Schriftsteller T. C. Boyle"Sobald wir Menschen weg sind, werden neue Arten entstehen"

Die Menschheit wird mit Sicherheit irgendwann aussterben - davon ist Schriftsteller T. C. Boyle überzeugt. Das wird anderen Arten ermöglichen, sich durchzusetzen.

Zum Schreiben habe ich nie irgendwelche Stimulanzien benutzt. Anders als andere Autoren, die Alkoholiker und Drogenabhängige sind, hatte ich das schon hinter mir, bevor ich anfing zu schreiben – Musik, Drogen, Saufen. Das war mal mein Weg, mich in einen Traumzustand zu versetzen, aber es war nicht produktiv. Heute halte ich einen regelmäßigen Tagesablauf ein. Ich verfolge ein Projekt sieben Tage die Woche, bis es fertig ist. Immer wieder sehe ich mir an, was ich schon geschafft habe, und versuche, es weiter zu verbessern. So lange, bis ich vergesse, dass ich arbeite. Es ist wie ein Traum, den man jeden Tag betritt.

Meine utopische Vorstellung ist natürlich eine Gesellschaft, die streng von der Literatur regiert würde. Jeder müsste Romane lesen. In meinem Kellerlabor würde ich an einer Geheimstrahlung arbeiten, die alle TV-Frequenzen auf der Welt für immer neutralisiert. Ich würde die Diktatur des Buches anstreben. Aber ich glaube, es wird nicht so kommen. Eher werden wir von Insekten regiert als von Romanschriftstellern. Unter einer Insektenherrschaft ginge es jedoch nur um zwei Dinge: essen und existieren.

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Thomas Coraghessan Boyle

63, geboren in Peekskill im US-Bundesstaat New York, zählt seit seinem 1982 veröffentlichten Debütroman Wassermusik zu den bekanntesten Schriftstellern Amerikas. Er lebt mit seiner Familie in der Nähe von Santa Barbara in Kalifornien. In deutscher Übersetzung erschien kürzlich im Hanser Verlag sein Roman Wenn das Schlachten vorbei ist

Natürlich bin ich ein vorbildlicher Umweltaktivist. Wenn ich pinkle, gehe ich raus und pinkle in den Komposthaufen. Das befeuchtet ihn und spart Gallonen von Wasser in Kalifornien, wo wir wenig Wasser haben. Trotzdem wird die Menschheit mit Sicherheit irgendwann aussterben. Wir sind mehr als sieben Milliarden. Wahrscheinlich mutiert ein Virus oder ein Bakterium und löscht uns aus. Das wird anderen Arten ermöglichen, sich durchzusetzen. Jene, die wir ausgelöscht haben, sind unwiederbringlich verschwunden. Aber sobald wir weg sind, werden neue entstehen. Tschernobyl zum Beispiel ist ein Ort, der mich fasziniert. Aus offensichtlichen Gründen ist Menschen der Zutritt verboten. Daher blüht die Tierwelt. Es mag dort unter den Tieren auch Mutationen geben. Aber momentan ist es wie das Paradies auf Erden, weil dort keine Menschen hindürfen.

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Wenn die Leute sagen: »Rettet die Erde«, verwechseln sie etwas. Wir müssen die Erde nicht retten. Die Erde rettet sich selbst. Gemeint ist: »Rettet die Bedingungen, die es unserer Spezies möglich gemacht haben, zu entstehen und weiterzuleben.« Das kapitalistische System hat uns schon im Stich gelassen. Wenn die Leute keine Autos mehr kaufen und nichts von dem Müll, den man uns von der Geburt bis zum Tod andrehen will, bricht am Ende alles zusammen. Die traurige Nachricht ist: Wir haben nur noch dreieinhalb Milliarden Jahre, bis die Sonne erlöschen wird. Das ist nur ein Blinzeln. Meine Art, damit umzugehen, ist ganz einfach: Ich werde sterben. Aber nicht, bevor ich 95 bin. Ich möchte etwas Zeit haben, um Golf spielen zu lernen. Mit 94 werde ich mich zurückziehen, um noch ein schönes Jahr für mich zu haben.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio

 
Leserkommentare
    • thbode
    • 25.02.2012 um 10:17 Uhr

    wären auch keine Lösung.
    Natürlich sterben die Menschen irgendwann aus. Aber damit wird nichts besser, allerdings auch nicht unbedingt schlechter.
    Viele Arten entwickeln ein Ich-Bewusstsein, erkennen sich im Spiegel als "Ich". Das ist das Faszinierende und gleichzeitig das zentrale Problem: das Individuum kämpft um den eigenen Vorteil und seine Erhaltung gegen die "Anderen".

  1. ... sterben wir irgendwann aus und andere Arten entwickeln sich (möglicherweise sogar aus uns). Das ist völlig klar.

    Folgende Tatsache hingegen, die an sich auch offensichtlich ist, sollte ehrlicherweise häufiger betont werden:
    »Gemeint ist: Rettet die Bedingungen, die es unserer Spezies möglich gemacht haben, zu entstehen und weiterzuleben.« ... und die wir lieb gewonnen haben.

    Danke dafür!

    • brazzy
    • 26.02.2012 um 14:13 Uhr

    Leider scheint der Mann die Art Schriftsteller zu sein, die Stil und Story über Recherche stellt.

    Dass ein Virus oder Bakterium die Menschheit komplett ausrottet ist ausgeschlossen; es gibt genug isoliert lebende Kommunen um die Art zu erhalten, ganz zu schweigen von resistenten Individuen. Und dreieinhalb Milliarden Jahre als "Blinzeln" zu bezeichnen ist schlicht ignorant, das ist immerhin mehr als ein Viertel des Alters des Universums.

    Kurz: der Mann gefällt sich in der Rolle des abgeklärt-überlegenen Zynikers der das was uns groß und wichtig erscheint als nichtig und klein entlarvt, ihm fehlt aber das Wissen um diese Rolle auch wirklich ausfüllen zu können.

    Und

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    • Osterp
    • 26.02.2012 um 14:50 Uhr

    In der Evolution hat es schon mehrere Katastrophen gegeben, in denen ganze Arten, auch in ihrer Zeit vorherrschende, ausgestorben sind. Dieses Los wird zwangsläuftig auch die Menschheit irgendwann mal treffen. Da hilft auch kein Wunschdenken und der Versuch, Nischen des Überlebens für den Menschen herbei zu sehnen.
    Im Übrigen kann man der Evolution nur wünschen, dass sie es eines Tages schafft, den größten Beschädiger der Welt, den Menschen, aus seinem Programm zu entfernen und den anderen Arten die Chance zu eröffnen, sich ohne den Einfluss der Menschen zu entwickeln. Früher waren es Naturkatastrophen, die ein Aussterben hervor gerufen haben, heute ist es das Verhalten und die ungehemmte Ausbreitung einer einzigen Art, die alles andere gefährdet.

    • Osterp
    • 26.02.2012 um 14:50 Uhr

    In der Evolution hat es schon mehrere Katastrophen gegeben, in denen ganze Arten, auch in ihrer Zeit vorherrschende, ausgestorben sind. Dieses Los wird zwangsläuftig auch die Menschheit irgendwann mal treffen. Da hilft auch kein Wunschdenken und der Versuch, Nischen des Überlebens für den Menschen herbei zu sehnen.
    Im Übrigen kann man der Evolution nur wünschen, dass sie es eines Tages schafft, den größten Beschädiger der Welt, den Menschen, aus seinem Programm zu entfernen und den anderen Arten die Chance zu eröffnen, sich ohne den Einfluss der Menschen zu entwickeln. Früher waren es Naturkatastrophen, die ein Aussterben hervor gerufen haben, heute ist es das Verhalten und die ungehemmte Ausbreitung einer einzigen Art, die alles andere gefährdet.

  2. Ein sehr sympatischer und direkter Beitrag, voller Charme und Ehrlichkeit.

    2 Leserempfehlungen
    • iboo
    • 26.02.2012 um 14:21 Uhr

    wie jeder Naturschützer wissen sollte, denn für die Golfanlagen werden normalerweise riesige Naturflächen platt gemacht und statt dessen durch extrem artenarme Flächen ersetzt: den überall gleichen, grünen Golfrasen.

    Eine Leserempfehlung
  3. das stimmt so nicht ganz. golfplätze haben ökologische werte, vor allem, wenn sie auf ehemals intensiv landwirtschaftlich genutzten flächen entstehen. von der gesamtfläche sind dann viele prozent rough- und semiroughflächen, die vielen arten einen lebensraum bieten. konkret gibt es einen golfplatz in meiner nähe, auf dem sich wieder laubfrösche angesiedelt haben (rote liste art) - bei interesse zB auch das lesen:
    http://www.golf.de/dgv/bi...

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    ist doch etwas vergleichsweise sehr steriles und verbraucht unverhältismäßig viel mehr von der kostbaren Ressource Wasser, als wildwachsende Natur. Insbesondere in heißen, trockenen Gegenden, z.B. auch dort, wo dieser Autor lebt!

    ist doch etwas vergleichsweise sehr steriles und verbraucht unverhältismäßig viel mehr von der kostbaren Ressource Wasser, als wildwachsende Natur. Insbesondere in heißen, trockenen Gegenden, z.B. auch dort, wo dieser Autor lebt!

  4. Vielleicht sollte man die Aussagen des Autors eher wohlwollend als philosophische Denkanstöße interpretieren.

    Die Wahrscheinlichkeit eines Aussterbens der Menschheit ist denkbar gering, vor allem wenn man in Kategorien von Milliarden Jahren denkt.

    Die Entwicklung wohin sollte hier wichtiger sein. Davon abgesehen sind unsere Grundbausteine und die des Grases vor unserer Tür dieselben. Die Abgrenzung zwischen Arten ist sowieso willkürlich, da sie festgelegten Mustern folgt.

    Ob unsere Nachfahren in ~100.000 Jahren beginnen grüne Antennen zu entwickeln, kybernetische Module gleich in die DNA einspeisen oder uns, ganz natürlich, wieder ein schöner Schwanz wächst, der Punkt ob und ab wann man den Begriff Menschen (dann ebenfalls willkürlich) nicht mehr verwendet und eine neue Art festlegt ist auf die Milliarden Jahre gesehen wohl eher nebensächlich. Aktuell sind übrigens natürliche Anpassungen wie dritte Zähne (eigene) und regelmäßiger zweiter Eisprung im Monat bei manchen Völkern gehäuft.

    Auch in 3,5Milliarden Jahren ist unser Ende eher unwahrscheinlich, erstens kann man Raumschiffe bauen, zweitens fühlen sich z.Bsp. Spinnen selbst ohne im erdnahen Orbit ganz wohl und verschiedene Grundstoffe haben auch im interstellaren Raum keine Probleme.

    Kurz um, entweder man ist mit solchen Gedanken wie Herr Boyle mehr als engstirnig und völlig phantasielos, oder man gibt ein paar Denkanstöße.

    Diese können vor allem im heutigen Alltag natürlich sehr wesentlich sein.

    • Crest
    • 26.02.2012 um 14:47 Uhr

    und wahrscheinlich auch nicht so gemeint. Dennoch ganz lustig formuliert.

    Der Mensch wird irgendwann aussterben? Vielleicht in dem Sinne, dass er mal ein "missing link" darstellen könnte. (So wie der homo erectus ausgestorben ist und wir seine Nachkommen sind.)

    Vielleicht aber auch nicht. Denn der Mensch hat eine Qualität auf die Erde gebracht, die seinesgleichen sucht: Er kann seine eigene Evolution steuern. Und ich denke er wird es tun.

    Die traurige Nachricht ist: Wir haben nur noch dreieinhalb Milliarden Jahre, bis die Sonne erlöschen wird.

    Aber Monsiur - das werden wir ändern! ;-)

    Herzlichst Crest

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    ... die eigene Evolution. Und zwar in Richtung rasant wachsender Technik- und Technologieabhängikeit*. Das erhöhte bisher zweifellos seine Überlebensfähigkeit, individuell und als Art. Aber es wird zum Kollaps führen, wenn es mit dem Techniksupport mal eng werden sollte.
    ___
    *und das nicht nur bei der Ernährung und der Sicherung der materiellen Lebensbedingungen. Viele Menschen, die sich heute aufgrund technisch-wissenschaftlicher Fortschritte vermehren können, hätten dies noch vor wenigen Jahrzehnten nicht geschafft. Wir werden daher irgendwann Gendefekte reparieren können müssen, um die Überlebensfähigkeit unserer Genetik, die den Gesetzen der Evolution folgend abnehmen wird, sichern zu können.

    ... die eigene Evolution. Und zwar in Richtung rasant wachsender Technik- und Technologieabhängikeit*. Das erhöhte bisher zweifellos seine Überlebensfähigkeit, individuell und als Art. Aber es wird zum Kollaps führen, wenn es mit dem Techniksupport mal eng werden sollte.
    ___
    *und das nicht nur bei der Ernährung und der Sicherung der materiellen Lebensbedingungen. Viele Menschen, die sich heute aufgrund technisch-wissenschaftlicher Fortschritte vermehren können, hätten dies noch vor wenigen Jahrzehnten nicht geschafft. Wir werden daher irgendwann Gendefekte reparieren können müssen, um die Überlebensfähigkeit unserer Genetik, die den Gesetzen der Evolution folgend abnehmen wird, sichern zu können.

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