DJ Fetisch"Mein Hund hat mir das Einfache vermittelt"

Der Musiker und DJ Fetisch über sein unruhiges Leben als Künstler und seinen Halt – einen Labrador von 

DJ Fetisch

DJ Fetisch  |  © Kira Bunse

ZEITmagazin: Herr Fetisch – sagt man so? –, Ihre neue Platte heißt »Hotel Amour«. Was verbinden Sie mit dieser Vorstellung?

Fetisch: Es ist meine siebte Langspielplatte, aber die erste, auf der es um Romantik geht. Meine früheren Sachen waren viel abstrakter, mehr von der Einsamkeit ausgehend oder auch politischer und angreifender. Jetzt wird ganz klassisch von der Liebe gesungen. Sie heißt aber auch Hotel Amour, weil ich mit so vielen Gästen zusammenarbeite. Ich stelle mir da ein Haus vor, in dem alle unter einem Dach leben. Ein bisschen so wie das Chelsea Hotel früher, nur schöner und vielseitiger.

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ZEITmagazin: Ist das ein Traum von Ihnen, dass Kreativität etwas mit Gemeinschaft zu tun hat?

Fetisch: Ich habe Schwierigkeiten mit der Realität. Damit, Lebenspläne zu machen. Ich habe mir immer so Paralleluniversen gebastelt, mit anderen Prioritäten. Wenn ich Musik mache, habe ich immer Orte im Kopf, Räume oder irgendeine Art des Zusammenlebens.

Fetisch

49, ist in Berlin geboren. Bekannt wurde er mit seinem Musikprojekt Terranova, dessen Debütalbum 1999 erschien. Das fünfte Terranova-Werk Hotel Amour ist soeben beim Kölner Label Kompakt herausgekommen. Fetisch lebt in Berlin und Paris

ZEITmagazin: Soziale Räume?

Fetisch: Ja, aber auch die Architektur, in denen diese sozialen Räume sind. Im Nachtleben habe ich immer eher eine Realität gefunden, in der ich mich gerne bewege, als im Tagleben. Und weil es nicht reicht, die ganze Zeit nur zu tanzen, habe ich mir eben so ein Hotel Amour vorgestellt, wo man auch andere Dinge machen kann.

Das war meine Rettung
Alle Interviews aus der Serie des ZEITmagazins zum Nachlesen

Alle Interviews aus der Serie des ZEITmagazins zum Nachlesen  |  © qsus/photocase

ZEITmagazin: An was denken Sie da konkret?

Fetisch: Gut essen, viele Menschen kennenlernen, gemeinsam arbeiten. Ich hatte nie das Interesse, eine klassische Band zu gründen, wo man immer mit denselben Leuten arbeitet.

ZEITmagazin: Worin unterscheidet sich das Nachtleben vom Tagleben?

Fetisch: Nachts liegt die Priorität bei kollektiver Ekstase, beim Kennenlernen, beim Flirten. Tagsüber geht es mehr darum, dass man seine Schäfchen ins Trockene bringt. Das hat mich nie interessiert, davor habe ich sogar richtig Angst. Ich habe Angst, richtig anzukommen. Ich finde ein Leben spannend, in dem man immer sucht und immer unterwegs ist.

ZEITmagazin: Fühlt man sich da nie verloren?

Fetisch: Man fühlt sich sicher auch manchmal verloren. Aber ich denke, das kann einem genauso passieren mit sechs Kindern und fünf Enkeln im Grunewald. Wenn ich mich verloren fühle und ein Tief habe, was immer wieder dazugehört, sonst könnte man die Hochs ja gar nicht empfinden, dann sorge ich dafür, dass ich die Umgebung wechsle oder mich einer neuen Situation stelle. Ich bin so aufgewachsen, in vielen Städten. Ich bin in Berlin geboren, dann in Brüssel und London zur Schule gegangen und mit 18 nach New York gezogen. Als ich 2008 nach Paris ging, war das eine Entscheidung, die ich über Nacht getroffen hatte. Manchmal habe ich das Gefühl, dass ich einen Weg lange genug gegangen bin und dass sich etwas totläuft.

Fetischs Hund, rechts im Bild

Fetischs Hund, rechts im Bild  |  © Kira Bunse

ZEITmagazin: Wie findet man Menschen, die einen weiterbringen?

Fetisch: Das ist oft Zufall. Als ich 16 war, starb meine Mutter. Ich zog von London nach Berlin zu meiner Großmutter. Da arbeitete ich dann, weil das mit der Schule nichts für mich war, in einem Modegeschäft. Da kam plötzlich ein Typ rein und sagte: »Hey, mein Name ist John Baker , I am from New York. I was told, I can stay with you.« Ich hatte den Jungen nie vorher gesehen, aber sagte gleich: »Ja klar, you can stay with me.« Ich kannte den gar nicht, aber wir waren beide Verehrer von Vivienne Westwood und sahen aus wie Piraten. Damals lief viel Kommunikation über das Outfit. Man hat sich erkannt, ohne sich groß vorstellen zu müssen. Das gibt es heute so nicht mehr. Heute gibt es besser und schlechter angezogene Leute, aber man sagt nicht mehr: Jemand in einer rosa Hose ist interessanter als jemand in einer schwarzen. Wir sind dicke Freunde, bis heute. Ihm bin ich nach New York gefolgt und später dann nach London, wo er eine Plattenfirma gründete, bei der ich meine erste Platte rausbrachte.

Ijoma Mangold

gehört neben der Fotografin Herlinde Koelbl und dem Psychologen Louis Lewitan zu den Interviewern unserer Gesprächsreihe. Mangold ist Redakteur im ZEIT-Feuilleton.

ZEITmagazin: Gab es je in Ihrem bewegten Leben eine Situation, in der Sie gerettet werden mussten?

Fetisch: Eine Rettung war tatsächlich, dass ich mir vor sieben Jahren einen Hund gekauft habe. Das war eine Phase, in der es mir sehr schlecht ging, ich war desillusioniert und selbstzerstörerisch unterwegs – das bringt dieses kompromisslose Nachtleben auch mit sich. Wenn es nur noch Konsum ist und nicht mehr produktiv, also die Erfüllung durch Arbeit wegfällt, dann fühlt man sich sehr schnell leer und greift nach irgendeiner Droge, aber das geht nicht auf. In diesem Tief habe ich mir einen Labrador gekauft. Er schaute mich so tief an – und ich stand wieder auf den Beinen. Er hat mir das Einfache vermittelt. Es gab wieder einen Grund, morgens aufzustehen. Er sorgt dafür, dass ich nicht versacke, denn ich weiß, ich muss ja wieder zu ihm zurück.

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    • Serie Das war meine Rettung
    • Schlagworte Architektur | Droge | Enkel | Kommunikation | Konsum | Nachtleben
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