Es geht um Gummistiefel und Bierdeckel und um Josef Ackermann . Und um Botticelli natürlich, um Cranach und Neo Rauch. Es geht um Champagner und auch um Currywurst. Es geht darum, das Frankfurter Museumswunder zu begreifen.

Wie kann das sein? Warum gelingt hier, was in Bochum, Hagen oder Hamburg undenkbar scheint? Viele deutsche Städte wären ihre Kunsthallen am liebsten los, weil das Geld einfach nicht mehr reicht und jeder kaputte Seifenspender, jede defekte Lüftungsklappe gleich den Finanzplan ins Kippen bringt. Große, teure Ausstellungen? Neue Kunstwerke für die eigene Sammlung? Das gab es früher mal. Heute regiert die graue Sparwut.

Einzig das Städel Museum in Frankfurt träumt nicht von glücklicheren Zeiten. Hier sind sie glücklich. Hier stecken die Bürger viele Millionen in einen fulminanten Neubau, den sie mit lauter Kunstwerken füllen, die sie bis vor Kurzem noch nicht besaßen. Und sie haben trotzdem genug übrig, um die alten Museumsflügel gründlich zu sanieren, alles auf den neuesten Belichtungs-, Belüftungs- und Sicherheitsstand zu bringen und nebenbei noch einige alte Meister zu kaufen, darunter ein exquisites Papstbild aus Raffaels Werkstatt. Dass sie außerdem in wunderbaren Ausstellungen schwelgen – gerade ist Claude Lorrain zu besichtigen – und selbst bei der sonst so oft vernachlässigten Forschung und Bildung nicht sparen, man mag es kaum erwähnen.

In dieser Woche findet das Frankfurter Wunder seinen vorläufigen Höhepunkt. Nachdem erst die Moderne-Sammlung und dann die Alten Meister feierlich wiedereröffnet wurden, lädt jetzt der neue, unterirdische Saal zur Vernissage. 3000 Quadratmeter, von denen außerhalb des Museums kaum etwas zu sehen ist, nur ein grüner Hügel, von vielen Glaskreisen punktiert. Im Inneren aber tut sich Großes: Hier im Keller, tief unter der Grasnarbe, will sich das Städel nicht nur erweitern, es will sich rundum erneuern.

Bislang war es ein Haus, das wie kaum ein anderes in Deutschland mit seinen Schätzen aus sieben Jahrhunderten prunken konnte, mit van Eyck und van Gogh, mit Vermeer, Rembrandt, Dürer und ebenso mit Beckmann, Monet oder Kirchner. Nur bei allem, was nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden war, sah es dürftig aus. Es mangelte dem Museum schlicht an Raum und manchmal am Interesse, die Geschichte der Kunst fortzuschreiben. Jetzt aber holt das Museum alles Verpasste nach und landet in der Gegenwart, in einem Saal, der heiterer und heller nicht sein könnte.

Wohl noch nie hat sich ein Museum in so großzügiger Bescheidenheit erweitert. Die Architektur verzichtet aufs Spektakel, sie begnügt sich damit, die Kunst freundlich zu beäugen aus fast 400 Leuchtkreisen. Hier fühlt man sich nicht tiefgaragenartig versenkt, im Gegenteil. Der sanfte Schwung der Decke, die sich zur Mitte aufwölbt, beschwingt auch die Besucher. Zu verdanken ist das dem Architekturbüro schneider+schumacher und ebenso dem Bauherrn, dem Direktor des Städel, Max Hollein .

Er ist, das sagen viele in Frankfurt, der Mann hinter dem Kunstwunder. Hollein, der Betriebswirtschaft und zugleich Kunstgeschichte studierte, der seine Laufbahn im Guggenheim in New York begann, dann mit 32 Jahren zum Chef der Schirn in Frankfurt wurde, ihm vor allem ist es zu verdanken, dass sich viele in dieser Stadt angesprochen, gemeint und auf angenehme Weise auch verpflichtet fühlen, wenn es um das Städel geht. Nicht dass Hollein mit wissenschaftlichen Glanztaten oder bahnbrechenden Ausstellungsideen aufgefallen wäre. Seine Kunst ist die der Verbindlichkeit: Er gewinnt die Menschen – und ihr Geld. Viele schwärmen von seinem Wiener Charme, seinem Tatendrang, davon, wie er alle mitreißt mit seiner Zuversicht, ohne sich von der eigenen Bedeutung forttragen zu lassen. Einer erzählt, er habe einmal 50 Euro gespendet, aus reiner Dankbarkeit, weil seine Tochter eingeschult wurde – und Hollein habe prompt geantwortet, persönlich, mit einem handgeschriebenen Brief!