Tau auf einem Veilchenfeld

Der Place du Capitole in Toulouse ist ein sehr großer Platz für ein kleines Blümchen – weltstädtisch raumgreifend, von Arkaden gesäumt und mit einem klassizistischen Palast von Rathaus an der Längsseite. Vor dem Capitole feiern die Bürger jeden Februar ein Fest zu Ehren des Veilchens. Die Sonne scheint, der Wille zum Frühling ist offenbar – Veilchentöpfe in lila Krepp auf dem Rasen, lila Luftballons und weiße Pagodenzelte mit breitem Angebot an Veilchen zum Kosten und Kaufen –, aber selten haben alle Beteiligten so geschnattert wie in diesem Jahr. Die junge Frau am Stand mit Veilchenmakronen und Veilchenbrioches trägt zum veilchenblau bebänderten Strohhut eine Pelzjacke. Der Bäcker selbst stärkt sich aus der Thermoskanne mit einem Heißgetränk. Die Veilchen auf ihren nackten Stängeln haben ganz spitze Gesichter.

La Violette de Toulouse aus der Familie Viola suavis ist die Wappenblume der Stadt und eigentlich ein unerschrockenes Geschöpf. Es blüht von November bis März unter Entfaltung eines exquisiten Dufts. Im Zelt der Stadtgärtnerei dürfen Kinder Ableger in Blumentöpfe drücken und mitnehmen. Schön im Schatten halten, ihr Lieben, und nicht mit der wilden Verwandtschaft zusammenbringen, weil die über den stärkeren Einkrautungsdrang verfügt! Ein Hauch von Veilchenpastillen, Veilchenseife und Veilchenparfum weht über den Place du Capitole. Aber die Veilchen in den Töpfen wollen nicht duften. Der Wintereinbruch in Südfrankreich hat sie eiskalt erwischt.

Hélène Vié, die Chefin des Maison de la Violette , hat ihre Pflanzen rechtzeitig in Sicherheit gebracht. Das Haus des Veilchens ist ein Frachtkahn, eine achtzig Jahre alte Péniche, die gegenüber dem Bahnhof von Toulouse auf dem Canal du Midi vertäut liegt. Der eiserne Rumpf ist maigrün und veilchenblau gestrichen, auf dem Oberdeck stehen im Sommer Kaffeehausstühle. Im Winter blühen hier unter einer Schutzfolie die Veilchen. Aber nun ist es abgeräumt.

Eine Mitarbeiterin verarbeitet in Villefranche de Lauragais Veilchen Spirituosen. © GEORGES GOBET/AFP/Getty Images

Madame Vié in lila Gärtnerschürze hat alle Töpfe im Laderaum des Kahns verstaut. Dort drängen sie sich zwischen dem romantischen Krimskrams und allerlei Feinkost, zu deren Würze Viola herangezogen werden kann und die Madame Vié unter Deck verkauft: Bonbons, Likör, Tee, Essig, Senf, Honig und Konfitüre, Veilchen im Badeschaum, auf Tassen, Waschlappen und Kissenbezügen. Und der Duft? Nichts. »Sie leiden«, sagt Madame Vié. »Veilchen sind Freilandgewächse. Hier drinnen ist es ihnen zu warm.«

Das erste Pflänzchen kam im Schnupftuch nach Toulouse

Aber auch im Freiland stellen sie sich kapriziös an. Ihr Aromastoff Alpha-Ionon ist flüchtig. Von der menschlichen Nase bedrängt, scheint La Violette das Duften einzustellen. Doch es ist nicht das Veilchen, das streikt, es ist unser Geruchssinn. Schnuppert man wenig später erneut, ist der Duft wieder da, verfliegt... Man braucht in Toulouse draußen wie drinnen einen ziemlich guten Riecher, um seine Spur nicht zu verlieren.

Dabei ist La Violette de Toulouse für ihr Odeur berühmt. Ein französischer Soldat hatte um 1850 das erste Pflänzchen in einem Schnupftuch voll Erde aus Parma mitgebracht und seiner Liebsten verehrt. Es gehört daher zu den Parmaveilchen. Anders als das poesiealbumtaugliche sittsame Veilchen im Moose ist sein Auftritt zugleich blasser und frivoler: langer Stängel, zartlila gefüllte, im Herzen weiße Blüte. Und es duftet betörend. Sagt Hélène Vié.

Mit Veilchenpuder gefüllte Säckchen im Unterkleid, bestäubte Fächer, Handschuhe und Taschentücher gehörten im 19. Jahrhundert zu den schweren olfaktorischen Geschützen. Als Sträußchen ans Ballkleid geheftet, ließen sie die aromatischen Blindgänger Kamelie und Orchidee weit hinter sich und beförderten das reizvolle Spiel von Bedrängen und Verduften. Über 600.000 Buketts lieferte das Umland von Toulouse jährlich nach Paris und, da die Stadt im Flugverkehr bereits die Nase vorn hatte, bis nach London , Rabat , Russland und Kanada . Im Winter 1956 war es damit vorbei: Ein Frosteinbruch sibirischen Ausmaßes vernichtete 20 Hektar Veilchenkultur. Ein Virus gab den Pflänzchen den Rest. Auch waren andere Winterblumen aus dem Treibhaus inzwischen schick geworden. Die Konkurrenz schoss auf wie Zaunwinde und begrub Viola suavis unter sich. Erst seit 1985 wird das Blümchen wieder verehrt und vermehrt – unter Glas und über Stecklinge.