Erfolgreiche Firmenchefs gelten vielfach als Draufgänger, die mit zukunftsweisenden Ideen den Markt revolutionieren. Das hält der amerikanische Autor Jim Collins für einen Mythos. Um ein Unternehmen erfolgreich zu führen, brauchen Spitzenmanager seiner Meinung nach keine Visionen, sondern nur eine »konkrete, klar definierte, gut durchdachte und strikt einzuhaltende« Strategie.

Collins fragte sich, warum einige Unternehmen auch unter schwierigen wirtschaftlichen Bedingungen dauerhaft wachsen, während ihre Konkurrenten in ähnlichen Situationen scheitern. Wie etwa schaffte es Southwest Airlines, von einem regionalen Unternehmen zur größten Billigfluggesellschaft der Welt aufzusteigen, während der Konkurrent PSA übernommen wurde – obwohl Southwest doch zunächst nichts anderes tat, als das Geschäftsmodell von PSA zu kopieren?

Das Geheimnis, so Collins, ist Disziplin. Gerade weil sich die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen ständig veränderten, sei es wichtig, dass es in einem Unternehmen verlässliche Richtlinien gebe und die gesetzten Ziele mit äußerster Disziplin verfolgt würden. So hatte der ehemalige Southwest-Vorstand Howard Putnam seiner Airline ein klares Programm vorgegeben: Nur Strecken von weniger als zwei Stunden sollen geflogen werden, mit nur einem Flugzeugtyp, und nach der Landung soll so schnell wie möglich wieder gestartet werden.

Das sind keine visionären Ideen, sondern gut durchdachte Prinzipien. Über Jahre hinweg wich das Unternehmen kaum von diesen Grundsätzen ab. So konnte es seinen Aufstieg selbst dann fortsetzen, als Ende der Siebziger die Deregulierung des US-Flugverkehrs zu harten Preiskämpfen führte.

Dieses und ähnliche spannende Beispiele machen Collins’ Buch lesenswert. Der Autor zeigt unter anderem, was Roald Amundsens Weg zum Südpol mit der Krebserkrankung des ehemaligen Intel-Chefs Andy Grove gemeinsam hat und warum man auf dem Mount Everest dieselben Fähigkeiten braucht wie an der Spitze eines Topunternehmens. Neben Disziplin hält er vor allem die paranoide Angst vor dem Scheitern als Triebkraft für den Erfolg. Denn diese Angst sei es, die Top-Manager dazu bringe, »sowohl in guten als auch in schlechten Zeiten extreme Wachsamkeit aufrechtzuerhalten«.

Dementsprechend erinnert im Büro von Bill Gates ein Foto von Henry Ford daran, dass jeder unternehmerische Höhenflug ein Ende haben kann. Apple-Chef John Sculley kündigte hingegen eine mehrwöchige Auszeit an, als es bei Apple Ende der Achtziger richtig gut lief. Im Folgejahr sank Apples Aktienrendite erheblich. Der heute so erfolgreiche IT-Konzern ist für Collins ein Negativbeispiel, weil er bis Mitte der Neunziger wiederholt in Krisen geriet. Der enorme Aufstieg gelang erst in den 2000er Jahren – nach Ansicht des Autors vor allem deshalb, weil Steve Jobs das Unternehmen an seine anfänglichen Grundsätze erinnerte und wieder eine klare Strategie verfolgte.

Die Einsichten des Wirtschaftsexperten gründen auf sorgfältiger Forschungsarbeit (über 7.000 Dokumente wurden gesichtet), sind aber oft nicht neu. Dass man nur vorankommt, wenn man seine Ziele konsequent verfolgt, ist eine Binsenweisheit und trifft nicht nur auf Spitzenunternehmen zu. Und auch der Hinweis, dass Projekte in der Regel umso erfolgreicher abgeschlossen werden, wenn sie gut durchdacht sind, ist nicht gerade originell. Andererseits besticht Collins gerade deshalb, weil er den Erfolg von Spitzenmanagern nicht mit einer irgendwie angeborenen Genialität begründet, sondern mit handfesten Fertigkeiten. Endlich zeigt wieder einmal jemand auf, was gute Unternehmensführung eigentlich ist: harte Arbeit.

Und noch etwas fällt auf. Am erfolgreichsten sind diejenigen Unternehmer, die nicht glauben, dass »Glück beziehungsweise Pech, Chaos oder jeder andere externe Faktor« entscheidend für ihren Erfolg sei. Denn auch in Zeiten wirtschaftlicher Unsicherheit gilt: Wer von sich selbst Rechenschaft für sein Handeln fordert, wird alles dafür tun, möglichst gut abzuschneiden.