Krieg in SyrienDie breite Straße des Todes

Wie das syrische Regime aus Ärzten Folterknechte macht: Eine heimliche Reise nach Homs, in die Hochburg des Widerstands. von Jonathan Littell

Ein Kämpfer der Free Syrian Army in Idlib

Ein Kämpfer der Free Syrian Army in Idlib  |  © Bulent Kilic/AFP/Getty Images

Die Medizin als Kriegswaffe

In Baschar al-Assads revoltierendem Syrien ist es nicht nur verboten, zu reden, zu demonstrieren und zu protestieren – auch ärztlich zu versorgen und sich versorgen zu lassen ist verboten. Seit Beginn des Aufstands führt das Regime einen erbarmungslosen Krieg gegen jede Person oder Einrichtung, die imstande wäre, Opfern der Repression medizinische Hilfe zu leisten. »Es ist lebensgefährlich, Arzt oder Apotheker zu sein«, sagt uns ein Apotheker in der Stadt Homs, im Stadtteil Baba Amr. Medizinisches Personal wird inhaftiert wie der Pfleger in Al-Kusair, der verhaftet wurde, nachdem er uns einen Tag zuvor seine geheime Erste-Hilfe-Station gezeigt hatte, deren Teppiche zum Schutz gegen das Blut mit Plastikplanen bedeckt waren. Oder sie werden umgebracht wie Abdel Rahim Amir, der einzige Arzt der Station, der im November vom militärischen Sicherheitsdienst kaltblütig erschossen wurde, als er bei einem Angriff der regulären Armee in Rastan verwundete Zivilisten versorgen wollte. Oder sie werden gefoltert. In Baba Amr beschreibt mir ein Pfleger des »nationalen« Krankenhauses in Homs, der im September im Gefängnis saß, welchen Misshandlungen er ausgesetzt war: Stockschlägen, Auspeitschungen mit verbundenen Augen, Elektroschocks. Danach wurde er vier oder fünf Stunden lang, auf Zehenspitzen stehend, an einem Handgelenk an eine Mauer gekettet – eine weitverbreitete Praxis, die einen Namen hat: asch-schabah. »Dabei bin ich in den Genuss einer Vorzugsbehandlung gekommen«, betont er. »Sie haben mir nicht die Knochen gebrochen.« Manchmal werden sie von den Sicherheitskräften des Regimes lediglich beleidigt. Eine Krankenschwester vom Roten Halbmond wurde in ihrer Ambulanz an einer Straßensperre angehalten. »Wir schießen auf sie, und ihr rettet sie!«, schimpften die wütenden Soldaten.

Jonathan Littell

Geboren in New York, aufgewachsen im Süden Frankreichs: Der Autor reiste bereits mehrfach in Krisengebiete, so 2001 nach Tschetschenien und 2008 nach Georgien

Beide Krankenhäuser der Stadt, das zivile (»national« genannt) und das militärische, stehen unter der Aufsicht der Sicherheitskräfte; ihre Keller und etliche Zimmer sind in Folterkammern umgewandelt worden. Ich werde später mit den entsprechenden Zeugenaussagen darauf zurückkommen. Die Privatkliniken, die letzte Rettung für verwundete Aufständische, sind ständigen Angriffen ausgeliefert. In einer, mitten in der Altstadt gelegen, zeigen mir zwei Krankenschwestern die Einschläge der Schüsse in Fenstern, Wänden und Betten, die von der nahen Zitadelle abgefeuert werden. Abgesehen von den beiden, ist die Klinik leer. »Wir nehmen nur Notfälle auf und behalten niemanden länger als zwei Stunden hier. Die Sicherheitskräfte kommen regelmäßig hierher und nehmen alle fest, die sie antreffen. Die Ärzte wurden gezwungen, das Versprechen zu unterschreiben, dass sie keine Demonstranten mehr behandeln.« Während sie reden, schlägt eine Kugel in einen Raum nebenan ein. Alles lacht. »Seit die FSA«, die »Freie Syrische Armee«, »im Viertel präsent ist«, fährt die eine Schwester fort, »können Verletzte hierher gebracht werden.« Die Rebellenarmee bringt auch Ärzte sicher zu Operationen, wenn möglich. Fünf Tage zuvor hatte die Klinik einen Mann mit offener Bauchdecke aufgenommen: Ein erster Chirurg hatte ihn operieren können, aber um den Eingriff zu Ende zu führen, wäre ein Spezialist nötig gewesen. Das Viertel war jedoch abgeriegelt, und so war es ausgeschlossen, ihn hereinzubringen, und genauso ausgeschlossen, den Patienten in ein anderes Krankenhaus zu überführen. »Am Ende ist er gestorben«, schließt die Schwester.

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Abu Hamseh, ein hoch qualifizierter Chirurg, versucht die Verwundeten zu versorgen, die täglich in einer Erste-Hilfe-Station in seinem Viertel ankommen. Er ist so verzweifelt über den Mangel an Hilfsmitteln – seine Station verfügt weder über Betäubungsmittel noch über Kanülen oder über ein Röntgengerät, er kann niemanden operieren, allenfalls Verbände und Infusionen anlegen –, dass er die Medizin aufgeben und zu den Waffen greifen will. »Ich bin hier zu nichts nutze«, knurrt er erbittert angesichts eines Mannes, dessen Unterleib die Kugel eines Heckenschützen durchbohrt hat, »zu rein gar nichts.« Als der Aufstand begann, arbeitete Abu Hamseh im Militärkrankenhaus von Homs, wo er Zeuge der Folterungen wurde, die verletzten Demonstranten zugefügt wurden, manchmal sogar von Pflegern oder Ärzten, deren Namen er sorgfältig notiert hat. Als der Chefarzt, ein Alawit, diese Praktiken zu unterbinden versuchte, wurden sie trotzdem fortgesetzt, nur heimlich. »Eines Tages habe ich einen Mann notversorgt. Am nächsten Tag sah ich ihn in der Radiologie wieder, wegen eines Hirntraumas, das er am Vortag nicht hatte. So habe ich entdeckt, dass er nachts geschlagen worden war. Er ist zwei Tage später daran gestorben. Dabei wären seine ursprünglichen Verletzungen nicht tödlich gewesen.«

Abu Hamseh hatte es geschafft, sich in Beirut eine Kugelschreiber-Kamera zu besorgen und mithilfe einer Krankenschwester in einem postoperativen Behandlungsraum heimlich vier kleine Filme aufzunehmen. Er zeigt sie mir. Auf diesen Bildern, die oft verwischt sind (wenn sein weißer Kittel den in der Brusttasche steckenden Kugelschreiber verdeckt hat), erkennt man fünf Patienten, nackt oder fast nackt unter ihren Laken, mit verbundenen Augen, einen Fuß am Bett festgekettet. Die Hand des Arztes hebt die Laken von den Patienten: Auf dem Oberkörper von zweien sind ganz frische, große, rote Male von Schlägen zu sehen. Auf einem Möbelstück zur Schau gestellt: zwei biegsame Peitschen, aus Reifen geschnittene und mit Klebeband verstärkte Gummiriemen. Dazu ein Stromkabel mit einem Netzstecker am einen Ende und einer Klammer am anderen, um es an den Fingern, den Füßen oder am Penis anzuschließen. Einer der Verletzten stöhnt unentwegt. »Man hatte ihre Katheter blockiert«, empört sich Abu Hamseh. »Als ich ins Zimmer kam, flehten sie mich an, ihnen etwas zu trinken zu geben. Ich habe die Katheter durchlässig gemacht und die vollen Urinbeutel gewechselt, aber zwei der Patienten sind wegen der Nierenschädigungen ins Koma gefallen. Als ich die Verbände erneuerte, habe ich bei einem Patienten Wundbrand entdeckt. Ich habe es der orthopädischen Abteilung gemeldet, konnte dem aber nicht weiter nachgehen. Drei Tage darauf habe ich erfahren, dass ihm das Bein über dem Knie abgenommen worden war.«

Leserkommentare
    • joG
    • 26. Februar 2012 20:27 Uhr

    ....sollte man sich schämen? Das glaube ich nicht. Es wäre höchstens ein Grund seine Position zu hinterfragen. Das habe ich ziemlich genau. Bereits als ich Jugendlicher war, war das bei uns zuhause ein Thema. Von Zeit zu Zeit habe ich die Fragen dazu neu besucht. Als Waterboarding ein Thema war im Zusammenhang mit Guantanamo habe ich die Studien und zumindest die veröffentlichten Handbücher sowie juristischen Analysen gelesen.

    Ich fand gut, dass die Administration sich damit auseinandersetzte und sich fragte, wo die Grenze zwischen erlaubter und unerlaubter Verhörmethode wäre. Die Abwägungen, die Analysen medizinischer und psychologischer Untersuchungen, die Bewertung der relativ großen statistischen Datenbasis. Ich fand das sehr überzeugend.
    Aber ich dachte, dass ich nicht wissen könne, worüber ich spreche, wenn ich es nicht direkt kenne. So habe ich es an mir selbst machen lassen. Unangenehm ist es. Aber wenn das Folter wäre, wäre der Horror vor Folter übertrieben. Leider ist dieser Horror nicht übertrieben.

    Natürlich kann man zu anderer Meinung kommen bzw das Wort bereits bei relativ harmlosen Verhörmethoden anwenden. Das wäre zwar eine Bedeutungsänderung und Aushöhlung des Begriffs, aber chaque a son gout. Aber persönlich bekomme ich in solchen Diskussionen, dass die meisten Leute sich kaum seriös mit dem Thema beschäftigten und lediglich nachäffen, was sie gehört haben.

    Und wissen Sie? Wenn ich das tun würde, würde ich mich schämen. Dann schon.

    • 2b
    • 26. Februar 2012 21:23 Uhr

    was bleibt, ausser beiden Seiten zu zeigen (durch eigenes EntwicklungsVorbild), dass es modernere Lebensvorhaben gibt, als in "wüsten" Gegenden einander dominant zurückzuentwickeln???

    Wenn das strategische Spiel wäre, die Gegner dadurch zu sänftigen, indem man einen übermächtigen Weiteren (die Globalisierung? die Zukunftsherausforderungen?) als Existenzbedrohung böte, verlagerte man die Auseinandersetzung nur in die Zukunft (oder wer wollte schon mit Initiativen vorsehen, welche beispielsweise Wüsten wiederaufforsten, Niederschlagsmenge von ~11mm - 500mm pro Jahr in Syrien, je nach mittelmeernähe, das Beispiel des Lahav forest und JatirWald der Wüste Negev weitertragend zum 'Wald der Nationen", ...)???

    Die Sklavenhalter schmerzt es, wenn diese erleben, daß die Unterdrückten intelligenter sind als diese selbst - ohne davon zu profitieren - und dazu noch Mitgefühl mit diesen Zurückgebliebenen entwickeln können - Helden des Alltages ...

    Antwort auf
  1. Es ist einfach widerlich, einen so erschütternden Bericht (von der Frau der das halbe Gesicht weggeschossen wurde gibt es übrigens Video beweise man muss nur baba amro bei YT eingeben genau so wie die anderen Grausamkeiten),
    dazu zu benutzen Foltermethoden die Das ertrinken simulieren
    und schwere Psychische Schäden verursachen zu glorifizieren
    oder eine Grundsatzdebatte anzufangen welche Foltermethoden jetzt gut sind und welche schlecht.

    Ich stelle Mir die Frage warum die die Redaktion nicht erkannt hat wofür dieser Kommentar da war.
    Denn es ist offensichtlich das diese Kommentare beabsichtigen den Diskurs vom Artikel Thema wegzudenken, was offensichtlich wunderbar gelungen ist.

  2. Andererseits ist es Genau so widerwärtig einen Diktator der so brutal versucht seine Machtposition zu erhalten zu verteidigen, zu verharmlosen oder alles als Propaganda darzustellen.

    Eine Intervention der Westens zu fordern ist, da man dieses Blutvergießen nicht tatenlos mit ansehen will und helfen möchte verständlich, aufgrund der Tatsache das Bomben aber eben nicht gezielt nur die Schlächter und Folterknechte treffen,
    ist leider die falsche Fährte auf die man uns locken möchte.
    eine Nato Intervention würde auch wieder mindestens zu 50% unschuldige treffen.

    Die Bewaffnung der Rebellen wäre die einzige halbwegs Faire Lösung, die leider aber auch wider das Blutvergießen steigern würde.
    Sich für eine Feuerpause politsch stark zu machen
    würde ermöglichen Zivilisten aus den umkämpften Gebieten herauszubringen und wäre die Art und weise wirkliche Hilfe zu leisten und das Leid zu lindern.
    Jedoch habe ich leider niemanden erlebt der sich dafür einsätzt.

  3. Entfernt. Bitte verzichten Sie auf Unterstellungen. Danke. Die Redaktion/vn

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    ehemaligen Mitarbeiter der Soros Foundation Jonathan Littell außen vor und widmen uns der Realität.

    http://www.perlentaucher.de/magazinrundschau/2008-10-07.html

    Christoph Hörstel, einer der sachkundigsten Experten über den Nahen und Mittleren Osten im Interview über Syriens "Freunde" und Feinde:

    http://www.youtube.com/watch?feature=player_embedded&v=DLg5xrGvJhs

  4. ehemaligen Mitarbeiter der Soros Foundation Jonathan Littell außen vor und widmen uns der Realität.

    http://www.perlentaucher.de/magazinrundschau/2008-10-07.html

    Christoph Hörstel, einer der sachkundigsten Experten über den Nahen und Mittleren Osten im Interview über Syriens "Freunde" und Feinde:

    http://www.youtube.com/watch?feature=player_embedded&v=DLg5xrGvJhs

    Antwort auf "Herr Littell"
    • LaoLu
    • 27. Februar 2012 2:05 Uhr

    Ja, das ist doch wieder ein echter maggi.

    Antwort auf
    • LaoLu
    • 27. Februar 2012 2:12 Uhr

    "....ich bin nie gefoltert worden, habe aber schon Unangenehmeres erlebt als Waterboarding."

    Ich denke mal, da erübrigt sich jeder weitere Kommentar.

    Antwort auf "Wenn Sie meinen...."
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • joG
    • 27. Februar 2012 8:35 Uhr

    ...beurteilen kann, der es nie erlebte. Das zumindest war immer wieder meine Erfahrung. Man lernt Dinge neu zu beurteilen, wenn man sie tut. Dass Viele dies nicht nachträglich wissen wollen, ist eine andere Sache.

    So können Sie kritisieren, ich wüsste nicht, was Folter ist, weil ich sie nie erlebte. Sie hätten völlig recht. Was ich allerdings kenne, ist die Wirkung des Waterboarding wie sie in den Handbüchern beschrieben wird. Diese kenne ich aus medizinischen znd psychologischen Analyse der relativ großen Daten Basis und aus eigener Erfahrung. Ich weiß auch, dass ich schlimmeres erlebt habe. Ich weiß hieraus, dass es bedeutet den Begriff der Folter, wie er war, wenn man ihn auf eine Sache auslegt, die sehr unangenehm ist, auszuweiden. Wenn man das tut, entwertet man ihn. Die Aktivität der Folter ist dann nicht mehr ausnahmslos abhorrent, sondern nur noch relativ schlimm.

    Nun wird es Leute geben, die sagen, das wäre egal, weil man im Augenblick den Feind seiner aktuellen Wahl durch Änderung des Begriffs herabsetzen kann. Das wäre zwar unehrlich, denkt man da vermutlich, es wäre in der Liebe und der Politik alles...

    Persönlich denke ich, das wäre kurzsichtig, aber wie aO bereits vermerkt, kann man sich irren. Und vielleicht ist Unehrlichkeit nicht anrüchig. Das gilt selbstverständlich auch, wenn es nur um Ignoranz ginge, die vorläge, weil man das Wort Folter auf etwas wissentlich anwendet, ohne sich Grundkenntnisse angeeignet zu haben.

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