Karola Wille, 52, empfängt im prächtigen Büro – dort, wo noch im Herbst 2011 ihr Vorgänger Udo Reiter residierte: Jener Mann, der den MDR in den Nachwendewirren aufbaute und zum erfolgreichsten dritten Programm machte. Der Umstand, dass das Sendergelände in Leipzigs Süden einst ein Schlachthof war, taugte Journalisten im Zuge der Affären und Sauereien des Senders zu Wortspielen. Dass Karola Wille das Areal Anfang der neunziger Jahre selbst erworben hat, wissen die wenigsten. »Das war meine erste Amtshandlung als juristische Referentin«, sagt Wille, »Zwölf Hektar und 95 Ar von der Stadt Leipzig zu kaufen.« Wie sie, die hier einst die Verträge aufsetzte, zur Chefin des MDR aufstieg , ist erstaunlich: Von der DDR-Wissenschaftlerin, die sich im Fernstudium in West-Jura weiterbilden ließ, wurde sie zur wichtigsten Medienmanagerin des Ostens. Wille ist auch Film-Intendantin der ARD . Sie sagt, im Kino möge sie keine Action. Dafür gut Erzähltes: Die »Legende von Paul und Paula« oder »Kirschblüten« . Was sie im eigenen Programm gern sieht, soll sich zeigen – beim gemeinsamen Fernsehen oder besser: beim Zappen durch die MDR-Mediathek, an einem Abend im Februar, bei Häppchen und Saft. Unerwartet offen spricht Wille über ihr Leben, Unrecht im SED-Staat – und den Osten.

DIE ZEIT: Frau Wille, was schauen wir heute?

Karola Wille: Eines vorab: Ich bin kein Entspannungsseher. Ich gucke nicht viel fern. Aber die Mediathek ist wie für mich erfunden! Wie Läden, die bis 22 Uhr offen sind. Oft arbeite ich bis zehn, zwölf Uhr nachts, dann checke ich noch mal Mails. Zum Schluss gehe ich in die Mediathek. Das Leben besteht gerade aus Zeitfenstern.

ZEIT: Haben Sie ein Fernsehritual?

Wille: Sonntags, um 20.15 Uhr, schaue ich Tatort oder Polizeiruf . Und das Aktuelle ist mir wichtig: Wir haben unsere 18-Uhr-Nachrichten gerade von fünf auf 20 Minuten erweitert.

Die erste Sendung, die sie anklickt, ist weniger nachrichtlich: »Der Osten – Entdecke, wo du lebst«. Eine von Willes Lieblingssendungen. In dieser Folge wildert der Mink, eine pelzige Plage: »Das Raubtier aus Übersee terrorisiert seit einem Jahrzehnt die heimische Tierwelt.« Beutezug der Minke, Szene 1: Uhus, Eulen, herrlich schönes, bedrohtes MDR-Land.

Wille: Kennen Sie Der Osten ? Läuft dienstags. Das steht auch für das Neue, was wir versuchen.

Aufnahmen vom Elbe-Havel-Winkel. Hollywoodmusik. Ein possierliches Fellknäuel steckt den Kopf aus einem Erdloch – der Mink! Wille kichert, das tut sie häufig, sie hat ein Zahnpastalächeln. Auftritt Fischmeisterin Hannelore Sachse aus Zerbst. Die jagte als Erste 1994 einen Mink: »Und da hab ick den jeschossen!«

Wille: Das ist spannend erzählt! Schöne Bilder von der Natur hier! Das spricht die Leute an. Allein diese couragierte Frau, die mit beiden Beinen im Leben steht. Typisch für die Menschen in dieser Region. Genau die wollen wir zeigen. Für sie ist der MDR Identität und Halt.