfe, weil das mit dem männlichen Stereotyp nicht vereinbar ist", sagt er. Berger ist Gründungsmitglied des Freiburger Bündnisses für Depression , das eine "Arbeitsgruppe Männerdepression" eingerichtet hat. Unbeholfenheit - oder auch Unlust -, die viele Männer beim Reden über emotionale Probleme zeigen, hat auch seine Mitarbeiterin Elisabeth Schramm beobachtet. "Man merkt, es ist nicht ihr Spezialgebiet", sagt die Professorin für Psychologie. "Sie brauchen da viel mehr Unterstützung und Nachhilfe."